In Ostafrika werden die Schwärme der Wanderheuschrecken zu einer Bedrohung. Foto: dpa/Ben Curtis

Sie schwirren laut, sind klebrig und fliegen einem gegen den Kopf: Ein deutscher Entwicklungshelfer schildert, wie beängstigend es ist, wenn man in einen Heuschreckenschwarm gerät.

Hargeisa - Die Regierung der autonomen Region Somaliland am Horn von Afrika hat für Sonntag zur Krisensitzung eingeladen: Auf der Tagesordnung steht die Bedrohung durch Heuschreckenschwärme, die seit Wochen über Ostafrika und Teile Asiens ziehen. Mit Sorgen blicken die Somalis zum Horizont, ob ein dunkler Schwarm am Himmel im Anflug ist. Thomas Hoerz, seit 30 Jahren Entwicklungshelfer in Krisenländern der Welt, arbeitet in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland, und hat selbst einmal mitten in einem Heuschreckenschwarm gestanden, das war in Afghanistan: „Es ist beängstigend. Man kann die Augen nicht auflassen, schließt sie aus Angst vor Verletzungen. Die Tiere düsen einem an den Kopf, sie wiegen um die zwei Gramm, das ist ungefähr das Gewicht eines Ein-Cent-Stücks.“ Die Tiere fliegen unkoordiniert, sagt Hoerz, der Flügelschlag und das Zirpen seien unangenehm.

Mit dem Auto durch einen Schwarm zu fahren sei allenfalls in langsamer Schrittgeschwindigkeit möglich: „Bei Tempo 30 zerplatzen die Tiere wie Knallkörper an der Windschutzscheibe. Ihre Körper bilden einen Fettfilm auf der Scheibe, der ist so klebrig, dass man ihn nur mit Benzin entfernen kann.“ Hoerz’ Arbeitgeber, die Welthungerhilfe, hat ein Krisenteam zum Thema Heuschreckenplage in Ostafrika gebildet. In Somaliland trafen die Schwärme ein, als die Ernte von Sorghum und Mais glücklicherweise schon eingefahren war, aber die Angst vor ihrer Rückkehr ist groß. „Die fressen binnen Stunden alles weg: Weideflächen, die Futterbäume für Kamele und Ziegen“, sagt Hoerz. Das sehe danach aus wie ein Laubwald im Winter.

Wenn die Regenzeit beginnt, vermehren sich die Tiere noch besser

Wegen der Afrikanischen Wanderheuschrecke hat Somalia bereits den Notstand ausgerufen, das weit entfernte Pakistan – ebenfalls betroffen – auch. Zum Kreis der betroffenen Länder gehören auch Kenia und Äthiopien, in Uganda und der Südsudan werden die Schwärme bald erwartet. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO sind Schwärme mit rund 200 Milliarden Heuschrecken unterwegs. Feuchtes Wetter begünstigt das Brüten der Insekten.

Wenn im März wieder die Regenzeit beginnt, könnte sich die Zahl der Tiere ums 500-Fache vermehren, so die FAO. „Das bedeutet ein apokalyptisches Ausmaß“, sagt Thomas Hoerz. Die Welthungerhilfe weist darauf hin, dass schon heute elf Millionen Menschen am Horn von Afrika auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen seien, die Zahl könne sich rasch verdoppeln.

Leichtflugzeuge in Kenia versprühen Pestizide gegen die Tiere

In Kenia ist ein Schwarm von der Größe Luxemburgs (2500 Quadratkilometer) unterwegs, an einem Tag können die Insekten auf einem Quadratkilometer das Nahrungsangebot für 35 000 Menschen wegfressen. Sechs Leichtflugzeuge in Kenia versprühen Pestizide gegen die Tiere – sogar mit dem Segen der Ökologen. „Es ist für uns Agrarökologen schmerzhaft, das zu sagen: Aber es gibt zurzeit gegen die Heuschrecken kein anderes Mittel als Pestizide. Wir haben keine Alternativen“, sagt der Insektenforscher Stefan Diener von der Schweizer Stiftung Biovision, die an biologischen Insektenbekämpfungsmitteln arbeitet, unserer Zeitung.

In Afrika versuchen die Menschen, mit dem Geklapper von Topfdeckeln die Tiere zu vertreiben, oder sie schlagen mit Knüppeln auf die Büsche. Thomas Hoerz hat in Afghanistan beobachtet, dass die Bauern die an sandig-feuchten Uferböschungen liegenden Brutstätten der Heuschrecken ausheben und sie verbrennen. In Afrika habe er diese Methode nicht beobachtet. Angesichts der riesigen Schwärme bezweifelt Insektenforscher Diener, ob lokale Maßnahmen überhaupt greifen: „Das ist, als ob einer einen Waldbrand mit dem Gartenschlauch löschen will. Der einzelne Bauer ist praktisch machtlos.“

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