Den Mannheimer Marktplatz säumen 22 Restaurants mit Holzkohlegrills und Dönerspießen. Foto: dpa/Uwe Anspach

Rund um den Mannheimer Marktplatz gibt es seit Jahren Streit um üble Gerüche aus Grill- und Dönerrestaurants. Ein Gutachten bestärkt nun die Wahrnehmung vieler Anwohner.

Mannheim - Nun ist es amtlich: Nach einem neuen Gutachten wabern rund um den Mannheimer Marktplatz unzumutbare Gerüche aus Grillrestaurants. Seit Jahren beschweren sich Anwohner, dass sie im Sommer ihre Balkone nicht nutzen und ihre Fenster nicht öffnen können. Markthändler fühlen sich geräuchert. Die gemessene Geruchshäufigkeit liege in der Spitze bei 20 Prozent und damit doppelt so hoch wie erlaubt, erläutert Matthias Rau vom Heilbronner Ingenieurbüro metsoft am Mittwoch. Das heißt, dass an 1752 Stunden im Jahr oder fast fünf Stunden am Tag am Marktplatz und seiner Umgebung Gerüche deutlich wahrnehmbar seien. Rau: „Das kann bis zum Penetranten gehen.“

Laut der Geruchsimmissionsrichtlinie darf der Wert in Mischgebieten aber zehn Prozent nicht überschreiten, erklärt der Experte, der das Gutachten im Auftrag der Stadt erstellt hat. Den Marktplatz säumen 22 Restaurants mit Holzkohlegrills und/oder Dönerspießen. „Die Situation ist schon extrem“, sagt Rau.

Nicht nur Gestank, sondern auch sondern Gesundheitsgefährdung

Mit sogenannten geeichten Nasen wurde die Expertise erstellt: Menschen wurden Proben aus dem laufenden Betrieb vorgehalten und jene ausgewählt, die einem durchschnittlichen Geruchssinn am nächsten kamen. Diese mit geeichten Nasen ausgestatteten Helfer haben sich für die Expertise durch mehrere Quadrate Mannheims geschnüffelt.

Es geht bei dem Qualm nicht nur um lästigen Gestank, sondern auch um Gesundheitsgefährdung. Nach Auskunft des Kölner Kinderarztes Christian Döring entstehen beim Verbrennen des Fleisches kleinste schwebende Partikel, auf denen sich dioxinartige Stoffe anlagern. Dieser Ultrafeinstaub erhöhe das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen sowie von Atemwegserkrankungen.

Reinigungsanlagen sind teuer

Stunk um Grill-Schadstoffe gibt es nicht nur in Mannheim und Köln, sondern in vielen anderen Städten Deutschlands: Bei einer bundesweiten Umfrage des Fraunhofer-Instituts IBP meldeten 183 Kommunen Beschwerden wegen Grillrauchs - nicht nur aus Kebap-Läden, Grill-Imbissen und Grill-Restaurants, sondern auch aus Pizza- und Brotbacköfen.

Fachmann Rau sieht die Lösung in Reinigungsanlagen, die mit mindestens 20 000 Euro in der Anschaffung aber sehr teuer seien. Ob die bestehenden Betriebe zum Einbau verpflichtet werden können, sei unklar. Höhere Kamine seien statisch und auch aus optischen Gründen nicht realisierbar.

Die Stadt teilt auf die Frage nach Konsequenzen mit: „Die aktuell vorliegenden Ergebnisse geben uns nun eine Grundlage für weitere Schritte und mögliche behördliche Anordnungen für die Restaurantbetreiber, die jetzt geprüft werden.“

Anwohner kann nicht lüften

Der grüne Mannheimer Gemeinderat Gerhard Fontagnier wird konkreter: Die Stadt habe mit dem Gutachten endlich ein Mittel an der Hand, mit Nachdruck gegen die Schadstoffe vorzugehen und auf den Einbau von Filteranlagen zu pochen. Er sieht auch das Land in der Pflicht, die laxen Anforderungen für die Betriebserlaubnis von Gaststätten ohne Alkoholausschank - wie die Mannheimer Lokale - zu verschärfen. Schon jetzt kann laut Bebauungsplan in der Gegend um den Marktplatz kein weiteres Grill-Lokal mehr in Betrieb genommen werden.

Hannes Köppel, Anwohner des Marktplatzes und Mitglied der Initiativgruppe Grillrauch, ist wenig überrascht vom Ergebnis der Expertise. Er könne nicht lüften und bewege sich durch Rauchschwaden, wenn er den Marktplatz überquere - eigentlich sei die Sachlage eindeutig. Aber die Stadt habe jetzt das Gutachten als schlagendes Argument in den Gesprächen mit den Gastronomen über den Einbau von Filteranlagen. Diese müssen Köppel zufolge nach dem Verursacherprinzip von den Betreibern selbst gezahlt werden. „Wir Anwohner hoffen auf ein positives Ende der Gespräche.“

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