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"Wir müssen den sauberen Weg zu Mediallen aufzeigen", sagt DLV-Vize Günther Lohre im Interview.

Stuttgart - Am Wochenende fand die Team-EM in Bergen statt, Ende Juli die Freiluft-EM in Barcelona - die Fans erwarten nach der WM 2009 viele Medaillen für Deutschland. Günther Lohre, Vizepräsident Leistungssport im DLV, warnt vor übertriebener Euphorie: "Der Wettbewerb in Europa hat an Intensität zugenommen."

Herr Lohre, b ei der WM 2009 in Berlin hat die deutsche Mannschaft neun Medaillen geholt. Dürfen sich die Fans nun auf eine Medaillenflut in Barcelona freuen, wenn die starken Amerikaner, Asiaten und Afrikaner fehlen?

Ob wir Medaillen noch und nöcher gewinnen, ist eine andere Frage, denn der Wettbewerb innerhalb Europas hat erheblich an Intensität zugenommen. Da aber die dominierenden Sprinter aus der Karibik und die afrikanischen Mittel- und Langstreckler fehlen, gehen wir davon aus, dass wir den ein oder anderen Deutschen in einem Finale sehen werden. Ich denke, dass wir optimistisch sein dürfen, aber was letztendlich an Medaillen herauskommen könnte, da sind wir noch ein bisschen früh dran.

Die deutschen Läufer hinken im Vergleich zur Weltelite weit hinterher.

Die Kritik kennen wir, aber sie geht davon aus, dass die Bedingungen weltweit die gleichen sind. In der globalisierten Leichtathletik gibt es Läufer mit anderen ethnischen Voraussetzungen und anderen Lebensumständen, die geeigneter sind als die der Mitteleuropäer. Afrikaner ernähren sich etwa nicht ständig in Schnellrestaurants.

Ich gehe doch stark davon aus, dass deutsche Spitzenathleten sich nicht regelmäßig an Imbissbuden verköstigen.

Sie wissen, was ich sagen will. Differenziert betrachtet ist es so, dass Menschen, die im Hochland von Äthiopien oder Kenia aufwachsen, biologisch andere Voraussetzungen haben und sie in bestimmten Disziplinen dominieren - deshalb hat aber nicht der DLV versagt. Wir müssen uns dran gewöhnen, dass wir nicht in allen Disziplinen in der Spitze mithalten können - natürlich kann es immer wieder einen geben, der vorn mitläuft und vielleicht auch siegt.

Wie etwa der US-Läufer Chris Solinsky, der kürzlich über 10.000 Meter in 26:59,60 unter der magischen 27-Minuten-Grenze blieb.

Die Amerikaner machen derzeit ein Experiment, das wir uns leider nicht leisten können. Da leben Sportler in einem abgeschotteten Haus, in dem sie optimale Trainingsbedingungen vorfinden, in dem eine künstliche Höhe - also ein geringerer Sauerstoffgehalt der Luft - geschaffen wurde. Das ist was anderes, als wenn wir ins Höhentrainingslager gehen, das ist wie im Hochland von Kenia, da passt sich der Körper an.

Die Vorbereitung für Olympia 2012 hat begonnen

 

  Und wo setzt der DLV seine Hebel an?

Wir befinden uns in der Vorbereitung auf Olympia 2012 - wir wollen unseren Schwerpunkt dabei auf die sportfachliche Betreuung legen. Lange Zeit stand das Thema soziale Absicherung der Athleten ganz oben, das funktioniert hervorragend. Aber jetzt müssen wir wieder ans Eingemachte gehen, an die Beschaffung von Know-how, um uns qualitative Wettbewerbsvorsprünge zu beschaffen. Das geht in die Forschung, also beispielsweise: Was passiert in den verschiedenen Trainingsphasen? Wir wollen mehr wissen als unsere Konkurrenz.

Wenn die anderen womöglich dopen?

Sport muss frei bleiben von verdeckten Manipulationen. Wir können in diesem Kampf ja nur glaubwürdig bleiben, wenn wir einen Weg aufzeigen, wie man sauber Medaillen gewinnen kann - nämlich mit intelligenteren Trainingsmethoden, durch noch wirksamere Regeneration, durch eine hohe Trainings- und Leistungsentwicklungsqualität. Unser Fokus gilt diesem Prozess.

Kleine Clubs verlieren oft ihre Talente an große.

Das gilt auch in der Leichtathletik. Wenn ein Talent bei einem großen Club bessere Bedingungen erhält und mehr Geld verdient, wird es wechseln. Wenn rund um Stuttgart kein Verein existiert, der das bieten kann, ist die Entwicklung nicht aufzuhalten. Dabei ist Baden-Württemberg eine Talentschmiede, die Nachwuchssportler verlassen nur irgendwann den kleinen Verein und gehen etwa zu Bayer Leverkusen. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir die Vereine entsprechend ausstatten.

Clubs müssten sich zu einer Leichtathletik-Gemeinschaft zusammenschließen.

Wie die Struktur aussieht, ist zweitrangig. Im Prinzip wird eine hervorragende Betreuung benötigt, also gute Trainer und gute Sportstätten - dazu ist ein ordentliches Budget nötig. Denn von einem bestimmten Leistungsniveau an wird der Sport wie ein Beruf ausgeübt, also müssen Sie den Athleten bezahlen. Dann brauchen Sie Sponsoren.

Die tendieren aber eher zum Fußball.

Abgesehen davon, die Leichtathletik hat sehr ungünstige Voraussetzungen. Sie hat keine Einnahmen wie etwa die Clubs von Ballsportarten - die können jede Woche eine Halle mit Fans füllen, also Einnahmen generieren, die sie dann an ihre Sportler verteilen können. Leichtathletik verursacht nur Kosten. Die entscheidende Frage ist: Wollen wir diesen Aufwand tragen, um bei großen Wettbewerben teilzunehmen und vielleicht Medaillen zu gewinnen? Wenn wir an den Wettbewerben der Olympischen Kernsportart erfolgreich teilnehmen möchten, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als das nötige Geld zu investieren.

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