Der New Yorker Fotograf Jon Naar hat 1974 den bahnbrechenden Bildband „The Faith of Graffiti“ veröffentlicht. Foto: Screenshot

Als andere noch die Polizei wegen Vandalismus riefen, zückte er die Kamera: Anfang der siebziger Jahre brachte der Fotograf Jon Naar der Welt nahe, dass Graffiti eine neue Kunst sei. Nun ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

New York - Vermutlich waren im Jahr 1972 in der Millionenmetropole New York einen ganze Menge Menschen unterwegs, die sich Fotokünstler nannten oder sogar vom Fotogafieren lebten. Aber einer von ihnen, der gebürtige Brite Jon Naar, war ein ehemaliger Geheimdienst-Major, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Und vielleicht brauchte es das Auge des Geheimdienstmannes, um zu erkennen, dass eine neue Mode eher unterprivilegierter junger Leute nicht bloß Schmiererei und Vandalismus war: das Sprayen von Graffiti auf Wände, Züge und Zäune.

Naar war gewöhnt an Geheimschriften, an Codes, an das Hinterlassen von Zeichen in feindlichem Gelände für eigene Mitstreiter, an subversiv im öffentlichen Raum angebrachte Parolen als Mittel im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse. Und so begann er das zu fotografieren, was er früher als andere als Kunst erkannte. Heraus kam 1974 der Band „The Faith of Graffiti“, der die Bibel vieler Nachwuchs-Sprayer wurde und heute als unschätzbares Dokument einer sehr vergänglichen Kunst gilt.

Mit Hilfe eines großen Namens

Jon Naar, der im Alter von 97 Jahren in Trenton, New York, gestorben ist, hatte zunächst als Werbemann in der Pharmaindustrie, dann als Manager bei einem Kosmetikhersteller gearbeitet, bevor er Mitte der sechziger Jahre aus einem Hobby seinen neuen Beruf machte. Dazu hatte ihn unter anderem Andre Kertesz ermutigt, eine der großen Fotografenlegenden des 20. Jahrhunderts. Als Fotojournalist war Naar auch sofort erfolgreich. Ein Foto von Andy Warhol auf roter Couch in der ofenrohrsilbern ausgestatteten Fabrik wurde vom Popoart-Meister als das beste Porträt gerühmt, das je von ihm gemacht worden sei.

Aber Naars größter Ruhm kam erst mit dem Graffiti-Band. Für Aufmerksamkeit sorgte vor allem, dass „The Faith of Graffiti“ ein einführendes Essay des damals schlagzeilenträchtigen Bestsellerautors Norman Mailer bekam. Den kannte Naar aus der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung. Wie es sich damals mit der Zugkraft ihrer beider Namen verhielt, kann man gut an der Entlohnung sehen: Naar bekam 3 500 Dollar für den Fotoband, Mailer 35 000 Dollar für 16 Seiten Einleitung.

Sehen Sie hier eines von mehreren kleinen Interviews mit Naar auf Youtube:

Wer Fotograf werden wolle, riet der Autodidakt Naar, solle alles Mögliche studieren, aber bitte nicht Fotografie: Es gehe schließlich um das Finden einer ganz persönlichen Sichtweise. So folgte er denn seinen Interessen und Leidenschaften, die Neugier auf urbane Entwicklungen stand Seite an Seite mit Naars Sorge um die Schöpfung. Sein Buch „Design for a Limited Planet“ aus dem Jahr 1973, das Bilder von Sonnenenergiehäusern im amerikanischen Südwesten und Interviews mit Pionieren der Solarkraft enthielt, brachte wichtige Impulse für die amerikanische Ökologiebewegung . „Beim Fotografieren“, hat Jon Naar erklärt, „achte ich sehr darauf, dass ich einen neuen Aspekt meiner Lebenswelt und meiner Epoche festhalte.“ Und was er damals an Graffiti eingefangen habe, zeuge von einer Energie der Menschen in der Stadt, die so ganz anders sei als die von klotzigen Neubauten ausgedrückte Energie der Trump-Ära.

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