N.W.A. im Film „Straight Outta Compton“ (vo. li.): Aldis Hodge als MC Ren, Neil Brown Jr. (DJ Yella), , Jason Mitchell (Eazy-E), O’Shea Jackson Jr. (Ice Cube)und Corey Hawkins (Dr. Dre). Foto: Universal Pictures

Der Kinofilm „Straight Outta Compton“ und das Album „Compton“ erzählen davon, wie ein Vorort von Los Angeles zur gefährlichsten Stadt in den USA und zur Heimat des Gangster-Rap wurde.

Los Angeles - You are know about to witness the strength of street knowlege – „Ihr werdet nun erfahren, welche Kraft man hat, wenn man das Gesetz der Straße kennt.“ So lautet – frei übersetzt – der Satz den Dr. Dre dem Album „Straight Outta Compton“ voranstellte, mit dem das Hip-Hop-Kollektiv N.W.A. 1988 das erfand, was man später Gangster-Rap nannte. Und dieser Slogan sollte mit seiner Authentizitätsbehauptung und Großspurigkeit philosophischer Kern des US-Westküsten-Hip-Hop werden.

Der Film „Straight Outta Compton“, der an diesem Donnerstag ins Kino kommt, versucht sich an einer Nacherzählung der Geschichte des Hip-Hop-Kollektivs N.W.A. Weil Ice Cube und Dr. Dre, die damals die kreativen Köpfe von N.W.A. waren, den Film produziert haben, ist für sie der Part der Rap-Helden reserviert. Ice Cube hat zudem entschieden, dass es eine gute Idee ist, sich in dem Film von seinem Sohn O’Shea Jackson spielen zu lassen. Dass da die kritische Distanz zur eigenen Geschichte fehlt, wundert nicht. „Straight Outta Compton“ möchte einem weismachen, dass der Gangster-Rap eine Form des afroamerikanischen Widerstands war.

Deutsche Synchronfassung schwer verdaulich

Dr. Dre und Ice Cube nehmen für sich in Anspruch, nicht nur den Soundtrack zu den Rassenunruhen Anfang der 1990er geliefert zu haben, sondern selbst mit Stücken wie „Fuck The Police“ die Rebellion angezettelt und einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft bewirkt zu haben. Einer Gesellschaft übrigens, in der in dieser filmischen Männerfantasie nur vorkommen dürfen, wenn sie bereit sind, mit ihren sekundären Geschlechtsmerkmale vor der Kamera herumzuwackeln,

Der in der deutschen Synchronisation nur schwer verdauliche Film führt damit letztlich genau die Großmäuligkeit und den Egozentrismus fort, die der Kern des von Sex, Gewalt und Drogen besessenen Gangster-Rap-Genres waren und sind.

Sehenswert ist „Straight Outta Compton“ eigentlich nur dann, wenn die Egos von Dr. Dre, Ice Cube, Eazy-E, DJ Yella und MC Ren ausnahmsweise nicht ins Bild drängen, sondern die verwahrlosten Mittelschichtsfassaden von Compton durchs Bild huschen – und eine ganz andere viel spannendere Geschichte erzählen.

N.W.A. als wütende Chronisten Comptons

An kaum einem Ort in den USA ist der Anteil der Afroamerikaner so hoch wie in Compton. Die Stadt im südöstlichen Schatten von Los Angeles war 1969 die erste Metropole Kaliforniens, die von einem schwarzen Bürgermeister regiert wurde. Compton galt als Hochburg der afroamerikanischen Mittelklasse, ein Versprechen, dass der amerikanische Traum nicht nur für Weiße reserviert ist. Doch dann folgte der Niedergang. Kriminalität, Gewalt, Drogenhandel. Wer heute in Compton aufwächst, träumt nur davon, rauszukommen, Basketballprofi wie Tyson Chandler zu werden oder wie Dr. Dre oder Ice Cube Hip-Hop-Superstar. Wem das nicht gelingt, landet früher oder später in einer der rivalisierenden Gangs, im Knast oder im Leichenschauhaus.

N.W.A. waren die ersten wütenden Chronisten dieser Stadt. Und dass sich seither nicht viel in Compton geändert hat, bewies Kendrick Lamar, der 2012 mit dem Album „good kid, m.A.A.d city“ die Geschichte von einem erzählte, der der Versuchung ­widersteht, klein beizugeben und sich in Comptons Gangland zu verlieren.

Szenen aus dem Gangster-Paradies

Und zum Glück hat Hip-Hop-Mastermind Dr. Dre sich nicht nur an einer filmischen Aufarbeitung des Compton-Mythos’ versucht, sondern ihn auch musikalisch neu in Szene gesetzt. Sein aktuelles Album „Compton“, auf dem neben Kendrick Lamar auch Snoop Dogg, Ice Cube, The Game oder Xzibit zu hören sind, ist jedenfalls eine in ihrer poetischen Verdichtung viel besser Annäherung an Compton und die Rap-Geschichte, die mit dieser Stadt verbunden ist. Ein packendes Krimi-Hörspiel aus dem Herzen des Gangster-Paradieses.

Der Film „Straight Outta Compton“ (ab 12) läuft in Stuttgart in den Kinos ­Cinemaxx, Gloria, Ufa); das Album „Compton“ von Dr. Dre (Interscope/Universal) ist am 21. August erschienen.

Hip-Hop aus Compton – Eine kleine Rap-Chronik

N.W.A. – Straight Outta Compton (1988) Ein Album, das sich als Initialzündung für den Westcoast-Rap erwies.

Ice Cube – The Predator (1992) Das dritte und erfolgreichste Album des Alleskönners.

Dr. Dre – The Chronic (1992) Die Platte verkauft sich allein in den USA über fünf Millionen Mal – und macht den Rapper Snoop Dogg zum Star.

Coolio – Gangsta’ Paradise (1995) Gangster-Rap flirtet mit dem Pop-Mainstream.

Kendrick Lamar – Good Kid, M.A.A.D City (2012) Hip-Hop aus Compton hat wieder gelernt, Geschichten zu erzählen. (gun)

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