Ob geschmälzt, geröstet oder in der Brühe: Die Maultasche ist wohl die schwäbische Spezialität schlechthin. Erfunden wurde sie der Legende nach von einem Laienbruder des Zisterzienser-Klosters Maulbronn. Foto: dpa

Der Artikel „Schmackhafte Ohrfeigen“ hat unsere Leser beschäftigt. Vor allem eine These zur Entstehung der Maultasche wurde bemängelt. Aber woher kommt sie denn nun?

Stuttgart - „In seinem Beitrag ‚Schmackhafte Ohrfeigen‘ meint Simon Rilling, Ende des 17. Jahrhunderts hätte es im Kloster Maulbronn noch Mönche gegeben. Dies ist falsch“, schreibt unser Leser Dieter Feucht aus Metzingen, und da hat er natürlich völlig recht. Thema des Artikels war die Frage, woher Begriffe wie Nonnenfürzle, Gaisburger Marsch oder Maultasche eigentlich stammen. Darin hatten wir gemutmaßt, dass die Maulbronner Mönche bei der „Entdeckung“ der Maultasche von den Ende des 17. Jahrhunderts aus Italien geflüchteten Waldensern in­spiriert worden seien – was mangels Mönchen nicht sein kann.

Doch woher kommt die schwäbischste aller Speisen denn nun? Wir haben zwei Experten hinzugezogen: den Sternekoch und Betreiber der Stuttgarter „Wielandshöhe“, Vincent Klink, sowie Deutschlands einzigen Maultaschenblogger und Betreiber der Internetseite „Oma Lisbeths Maul­taschen“, Volker Klenk.

Die Legende

Zurück zur Legende: Die Zisterzienser-Mönche im Kloster Maulbronn sollen die Maultasche erfunden haben. Genauer gesagt ein Laienbruder namens Jakob. Der, so die Legende, gelangte kurz vor Ende der Fastenzeit unverhofft in den Besitz eines Stücks Fleisch. „Ein flüchtender Dieb hatte seinen Sack mit Beute fallen lassen, Jakob direkt vor die Füße“, heißt es auf der Internetseite des Klosters. Doch während der Fastenzeit war es den Mönchen verboten, Fleisch zu essen. Beim Zubereiten des Gründonnerstagsmahles kam ihm die rettende Idee: „Er hackte das Fleisch klein und mischte es unter das Gemüse. Weil ihn dennoch das schlechte Gewissen plagte, versteckte er das Ganze in kleinen Taschen aus Nudelteig. So konnte er das Fleisch vor den Augen Gottes und seiner Mitbrüder verbergen.“ Daher der Name „Herrgottsbscheißerle“. Datiert wird die Geschichte meist auf den Dreißigjährigen Krieg, vermutlich ist die schwäbische Maultasche aber rund 100 Jahre früher entstanden. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Maulbronn noch Mönche.

Die Zweifel

Doch was ist dran an der Geschichte vom knitzen Jakob? Handfeste Beweise gibt es keine, die Klosterverwaltung Maulbronn schreibt auf Anfrage: „Die Geschichte der Maultasche ist nur ei­ne Legende. Sie kann nicht belegt werden und wir haben leider keine Nachweise oder Dokumentationen, wer diese Legende in die Welt gesetzt hat.“ Maultaschenblogger Volker Klenk ist dennoch überzeugt davon: „Es muss ja einen Ort geben, an dem die erste Maultasche serviert wurde. Dieser Ort passt. Die Zeit passt. Die Geschichte um den einfachen Laienmönch Jakob passt.“ Passt nicht – meint zumindest unser Leser Wolfgang Kek aus Ingersheim. „Das ist nicht mehr als eine nette Geschichte“, schreibt er.

Sternekoch Vincent Klink sieht das ähnlich: „Der Schwabe beharrt darauf, dass es sich bei der Maultasche um eine astreine Eigenerfindung handelt. Das trifft aber ganz bestimmt nicht zu.“ Ein Leser aus Gärtringen geht sogar noch weiter. „Die Legende wird von der Firma Bürger propagiert, um daraus eine schwäbische Erfindung zu machen“, schreibt Alfred Hillgemann, der sich drei Jahre lang mit der Geschichte der Teig­tasche befasst und die Broschüre „Maultaschen & Co.“ herausgegeben hat.

Ab in den Süden . . .

Leser Hillgemann hat auch eine eigene Theorie. „Nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 wanderten viele Kärntner und Steirer als Religionsflüchtlinge ins reformierte Württemberg ein. Sie brachten das Rezept ihrer ‚gefüllten Nudel mit‘“, schreibt er. Daraus sei dann die Maultasche entstanden. „Es handelt sich also um eine Weiterentwicklung der gefüllten Nudel aus Kärnten.“

Auch Vincent Klink glaubt, dass die Maultasche aus dem Süden nach Württemberg kam. „Was es mit der Maultasche historisch wirklich auf sich hat, lässt sich von einem Kulturhistoriker, wenn auch nicht exakt, so doch mühelos nachvollziehen“, schreibt er. „Die schwäbische Küche hat unzählige Anleihen aus südlichen Ländern, weil Schwaben immer Durchgangs- und Besatzungsland war. Die Heimat der Maultasche ist Italien.“ Doch damit nicht genug, denn ganz genau genommen gehe die Reise zu den Ursprüngen der Maultasche noch viel weiter. Weiter gen Osten.

Endstation Peking

Denn die wahre Heimat der Maul­tasche, davon ist Klink überzeugt, sei China – wo schon seit Jahrtausenden Nudeln hergestellt werden. Eine Theorie, die auch Alfred Hillgemann für die plausibelste hält, schließlich hätten chinesische Geologen bei Ausgrabungen in der Steinzeitsiedlung Lajia am Gelben Fluss rund 4000 Jahre alte „Spaghetti“ gefunden. „Die Wiege der Pastakultur stand schon vor langer Zeit in China“, ist Hillgemann überzeugt. Über die Seidenstraße sei die Teigtasche dann nach Arabien gelangt. „Nach der Besetzung Siziliens durch die Araber im 9. Jahrhundert wanderte sie dann weiter nach Norden.“

Schwäbische Widerrede

Maultaschenblogger Klenk plädiert dagegen dafür, dass sich Nudeln und Nudelgerichte im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende unabhängig voneinander entwickelt haben: in China Wan Tan, in Indien Samosa, in Italien Ravioli und Tortellini, in Polen Piroggen – und in Württemberg eben Maultaschen. Letztere seien dabei die mit Abstand komplexeste Teigtasche, argumentiert Klenk: „Dass wir Schwaben die Maultaschenidee von so etwas Simplem wie Tortellini abgekupfert hätten, leuchtet nicht ein. Handgerollte schwäbische Maultaschen haben in Form und Herstellungsart nichts gemein mit den kleinen ringförmigen Teigwaren aus Bologna.“ Auch Teigwaren aus China und Österreich wiesen zu wenig Gemeinsamkeiten mit der Maultasche aus Schwaben auf.

„Einem Volksstamm, der Streichholz, Dauerwelle, Dübel, Motorsäge und das Auto erfindet, kann man wohl zutrauen, dass er auch zu kulinarischen Höchstleistungen fähig ist“, schreibt Klenk. „Auf die grandiose Idee, in der Fastenzeit das sündige Fleisch in einer Nudeltasche vor den strengen Augen des Herrn zu verbergen, kann einfach nur ein knitzer Schwabe gekommen sein.“

Auch der Freiburger Kulturwissenschaftler Markus Tauschek glaubt, dass sich die Gerichte unabhängig voneinander entwickelt haben. „Schließlich ist das Repertoire an Möglichkeiten, eine Speise zuzubereiten, begrenzt“, gibt er zu bedenken. Zumal die Frage, wann und wo eine Speise entstand, ohnehin nicht mit hundertprozentiger Sicherheit geklärt werden könne. Fazit: Die Frage, wie schwäbisch die Maultasche ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Theorien gibt es viele, die Experten sind sich uneinig. Oder wie Leser Dieter Feucht angesichts der Fülle an Legenden schreibt: „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

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