Die Linienbusse halten an der Stuttgarter Straße. Ein störanfälliger Aufzug und Treppen sind bisher die einzige Verbindung zum Bahnsteig. Foto: factum/

Erst war es ein Bauwerk, das durch sein Design bestach, dann wurden die Pläne abgespeckt: Eine Brücke soll die Verbindung sicherstellen vom neuen Bahnhofsvorplatz zu den Gleisen. Nun gibt es ein Problem: niemand will die Brücke bauen.

Ditzingen - Es hätte ein Hingucker werden sollen, eine Brücke über die Bahngleise am Ditzinger Bahnhof, die durch ihr Design besticht. Das war der ursprüngliche Plan, als sich die Ditzinger Stadträte vor fünf Jahren erstmals mit einer barrierefreien Überquerung der Bahngleise befassten. Die Pläne für die Brücke sind inzwischen abgespeckt und mit eher funktionalem Erscheinungsbild. Doch ein Blickfang könnte sie noch immer werden – wenn sie denn mal gebaut ist.

Denn noch vor der Sommerpause war klar: niemand will die Brücke bauen. Auf die Ausschreibung ging kein Angebot ein. Unter anderem die hohe Auslastung im Baugewerbe „sowie das vergleichsweise kleine Projekt“, haben laut der Stadtverwaltung wohl dazu geführt, dass kein Unternehmen ein Angebot abgab.

Rät hält an den Plänen fest

Der geringe Umfang des vergleichsweise kleinen Bauwerks dürfte aber nicht der einzige Grund dafür sein, dass sich kein Unternehmen fand. Die Ditzinger haben sich für eine Brücke aus Textilbeton entschieden – ein modernes Material, mit dem laut Verwaltung nicht viele Büros Erfahrung haben. Im Jahr 2006 wurde weltweit die erste Brücke aus Textilbeton freigegeben. Sie führt im Gelände der Landesgartenschau in Oschatz in Sachsen-Anhalt über die Döllnitz. Wenig später entstand eine 17 Meter lange Fuß- und Radwegbrücke in Kempten.

Sperrpausen müssen beantragt werden

Nachdem für die Ditzinger Brücke kein Angebot eingegangen war, mussten die Stadträte entscheiden, ob sie grundsätzlich an den Brückenplänen festhalten wollten. Mit großer Mehrheit bekräftigte das Gremium dies. Zugleich schrieb es die Kosten auf insgesamt 3,7 Millionen fort. Im laufenden Haushalt werden 123 000 Euro überplanmäßig zur Verfügung gestellt. Allerdings wurde die Verwaltung auch beauftragt, die Baukosten und Zeitabläufe zu optimieren.

Die Brücke verbindet den Park- and Ride-Parkplatz der Autofahrer und die Bike-and Ride-Plätze für die Radfahrer im Radhaus mit dem Bahnsteig beziehungsweise dem Gewerbegebiet. Dort befinden sich unter anderem die Arbeitsplätze der Unternehmen Trumpf, Thales und Gretsch Unitas.

Der Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos) rechnet nun mit einem Verzug von einem Jahr. Damit nicht genug: erst wenn der Auftrag vergeben ist, können die Arbeiten bei der Deutschen Bahn angemeldet werden. Denn weil die Brücke über Bahngleise führt, müssen Sperrpausen im Bahnbetrieb beantragt werden. Das hat laut der Verwaltung zwei Jahre im voraus zu geschehen.

Beginn
Vor rund anderthalb Jahrzehnten hat die Stadt mit dem Erwerb der Grundstücke im Bereich des Bahnhofes begonnen. Mit der Umstrukturierung der Gleisanlagen im Bahnhof wurden zudem Teile der Gleisanlagen für eine Umgestaltung frei. Das Bahnhofsareal ist rund viereinhalb Hektar groß.

Idee
Die Grundüberlegung ist es, eine Verbindung zu schaffen: Aus dem Gewerbegebiet jenseits der Gleise sollen Bürger und Beschäftigte auf direktem Weg die Innenstadt erreichen können. Schließlich ist die Innenstadt das merkantile Zentrum des Orts. Und eine Untersuchung hat gezeigt, dass der Kaufkraftabfluss hoch ist, die Ditzinger also lieber außerhalb ihrer Stadt einkaufen.

Realisierung
Der Zentrale Omnibusbahnhof ist angelegt, ein Einzelhandels- und Bürogebäude wurden errichtet. Geplant ist zudem noch ein Hotel, ein Radparkhaus – und eben die Brücke.

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