Die Rötelmaus sieht niedlich aus, doch sie kann das unangenehme Hantavirus übertragen. Foto: sebgsh/Adboe Stock

Auch wenn sich das Hantavirus tropisch anhört, infizieren sich vor allem Menschen im Südwesten mit diesem Erreger. Für 2017 sagten Gesundheitsämter eine wahre Epidemie voraus. Nun zeigt sich, wie sich die Lage entwickelt.

Stuttgart - Der junge Student war nur joggen, seine übliche Runde durch den Wald in Stuttgart. Einige Tage danach fühlte er sich schlapp. Ein fiebriger Infekt, so dachte er sich. Doch als die Temperatur immer höher stieg und er sich aufgrund seiner starken Rückenschmerzen nur noch im Bett wand, ging der Notruf raus. Im Katharinenhospital war nach der Blutuntersuchung die Diagnose klar: „Nierenversagen aufgrund einer Hantaviren-Infektion“, sagt Vedat Schwenger, der Ärztliche Direktor der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Autoimmunerkrankungen des Klinikums Stuttgart, der den Patienten wieder gesund entlassen hat.

Es ist ein besonders schwerer Verlauf einer Hantaviren-Infektion, den der Ärztliche Direktor da schildert. Und geht es nach dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, könnte es dies eventuell öfter geben: Schon im Januar hatten die Experten von einer Hantaviren-Epidemie in 2017 gewarnt. Prognosen gingen von mehr als 2500 Fällen aus. Diese hohen Zahlen werden zwar glücklicherweise nicht eintreten, sagt Christiane Wagner-Wiening, die im Landesgesundheitsamt im Fachbereich Epidemiologie tätig ist. „Aber wir haben eine deutliche Häufung.“

Eine Hantaviren-Infektion gilt als hämorrhagisches Fieber, das unter Umständen tödlich verlaufen kann: Das Sterbe­risiko liegt knapp unter einem Prozent. Die Krankheit ist somit meldepflichtig: Bis Mitte vergangener Woche waren 613 Infektionen im Land bekannt. Bis Ende des Jahres, davon geht das Landesgesundheitsamt aus, werden wohl noch weitere 200 Fälle hinzukommen. Zum Vergleich: 2016 waren im ganzen Jahr nur knapp 100 Fälle gemeldet worden.

Das epidemische Auftreten der Erreger ist typisch: Hantaviren zeigen beim Menschen ein ausgeprägt zyklisches Verhalten. Alle paar Jahre tritt die ansonsten seltene Krankheit gehäuft auf. Schwere Ausbrüche in Baden-Württemberg gab es etwa 2007, 2010 und 2012. In diesen Jahren gab es weit mehr als 1000 Infektionen im Land.

Dass sich das Virus in diesen Zeiträumen so optimal verbreiten konnte, erklären Experten mit den Umweltbedingungen in dem jeweiligen Vorjahr: Denn anders als etwa beim Schnupfenvirus wird das Hantavirus nicht mit einem Niesen oder einem Husten tröpfchenweise von Mensch zu Mensch weitergegeben. Das Hantavirus braucht einen tierischen Wirt: die Rötelmaus.

Einmal angesteckt, scheidet der Nager die Viren lebenslang über den Speichel oder den Kot aus. Menschen infizieren sich, indem sie den verunreinigten Staub einatmen – beim Auskehren von alten Schuppen beispielsweise oder wenn man querfeldein durch den Wald streift, so wie der junge Patient bei seiner Joggingrunde.

Im vergangenen Jahr konnten sich die Rötelmäuse und somit auch die Hantaviren optimal vermehren: Denn die Buchen und Eichen hatten ordentlich Früchte getragen – und so für ein optimales Nahrungsangebot für die Nager gesorgt, bestätigt Jürgen Wippel, Sprecher des Landesministeriums für ländlichen Raum. Und weil die Mäuse nicht sehr wanderlustig sind, sondern für gewöhnlich in der ­Region bleiben, in der sie ein großes ­Nahrungsangebot finden, können Experten eine relativ sichere Prognose abgeben: Gibt es ein Mastjahr, gibt es auch mehr Mäuse – und in den darauf folgenden ­Monaten auch mehr Viren.

Man wird sich hierzulande daran gewöhnen müssen, dass Hantaviren häufiger auftauchen: „Aus Sicht der Forstexperten im Land gibt es eine gewisse Tendenz zu etwas häufigeren Masten“, sagt Wippel. Diese Tendenz könnte mit dem Klimawandel im Zusammenhang stehen.

Eine wissenschaftliche Untermauerung gibt es für diese These bislang nicht, gilt aber unter Epidemiologen als sehr wahrscheinlich: In den vergangenen zwei Jahren hatten zwei Studien aus Schweden und Frankreich ergeben, dass höhere ­Temperaturen wohl zu vermehrt Nierenerkrankungen führen würden, die durch Hantaviren ausgelöst werden.

Doch die für den Erreger günstigen ­Umweltfaktoren seien nicht die einzigen Gründe, warum die Zahlen der Hantaviren-Infektionen insgesamt zunehmen würden, sagt der Stuttgarter Nierenspezialist Schwenger: Inzwischen wissen Ärzte recht gut über die Krankheit Bescheid, weshalb sie öfter diagnostiziert wird. „So schwere Verläufe wie bei dem jungen Jogger sind bei dieser Infektion zum Glück nicht so häufig.“ Die meisten, so Schwenger, kurieren sich zu Hause aus – ohne den Arzt aufzusuchen.

Weltweit gibt es mindestens fünf Arten des Hanta-Erregers, die für den Menschen tödlich sind. In Deutschland verursacht die meisten Erkrankungen das Puumala-Virus, das grippeähnliche Beschwerden verursacht: hohes Fieber, das mehr als drei Tage anhält, Kopfweh und Gliederreißen. Hinzu kommen die typischen Rückenschmerzen. Gefürchtet ist das vollständige Nierenversagen, weshalb Schwenger jedem dazu rät, sicherheitshalber einen Arzt aufzusuchen, wenn die Symptome auftreten. In der Regel heilt die Viruserkrankung aber ohne Spätschäden aus. „Vielleicht tröstet es, dass jeder, der mit dem Hantavirus in Berührung gekommen ist, künftig immun dagegen ist.“

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