Der militärische Arm der Hamas: die Qassim-Brigaden. Was mit ihnen künftig passiert, ist noch unklar. Foto: AFP

Nach Jahren des Kampfes zeichnet sich eine Annäherung der radikalislamischen Hamas und der Fatah-Bewegung ab. Die Hamas will die Macht im Gazastreifen abgeben. Die Lage dort ist unerträglich geworden.

Gaza - Die radikale palästinensische Organisation Hamas hat am Sonntag ein überraschend pragmatisches Angebot präsentiert: Sie lade die Regierung des gemäßigten Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas im Westjordanland dazu ein, „in den Gazastreifen zu kommen und ihre Aufgaben sofort zu übernehmen“. Die islamistischen Herrscher in Gaza sind demnach bereit, einen Teil ihrer Alleinmacht an die moderate Palästinenser-Führung ­abzutreten. Die Behelfsverwaltung, die die Hamas vor einem halben Jahr nach dem Scheitern der nationalen Einheitsregierung eingesetzt hatte, soll aufgelöst werden. Jussuf al-Mahmud, Sprecher der Regierung von Abbas, beschrieb das Versöhnungsangebot der Hamas als „historische Gelegenheit für eine Wiedervereinigung“.

Neben dem Angebot, die politische Verwaltung im Gaza abzugeben, sprach sich die Hamas für allgemeine Wahlen aus sowie für direkte Versöhnungsgespräche mit ihren ­Rivalen von der Fatah. Ungeklärt ist noch, ob die Hamas auch die Kontrolle über ihre Qassim-Brigaden abgibt.

Auf den ersten Blick scheinen die wirtschaftlichen Sanktionen, die Präsident Abbas verhängt hatte, die Hamas nachgiebiger gemacht zu haben. Nicht nur die Stromkrise, auch die Krankenversorgung in Gaza hatte sich durch die Kürzungen der Subventionen verschärft, die Lage für die Bewohner wird unerträglich. Der Zeitpunkt, den die Hamas für ihre Ankündigung wählte, bringt aber Abbas in ein Dilemma. Für Mittwoch ist ein Treffen zwischen ihm und Donald Trump am Rande der UN-Generalversammlung in New York geplant. Abbas hofft, vom US-Präsidenten ein Bekenntnis zu einer Zwei-Staaten-Lösung zu erhalten. Die Chance könnte zunichtegemacht werden, wenn Abbas die Aussöhnung mit der Hamas anstrebt, die von den USA als Terrororganisation eingestuft wird.

Die Hamas ist mehr denn je auf ein Auskommen mit Ägypten ­angewiesen

Verstehen lässt sich der Kurswechsel der palästinensischen Islamisten ohnehin nur im regionalen Kontext. Die Hamas ist mehr denn je auf ein Auskommen mit Ägypten ­angewiesen, nachdem ihr die Unterstützung aus Katar und der Türkei weg­gebrochen ist, und der Iran nur bedingt als Partner in Frage kommt. Ihre einzige Option, den Gazastreifen aus der Isolation zu führen, ist eine Öffnung des Grenzübergangs Rafah zur ägyptischen Sinai-Halbinsel. Aus diesem Grund hatte die Hamas in der vorigen Woche ihren Politbüro-Chef, Ismael Hanija, und eine ­hohe Delegation aus Gaza, angeführt von dem zum militanten Flügel gerechneten ­Jehije Sinwar, zu Gesprächen nach Kairo ­geschickt. Daran beteiligt waren auch Vertreter der Fatah. Ihr Verhandlungsangebot gab die Hamas denn auch in Kairo offiziell bekannt.

Die Fäden dabei zog Mohammed Dahlan, der selbst aus Gaza stammt, von Abbas jedoch als einer seiner stärksten, parteiinternen Kritiker aus der Fatah ausgeschlossen wurde. Dahlan wird nachgesagt, das Vertrauen von Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi zu genießen, beste Kontakte zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zu pflegen und mit ihrem Rückhalt ein Comeback als eigentlicher Machthaber in Gaza anzustreben. Auch mit Sinwar, der bislang als Hardliner galt, als Hamas-Führer aber eher Realpolitik betreibt, kann Dahlan ­offenbar gut. All dies trägt dazu bei, dass die Abbas-Behörden im Falle ihrer Regierungsübernahme in Gaza sich vermutlich mit einer Schattenrolle begnügen müssten. Die Hamas mit ihrem bewaffneten Flügel bliebe „der Herr am Platz“, so der israelische Extremismusforscher Kobi Michael. Ihr Angebot signalisiere allerdings auch an Israel, so Kobi Michael, „dass die Hamas keine Eskalation will, sondern viel mehr am Wiederaufbau in Gaza interessiert ist“.

– Kommentar:Mehr Sicherheit

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