GrünenChef Robert Habeck ist in die Kritik geraten. Foto: dpa-Zentralbild

Nachdem Grünen-Chef Robert Habeck sich auf Twitter zwei dicke politische Patzer geleistet hat, streut er sich nicht nur Asche aufs Haupt, sondern zieht Konsequenzen. Habeck verordnet sich digitale Abstinenz. Ein Experiment, das sich lohnt, kommentiert Bärbel Krauß.

Berlin - Zwei Mal hat Robert Habeck mit unbedachten Äußerungen auf Twitter seine wahlkämpfenden Parteifreunde gegen sich aufgebracht. Das erste Mal war letzten Herbst in Bayern, als er frohgemut befand, jetzt gebe es endlich die Chance, die CSU-Alleinherrschaft zu beenden und im Süden Deutschlands zu demokratischen Verhältnissen zurückzukehren. Das klang, als sei die damalige Landesregierung in München nicht durch eine demokratischen Wahl an die Macht gelangt. Das ist gerade in Zeiten, in denen die AfD das Vertrauen in die bundesdeutsche Demokratie permanent unterhöhlt, ein schwerer Fehler. Jetzt hat er in ähnlicher Weise angekündigt, die Grünen wollten alles tun, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird und ökologisch noch dazu. Man kann sich vorstellen, welche Freude das bei den linken, sozialdemokratischen und grünen (!) Koalitionspartnern, die die Regierung in Erfurt tragen, ausgelöst hat.

Beherrscht der Nutzer Twitter oder ist es umgekehrt

Dass die Partei Habecks Tweet als „missverständlich“ gelöscht hat, obwohl er nicht missverständlich, sondern schlicht falsch war, war nur der erste und notwendige Schritt der Krisenreaktion. Stunden später hat Habeck nachgelegt, sich selbst Abstinenz von den sogenannten sozialen Medien verordnet und die Schließung seiner Accounts bei Twitter und Facebook angekündigt. Jetzt zieht er die Konsequenz daraus, dass seine Bremse im Kopf zweimal versagt hat, weil gerade Twitter dazu einlädt, aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu formulieren, als es in der analogen Wirklichkeit gemeinhin geboten ist.

Habeck hat erkannt, dass er sich diesem Sog nicht entziehen kann, dass nicht er das Medium beherrscht, sondern das Medium ihn – jedenfalls manchmal. Das will der Parteichef nicht länger riskieren. Lieber riskiert er, den Resonanzraum zu verlieren und viele Leser, die er im Internet bisher hatte, nicht mehr zu erreichen. Bedenken first - digitiales Kommunizieren second? Das klingt heutzutage fast schon nach einer Revolution in der politischen Kommunikation. Aber es ist einen Versuch wert, zumal ja nicht die Grünen insgesamt sich digitale Abstinenz auferlegen und im Netz weiter präsent sind. Also verschwindet auch Habeck nicht völlig aus dem digitalen Teil der politischen Welt. Es wird interessant, welche Erfahrungen er und die Grünen mit dieser Aufstellung machen, ob Habecks neuer Weg Nachahmer findet und: ob der Grünen-Chef auf Dauer bei seiner Linie bleibt.

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