So könnte eine Niederflurbahn durch die Ludwigsburger Innenstadt rollen: ohne Oberleitungen und ohne Hochbahnsteige, dafür mit niedrigen Einstiegen. Foto: StZ

Bei der jetzt vorgelegten Folgekostenberechnung sticht die Niederflurtechnik die von der SSB eingesetzte Hochflurvariante aus. Kommt im Kreis Ludwigsburg die Insellösung? Selbst der Landrat schließt das nicht mehr aus – will die Entscheidung aber anderen überlassen.

Ludwigsburg - Das Landratsamt hat am Mittwoch ein Gutachten zu den Folgekosten für die verschiedenen Stadtbahn-Varianten im Kreis Ludwigsburg vorgestellt, und das Ergebnis ist eine Überraschung. Anders als erwartet, schneidet nicht die von der SSB in Stuttgart und der Region eingesetzte Hochflurbahn mit Hochbahnsteigen am besten ab, sondern das Niederflursystem mit niedrigem Einstieg. Der Kreis beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit der Frage, welche Technik auf dem rund 20 Kilometer langen Ast zwischen Remseck, wo die U 14 endet, und Markgröningen eingesetzt werden soll.

Die Entscheidung soll vor den Sommerferien fallen, und plötzlich ist es nicht mehr unrealistisch, dass der Kreis Ludwigsburg sich von den Stuttgarter Straßenbahnen abkoppelt und einen anderen Betreiber sucht. Der Landrat Rainer Haas jedenfalls, selbst glühender Verfechter von Hochflur, hat dafür den Weg frei gemacht – offenbar aus Sorge, dass sein Lieblingsprojekt, das den drohenden Verkehrskollaps abwenden soll, komplett gegen die Wand fährt. „Wenn die Stadt Ludwigsburg die Niederflurbahn will, soll es an uns nicht scheitern“, sagte er. „Dann machen wir mit.“ Dies gelte auch für die anderen beteiligten Kommunen Remseck, Kornwestheim, Möglingen und Markgröningen, mit denen er sich in den vergangenen Tagen abgestimmt habe.

Der Landrat schiebt die Entscheidungsgewalt weiter – und macht Druck

Die Aussage ist ein Paukenschlag und verschiebt alle Entscheidungsgewalt nach Ludwigsburg. Konkret hat das vom Landratsamt beauftragte Büro Intraplan drei Stadtbahn-Varianten untersucht und die Kosten für den Betrieb den zu erwartenden Fahrgelderlösen gegenübergestellt. Ebenfalls berücksichtigt wurden Abschreibungen, Kosten für Kredite, die für das Großprojekt aufgenommen werden müssen, sowie Einsparungen, weil beim Einsatz von Bahnen viele Busse obsolet werden.

Das Ergebnis: wird die Trasse ausschließlich von Remseck über Ludwigsburg nach Markgröningen verlängert und auf weitere Streckenäste verzichtet, ist Niederflur teurer, was vor allem daran liegt, dass die Direktanbindung nach Stuttgart entfällt. Passagiere müssten in Remseck umsteigen. Dies bedeutet weniger Fahrgäste und in der Folge weniger Einnahmen.

Aber: Hochbahnsteige sind im barocken Ludwigsburg ein Tabu, weshalb die Hochflur-Trasse am Rand der City verlaufen müsste. Nur mit Niederflurtechnik wäre es möglich, mitten durch die Stadt und von dort in weitere Stadtteile wie Oßweil oder das Wohngebiet Schlösslesfeld zu fahren. Bei dieser großen Lösung fallen mehr Busse weg, was die Kosten drückt, zudem erwartet Intraplan deutlich höhere Fahrgastzahlen. Mittelfristig, also über einen Zeitraum von elf bis 30 Jahren, schätzt das Büro das jährliche Defizit bei dieser Variante auf rund eine Million Euro, während für die kürzere Hochflurstrecke fast 2,2 Millionen fällig wären.

Alle Beteiligten haben sich zu dem Großprojekt bekannt – nur die Stadt Ludwigsburg zögert

Die reinen Investitionskosten werden für beide Systeme auf rund 160 bis 170 Millionen Euro geschätzt. Bei der sogenannten standardisierten Bewertung, die Grundlage für jeden Förderantrag bei Bund und Land ist, erzielten beide Varianten einen guten Kosten-Nutzen-Faktor. „Wenn wir bis Ende Juni einen Antrag stellen, sehe ich eine sehr realistische Chance, dass wir zum Zug kommen“, sagte Haas, um gleich eine Warnung hinterher zu schieben. „Bei einer späteren Antragsstellung wird sich diese Chance rapide verschlechtern.“ Auch einen möglichen Schlüssel zur Kostenverteilung deutete der Landrat an: 50 Prozent, sagte er, könne der Kreis tragen, der Rest entfalle auf die fünf Kommunen.

Die haben sich zu dem Vorhaben bekannt – mit Ausnahme von Ludwigsburg. Der dortige Gemeinderat ist in der Systemfrage zerstritten, die Grünen wollen Niederflur, die SPD Hochflur, CDU und Freie Wähler sehen jede Art von Bahn zwischen barocken Gemäuern kritisch. Der Oberbürgermeister Werner Spec wiederum favorisiert eine „schienenlose Bahn“, was letztlich bedeutet: Schnellbusse.

Die Niederflur-Fans haben nun Oberwasser

Denkbar ist auch eine Kombination: eine Stadtbahn – in diesem Fall vermutlich mit Hochflurtechnik –, ergänzt um Schnellbusse in der Innenstadt. „Gedanklich gehen wir ein bisschen in diese Richtung“, sagte der Baubürgermeister Michael Ilk, ließ aber auch Sympathie für die durchgängige Niederflurbahn erkennen. Etwa indem er anmerkte, dass diese auf kleineren Abschnitten ohne Oberleitungen auskomme, was in Städten einen gewichtigen Vorteil darstellt. Am Wochenende treffen sich der Ludwigsburger Gemeinderat und die Verwaltung zu einer Klausur, einziger Tagesordnungspunkt: die Stadtbahn.

Die Niederflur-Fans dürften dabei Oberwasser haben. Ob der Einsatz von Schnellbussen finanzielle Vorteile bringt, ist unsicher, konkrete Zahlen fehlen bislang. Selbst Haas, der Hochflur-Fan, musste am Mittwoch einräumen. „Die Werte für Niederflur sind erstaunlich gut.“

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