Das bisherige Domizil an der Göppinger Jahnstraße ist dem stetig wachsenden Unternehmen für Fernwartungssoftware längst zu klein geworden. Foto: Horst Rudel

Das IT-Unternehmen Team Viewer bleibt Göppingen treu: Der Global Player kann im nächsten Jahr in einen eigentlich als Verwaltungssitz gedachten Neubau am Bahnhof ziehen. Die Kreissparkasse kauft das Gebäude.

Göppingen - Zu einem ungewöhnlichen Treffen hatte Guido Till ins Rathaus geladen. Der Göppinger Oberbürgermeister bekräftigte wenige Stunden vor der Entscheidung des Gemeinderats zusammen mit Vertretern der Kreissparkasse und des Göppinger Softwareherstellers Team Viewer einen gemeinsamen Wunsch: Das im Bau befindliche städtische Verwaltungszentrum am Bahnhof solle an die Kreissparkasse verkauft werden mit dem Ziel, es nach der Fertigstellung vom Frühjahr 2020 an für mindestens zehn Jahre an das Unternehmen Team Viewer zu vermieten. Neue Räume für die Verwaltung sollen stattdessen auf dem Gelände der ehemaligen Pharmafirma Müller in der Bahnhofstraße entstehen.

Die genauen Konditionen des Verkaufs sind noch nicht bekannt. Klar sei bisher nur, dass die Kreissparkasse den Neubau zu normalen Marktbedingungen erwerben werde, wie Hariolf Teufel sagte. Der Vorstandsvorsitzende wies Vorwürfe zurück, die Kreissparkasse agiere zu wirtschaftsfreundlich, wie sie in den sozialen Netzwerken kursieren. Es müsse das ureigene Interesse jedes Göppingers sein, Team Viewer in der Stadt zu halten. Der Baubürgermeister Helmut Renftle ergänzte, bisher sei rund die Hälfte der auf 25 Millionen Euro veranschlagten Baukosten investiert worden. Dank einer guten Kostenkontrolle rechne er nicht mit einer Baukostensteigerung.

Team Viewer wächst um fünf bis 15 Prozent pro Jahr

„Wir sind sehr dankbar für diesen unorthodoxen Schritt“, sagte Stefan Gaiser, der kaufmännische Geschäftsführer von Team Viewer. Das Angebot zeichne Göppingen aus. Das im Jahr 2005 in Uhingen gegründete Unternehmen Team Viewer, das für Fernwartungssoftware bekannt ist, verzeichnet laut Gaiser

insgesamt Installationen auf bisher 1,8 Milliarden Geräten. Am jetzigen Standort, im ehemaligen Dienstleistungszentrum der Kreissparkasse in der Jahnstraße, platze sein Unternehmen mit gut 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern längst aus allen Nähten.

Der Umzug in den Neubau am Bahnhof brächte für die Firma mit einem Schlag fast eine Verdoppelung der Grundfläche auf dann rund 10 000 Quadratmeter. Das sei eine Superlösung, zumal die Belegschaft von Team Viewer pro Jahr um fünf bis 15 Prozent wachse, versicherte Gaiser. Und das seit Jahren an zahlreichen nationalen und internationalen Standorten. Weil der Betrieb in der Jahnstraße an die räumlichen Grenzen gestoßen sei, habe man zusätzliche Büros in Stuttgart und Karlsruhe bezogen, man habe auch schon kurz erwogen, von Göppingen wegzuziehen.

Verwaltungsbeschäftigte brauchen weiterhin Geduld

„Das Leben besteht aus Wettbewerb“, ergänzte Till. Angesichts großer Herausforderungen „wachsen wir über uns hinaus“. Das sei typisch für Göppingen, sagte der Verwaltungschef, der sich bei seiner Belegschaft für die Geduld bedankte. Immerhin rechne er mit einer Planungs- und Bauzeit von drei Jahren , bis der Alternativstandort auf dem Müller-Areal für den Umzug der Ämter bereit sei. Neue Schreibtische gebe es aber in Kürze, versprach er.

Wirtschaftsstark und familienfreundlich, so zeichnet der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till seine Stadt am liebsten. Und tatsächlich: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Arbeitslosenzahlen halbiert, und die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist deutlich gestiegen. Ausgebaut wurde auch das Bildungsangebot von der Kinderbetreuung bis zur Hochschule. Und da das alles koste, müsse sich die Stadt weiterhin nach der Decke strecken. Längst behauptet sich Göppingen übrigens auch als attraktive Einkaufsstadt, die auch ihren Ruf als wirtschaftsfreundliche Kommune weiter ausbauen möchte. Darin liegt das Motiv, dass die Stadtverwaltung alles tut, um wichtige Arbeitgeber am Ort zu halten.

Gemeinderat stimmt mit großer Mehrheit zu

Dieser Haltung schloss sich am Abend eine große Mehrheit des Gemeinderats an. Bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung aus den Reihen der SPD-Fraktion wurde – fast schon feierlich – der Grundsatzbeschluss gefasst, das vorgesehene neue Verwaltungszentrum an die Sparkasse zu verkaufen. Die Verwaltung verhandelt nun noch über die inhaltlichen und finanziellen Eckdaten, ehe über den endgültigen Verkauf abgestimmt wird.

In den Reden der Fraktionsvertreter wurden vor allem die Worte „Mut“ und „Dank“ benutzt. Till wurde von vielen Seiten für seinen Mut gelobt und für sein „überraschend unkonventionelles Denken“ (Christine Schlenker, SPD). Mut wurde auch der Kreissparkasse attestiert, als Investor aufzutreten. Dank ging an die Firma Team Viewer für ihr Standortbekenntnis und an die Beschäftigten der Stadt für ihre Geduld beim Warten auf neue Arbeitsplätze. Zudem wurde die Vorfreude darauf deutlich, das Müller-Areal in Bahnhofsnähe nun ebenfalls entwickeln zu können.

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