Die Esslinger Chirurgin Karina Klein hilft in Bolivien Foto: privat

Die Johana-Stiftung unterstützt Missbrauchsopfer dabei, ein eigenständiges Leben aufzubauen.

Esslingen - Die Gewalt ist allgegenwärtig und die Wertschätzung Frauen und Mädchen gegenüber gering. Die Esslinger Ärztin Karina Klein hat mit ihrer Stiftung „Johana – our own lives, bodies & rooms“ dabei geholfen, im südbolivianischen Tarija ein Mädchenhaus einzurichten und zu unterhalten. Die Zukunft des 2016 eröffneten Hauses steht aber vor allem aus finanziellen Gründen auf wackeligen Beinen.

Die Idee eines Mädchenhauses

„Der Umgang mit den Frauen hat mich sehr betroffen gemacht“, erinnert sich Karina Klein an ihre Erfahrungen in Südamerika. Die Plastische Chirurgin mit einer Praxis in Esslingen arbeitete Anfang der 80er-Jahre in der Geburtshilfestation eines Krankenhauses im bolivianischen Santa Cruz. Die Erlebnisse von damals beschäftigen sie bis heute. Lange habe sie die Idee einer Stiftung mit sich herumgetragen. Im Jahr 2013 hat sie sich schließlich dazu entschlossen, die Stiftung zu gründen und, gemeinsam mit dem internationalen Kinderhilfswerk Plan und der Hilfsorganisation Majerer in Accion ein Mädchenhaus in Bolivien zu errichten und zu betrieben. Dass Kleins Stiftung den Namen Johana trägt, ist ihrer Tante geschuldet, die durch ihr Erbe die Gründung der Stiftung ermöglicht hat.

Viele Mädchen würden bereits als Kinder missbraucht, sagt die Ärztin. Irgendwann führten die Missbräuche dann zu Schwangerschaften in sehr jungen Jahren. Präventivprojekte gebe es vor Ort, berichtet sie. Doch was, wenn die Prävention nichts genutzt habe? Eine Hilfe für Mädchen, die zu Missbrauchsopfern geworden sind, ist noch eher selten.

Platz für 24 Bewohnerinnen

Seit dem Jahr 2016 gibt es deshalb das von der Stiftung Johana mitgegründete Mädchenhaus. Darin gibt es Platz für bis zu 24 Bewohnerinnen und ihre Kinder. Drei Schlafsäle samt Waschräume, einen eigenen Schrank für jede Bewohnerin, Gemeinschafts- und Therapieräume sind ebenfalls vorhanden. Auf eine Geheimhaltung des Standortes wie bei Frauenhäusern in Deutschland kann verzichtet werden. Niemand interessiere sich für die Mädchen, sagt Klein.

Das Ziel sei es unter anderem, den jungen Frauen ihre Würde wiederzugeben. Darüber hinaus sollen sie zu einem selbstbestimmten Leben befähigt werden. „Sie sollen auf eigenen Füßen stehen“, erklärt die Chirurgin. Dabei helfen Sozialarbeiter und Psychologen. Eine Betreuung ist rund um die Uhr vor Ort. Außerdem gibt es eine rechtliche Unterstützung. Die Strafen für Kindesmissbrauch seien bei einer Verurteilung hart, sagt Klein. Und die Erfolgsquote vor Gericht steige. Es sind aber nicht allein diese Erfolge, die Klein ermutigen. 18 Frauen, die über einen gewissen Zeitraum in dem Mädchenhaus gelebt hätten und inzwischen ausgezogen sind, führten inzwischen ein eigenständiges Leben. Insgesamt hätten bereits rund 60 Mädchen in dem Haus Hilfe gefunden.

Erste Erfolge

Die Zukunft des Hauses steht allerdings vor allem aus finanziellen Gründen auf wackeligen Beinen. Nachdem die Kinderhilfsorganisation Plan den Aufbau des Hauses im Rahmen eines Projektes begleitet hat, wird sich die Hilfsorganisation bald aus der Finanzierung zurückziehen. Die Johana-Stiftung kann lediglich rund 15 000 der notwendigen 40 000 Euro pro Jahr aufbringen. Derzeit sei sie deshalb auf der Suche nach neuen Partnern in Bolivien und in Deutschland, erklärt Klein.

Das Engagement der Johana-Stiftung hat Vorbildcharakter über Bolivien hinaus. „Die Situation für Mädchen in Lateinamerika ist sehr schwer“, berichtet die Direktorin des Kinderhilfswerks Plan in Ecuador, Verónica Zambrano. Sie ist derzeit in Deutschland, um am zweijährigen internationalen Treffen aller Plan-Vertreter teilzunehmen. Sie könne sich vorstellen, ein ähnliches Haus in Ecuador aufzubauen, sagt sie. Dort würden täglich sieben Mädchen unter 14 Jahren schwanger. Alle drei Tage werde eine Frau von ihrem Partner getötet. Es müsse noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, bis sich die Situation ändere, weiß Zambrano.

Mädchentag am 11. Oktober

Wer sich persönlich über die Arbeit des Kinderhilfswerks Plan oder der Johana-Stiftung informieren möchte, hat dazu am Weltmädchentag am 11. Oktober auf dem Rathausplatz in Esslingen die passende Gelegenheit. „Im weltweiten Vergleich geht es uns gut“, sagt die Esslinger Referentin für Chancengleichheit, Barbara Straub. In Deutschland seien die ungleiche Bezahlung oder eine ungleiche Verteilung von Posten in Wirtschaft und Politik wichtige Themen. Aber Gewalt gegen Mädchen gebe es auch in Deutschland.

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