Soldaten patrouillieren auf den Straßen inConcepción: Die Protestierenden in Chile legen Feuer. Foto: AFP/PABLO HIDALGO

Wie eine Oase im unruhigen Lateinamerika - so beschrieb Chiles Präsident Sebastián Piñera noch vor kurzem sein Land. Doch plötzlich gibt es dort Proteste und Tote. Höhere Preise für die U-Bahn sind nur der Funken, der lang aufgestauten Frust entzündet hat.

Santiago de Chile - Am Rande gewalttätiger Proteste gegen soziale Missstände sind in Chile mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Die Leichen wurden nach verschiedenen Plünderungen in der Hauptstadt Santiago gefunden, unter anderem in ausgebrannten Supermärkten, einer Baumarktkette und einer Textilfabrik, wie die Behörden am Sonntag (Ortszeit) berichteten.

Die Proteste hatten sich an einer Fahrpreiserhöhung für die U-Bahn in Santiago um vier Euro-Cent pro Ticket entzündet. Die Demonstrationen hielten am Sonntag aber an, obwohl Präsident Sebastián Piñera den Plan unzwischen zurückgezogen hat. Beobachtern zufolge entlädt sich in dem südamerikanischen Staat mit seinen rund 18 Millionen Einwohnern ein über Jahre aufgestauter Frust über die wachsende soziale Ungleichheit sowie über niedrige Renten und hohe Hürden für Arme beim Zugang zum Bildungssystem. Hinzu kommt Wut über Korruptionsfälle.

Ausnahmezustand wurde verhängt

Setzen sich die gewalttätigen Proteste fort, könnte auch die UN-Klimakonferenz in Chile vom 2. bis zum 13. Dezember beeinträchtigt werden. Zu dem Treffen reisen mehrere tausend Diplomaten, Aktivisten und Journalisten aus aller Welt nach Santiago.

Piñera, der den Ausnahmezustand verhängt hat, sagte am Sonntagabend in einer vom Fernsehen übertragenen Rede zu der Gewalt auf den Straßen: „Wir sind im Krieg mit einem machtvollen und unerbittlichen Feind, der nichts und niemanden respektiert.“ Das Ziel vieler Protestierender sei es, Geschäfte, Krankenhäuser und andere Gebäude in Brand zu setzen, um größtmöglichen Schaden anzurichten. Zugleich sagte er: „Ich habe die Stimme meiner Mitbürger gehört“.

Rund 9400 Soldaten kamen nach Angaben des Verteidigungsministeriums im Einsatz. Am Sonntag wurden bei gewaltsamen Protesten 17 Polizisten verletzt. Insgesamt gab es bisher nach Angaben der Staatsanwaltschaft 1554 Festnahmen. Mehr als 60 Supermärkte wurden in verschiedenen Städten geplündert und mindestens sechs in Brand gesetzt. Unruhen und Proteste gab es bisher auch in Valparaíso, Concepción, Antofagasta und Coquimbo; in diesen Städten wurde am Sonntagabend erneut eine Ausgangssperre verhängt.

Unmut über eine wachsende soziale Schieflage

Angesichts der Proteste in anderen Ländern Lateinamerikas wie etwa Ecuador hatte Piñera noch vor kurzem gesagt, Chile sei wie eine „wahre Oase, eine stabile Demokratie, eine wachsende Wirtschaft“. Doch unter der Oberfläche schwelt nach Einschätzung von Beobachtern seit Jahren Unmut über eine wachsende soziale Schieflage.

Die spanische Zeitung „El Mundo“ kommentierte: „Eine Art Stabilisator in einer von Populismen dominierten Region. Heute steht die Oase mit mehr als 700 Inhaftierten und 100 Verletzten in Flammen.“ Die Zeitung „La Nación“ sprach von der schwersten Krise seit Beginn der Demokratie vor fast 30 Jahren. Chile war von 1974 bis 1990 unter Augusto Pinochet eine Diktatur gewesen.

Fünf der bisher zehn Toten wurden in einer geplünderten und in Brand gesetzten Kleiderfabrik in Santiago de Chile geborgen, wie die Feuerwehr am Sonntagabend mitteilte. Am Morgen waren in zwei Supermärkten der Hauptstadt zwei Frauen und ein Mann ebenfalls bei Bränden nach Plünderungen umgekommen. Weitere zwei Tote wurden in der ausgebrannten Halle einer Baumarktkette im Süden Santiagos aufgefunden, teilte Bürgermeisterin Karla Rubilar mit.

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