Walter Fritsch zeigt, wo er bis zum Zweiten Weltkrieg aufgewachsen ist. Foto:  

Walter Fritsch berichtet über seine Besuche in seinem einstigen Heimatort in Nordmähren – nicht ohne Wehmut. Aber dort leben möchte er nicht mehr.

Holzgerlingen - Er kann nicht loslassen. Nicht von seiner alten Heimat und erst recht nicht von seinem ehemaligen Elternhaus. Der 79 Jahre alte Holzgerlinger Walter Fritsch hat in der Vortragsreihe zu der Ausstellung im Heimatmuseum, in der es um die Bombenangriffe vor 75 Jahren, die Vertreibung aus den Ostgebieten und um 25 Jahre Städtepartnerschaft mit Niesky in Sachsen geht, auf der Burg Kalteneck in einem Diavortrag von seinen Reisen in die Vergangenheit berichtet.

Ein Mann mittleren Alters öffnet die Tür

Wie oft er in seinem Heimatdorf im nordmährischen Zauchtel war, dem heutigen Tschechien, kann er nicht einmal genau sagen. Es mag fünf oder sechs Mal gewesen sein. Erstmals klopfte er an die Tür des Hauses Nummer 165, wo er mit seinen Eltern, seinen drei Brüdern und seiner Schwester gelebt hatte, im Jahr 1992. Ein Mann mittleren Alters öffnete die Tür, die beiden konnten sich nur mit Händen und Füßen verständigen. Später stieß er auf eine Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Zauchtel mit seinen heute etwa 2400 Einwohnern geblieben war. Sie fungierte als Dolmetscherin. Fritsch erfuhr, dass der Bewohner sein Elternhaus gekauft hatte und in einem Futtermittelwerk arbeite. Dessen Einkommen reichte jedoch nicht aus, das Haus zu renovieren.

In einem noch kläglicheren Zustand war das Gebäude bei Fritschs bisher letztem Besuch im Jahr 2017. Damals traute er sich nicht mehr anzuklopfen. Das habe ihm schon sehr wehgetan. Immerhin traf er in seiner alten Heimat auf einen Deutschen, der mit ihm nach dem Krieg in demselben Lager in Zauchtel war, in das jene Einwohner kamen, die sich weigerten, sich dem Flüchtlingstreck am 3. Mai 1945 anzuschließen. Mit ihm – er ist um ein paar Ecken herum sogar ein Verwandter – verbindet Walter Fritsch heute eine Freundschaft, die es ihm leichter macht, die Geschichte von damals zu verarbeiten.

Als Bub sah er, wie Soldaten erschossen wurden

Als Sechsjähriger hatte er mit ansehen müssen, wie 300 Meter von seinem Elternhaus entfernt fünf deutsche Soldaten wegen Fahnenflucht von der Wehrmacht erschossen wurden. Diese Bilder brannten sich in sein Bewusstsein ein.

Nach dem Zwangsaufenthalt im Lager ihres Heimatdorfs wurde Familie Fritsch im August 1946 umgesiedelt und kam nach einer tagelangen Zugfahrt, mit vielen anderen in einem Waggon zusammengepfercht, in ein Auffanglager in Unterjettingen. Danach wurde ihnen ein Zimmer in Holzgerlingen zugewiesen. Mit ihnen wurden in der Gemeinde rund 900 Heimatvertriebe aufgenommen. Fritsch lernte nach der Schule Werkzeugmacher, heiratete eine Ortsansässige und fand in seinem Beruf ein gutes Auskommen. „Meine Heimat ist jetzt in Holzgerlingen“, sagt der 79-Jährige. In Zauchtel wolle er ganz sicher nicht mehr leben. Und ober er jemals noch einmal hinfahren wird, weiß er nicht.

Inszenierung in der Mauritiuskirche

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