Fast fertig, fehlt nur noch das „Tag“. So wissen die anderen Writer wer hier gesprüht hat. Foto: Frank Wahlenmaier

Illegal gesprühte Graffiti, die in adrenalingeladener Hektik an Hauswände oder öffentliche Einrichtungen gesprüht werden, sind nicht jedermanns Sache. Doch wie geht man mit den sogenannten Writern um? Man ermutigt sie weiterzumachen – zumindest in Filderstadt.

Bernhausen - Nicht zu selten werden die farbenfrohen Motive von Graffiti-Künstlern als Schmierereien diffamiert. Verständlich, wenn die eigene Hauswand dem sogenannten „Streetbombing“ zum Opfer fällt. Ein Förderprogramm der Stadt Tübingen zum Beispiel verspricht Hauseigentümern, zukünftig die anfallenden Reinigungskosten zu erstatten.

Filderstadt wird zum Graffitimekka

Eine günstigere Alternative hat der Jugendgemeinderat in Filderstadt der Stadtverwaltung vorgeschlagen. „Seit dem Frühjahr letzten Jahres haben wir die Stadtverwaltung um eine eigene Graffitiwand in Filderstadt gebeten“, sagt Noël Huss. Das 30-jährige Bestehen des Jugendgemeinderates war dem Oberbürgermeister Christoph Traub dann Anlass genug, um die Forderung zu erfüllen, stellt sogar eine weitere Graffitiwand in Bonlanden in Aussicht, so die Geschäftsleiterin des Jugendgemeinderats Suyim Völlm, während sie ihr „Tag“ auf die Wand sprüht.

Nachdem das Baurechtsamt nach einem geeigneten Ort für die „Writer“ suchte, hat man die Unterführung zum Keltenhof nahe der B27 als das neue urbane Graffitimekka Filderstadts auserkoren. „Hier kann man sich, und seine Kunst, einfach mal ausprobieren“, so Noël „Man stört auch keine Anwohner, wenn es mal lauter wird.“

Unterstützung von Profis

Es dauert gerade einmal eine halbe Stunde, da ist von dem grauen Beton der Unterführung nichts mehr zu sehen. Zur Eröffnung der neuen Graffiti-Wall in Filderstadt konnten Kinder und Jugendliche aus einem vollen Farbsortiment schöpfen. „Sprühdosen, Klarlack, Marke und, ganz wichtig, Atemmasken wurden uns von dem Fachhandel ‚Street Colourz‘ zur Verfügung gestellt“, sagt Jan Kolberg, Öffentlichkeitssprecher des JGR. Denn neben Farbpigmenten enthalten die Sprühdosen auch Lösungsmittel, Acrylharze und Treibgase. Beim Sprayen entstehen nämlich Dämpfe, die sich unter dem Bogen der Unterführung sammeln und ungefiltert schädlich sein können.

Der Umgang mit den Druckbehältern will also gelernt sein, weswegen extra Profis engagiert wurden, die helfen, und die Jugendlichen bei ihren Wunschmotiven oder „Tags“ unterstützen. „Nach zehn Minuten geht es hier schon übel ab“, sagt der Graffiti-Profi und Kunsttherapeut Anthony di Paola. „Beim Graffiti geht es nämlich auch darum, dass viel in kurzer Zeit entstehen kann.“ Er selbst hat sich auf „Stencil-Art“ spezialisiert, dasselbe Prinzip nach dem der weltbekannte Künstler „Banksy“ vorgeht. Manchmal wird Anthony auch von Firmen dafür bezahlt, um Tiefgaragen oder Gemeinschaftsräume mit Farbe zu versehen.

Die Geschichte der Menschheit wiederholt sich

Die 18-jährige Jennifer Le aus Bonlanden hält zum ersten Mal eine Graffitidose in der Hand. In der anderen zeigt ihr Smartphone ein Abbild einer Statue, das sie nachsprühen möchte. „Ein Kumpel hat mich auf die Eröffnung der Graffiti-Wall aufmerksam gemacht“, sagt sie, „es fühlt sich trotzdem ein bisschen illegal an“.

Für den Profi Alex Becker aus Kirchheim unter Teck ist das Sprayen auch eine Art Selbsttherapie. Er sieht die Spraydose als sein Ventil für die innere Gefühlswelt. Auf der Betonwand entsteht dann eine Geschichte, die er mit seiner Kunst erzählen möchte. „Im Prinzip wiederholt sich hier auch die Menschheitsgeschichte“, erklärt Alex. „Neandertaler hatten die Höhlenmalerei, die Ägypter ihre Hieroglyphen, und wir haben jetzt das Graffiti.“

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