Der G 650 Landaulet sprengt alle Maßstäbe. Er ist mehr als fünf Meter lang und hat – wie ein Unimog – eine Bodenfreiheit von einem halben Meter. Unter der Motorhaube arbeitet ein Zwölfzylinder mit 630 PS und einem Drehmoment von 1000 Newtonmeter. Foto: Daimler

Beim Genfer Autosalon feiern wieder viele Offroader Premiere. Das Geschäft mit diesen bulligen Gefährten wächst rasant und könnte in diesem Jahr erstmals vor der Golfklasse zum wichtigsten Marktsegment in Europa aufsteigen.

Stuttgart - Der neueste Mercedes Maybach ist sicher ein echter Hingucker auf dem Genfer Autosalon. Erstmals feiert ein Geländewagen dieser Luxus-Submarke Weltpremiere. Es ist eine offene Variante der gerne als „Jägerwagen“ titulierten G-Klasse, die sich seit bald vier Jahrzehnten einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut. Der in Genf präsentierte Geländewagen mit der Modellbezeichnung G 650 Landaulet ist mehr als fünf Meter lang, hat einen halben Meter Bodenfreiheit – wie ein Unimog – und eine elektrisch ausfahrbare Einstiegshilfe.

Unter der Motorhaube des kantigen Offroaders arbeitet ein Zwölfzylinder, der es auf 630 PS und ein Drehmoment von 1000 Newtonmeter bringt. Die beiden hinteren Passagiere thronen bei diesem Teil-Cabrio auf Massage-Liege-Leder-Einzelsitzen mit Wadenauflage. Sie können auf Knopfdruck das Verdeck öffnen, den Blick in den Himmel und gekühlte oder warme Getränke aus dem Thermo-Cupholder genießen. Was dieser ultimative Luxus für Superreiche, Stars, Potentaten und Scheichs kostet, ist noch ein Geheimnis – spekuliert wird über eine halbe Million Euro oder mehr. Die Produktion ist auf 99 Fahrzeuge limitiert.

Attraktive Wachstumsperspektiven

Der exklusive Mercedes für Stadt und Steppe folgt einem Trend: der anschwellenden Modellvielfaltder Geländewagen, die unter der amerikanischen Abkürzung SUV (Sport Utility Vehicle) vor einigen Jahrzehnten ihren Siegeszug rund um die Welt angetreten haben.

Der Genfer Autosalon sei in diesem Jahr so etwas wie „das Festival der SUV“, meint Ferdinand Dudenhöffer, der Chef des Duisburger Forschungsinstituts CAR. Wie schon im Vorjahr steht in Genf eine ganze Reihe von Geländewagen im Rampenlicht: Volvo präsentiert den neuen XC60, Range Rover präsentiert den Velar, Skoda den Kodiak Scout. Alfa Romeo steigt mit dem Stelvio ebenso neu in dieses Segment ein wie die vor einigen Jahren gestartete noble Citroën-Schwester DS mit dem DS7 Crossback, Mitsubishi enthüllt den Eclipse Cross.

Die Autobauer reagieren mit dieser Fülle von Neuheiten darauf, dass das Segment der Geländewagen attraktive Wachstumsperspektiven hat. Seit 2010 hat sich der Marktanteil in Deutschland praktisch verdoppelt. Jeder fünfte neue Wagen ist mittlerweile ein Offroader. Im vergangenen Jahr legte dieses Marktsegment hierzulande um 19 Prozent zu und damit weitaus stärker als der Gesamtmarkt, der um 4,5 Prozent wuchs. Ähnlich kräftig war nach Berechnungen des Beratungsunternehmens AID der Zuwachs in Westeuropa. ­Etwa jeder vierte verkaufte Wagen zählte zu diesem Segment. Die Nummer eins in Westeuropa war im vergangenen Jahr laut AID der Nissan Qashqai mit 215 000 verkauften Exemplaren. In diesem Jahr, so die Auto-Experten, könnten die Geländewagen erstmals die vom VW Golf geprägte Kompaktklasse überholen und zum wichtigsten Marktsegment aufsteigen.

Warum sind Geländewagen so beliebt?

Insgesamt sind die Wachstumsaussichten für den gesamten europäischen Automarkt in diesem Jahr eher bescheiden. Daimler-Chef Dieter Zetsche, derzeit Spitzenmann des Verbands der europäischen Autohersteller (Acea), rechnet in der EU ­allenfalls mit einem Wachstum von einem Prozent und weist auf zahlreiche politische Unwägbarkeiten hin, wie etwa die Auswirkungen des Brexit. Allerdings ist der Pkw-Markt im vergangenen Jahr stärker gewachsen, als ursprünglich erwartet wurde – laut Acea um fast sieben Prozent auf 14,6 Millionen. Es war das beste Ergebnis seit neun Jahren.

Warum jedoch werden Geländewagen immer beliebter, obwohl die meisten nie ins Gelände kommen, viele dieser schweren Vehikel mit den bulligen Karosserien nicht einmal einen Allrad-Antrieb haben und alles andere als Öko-Mobile sind? Daimler-Chef Zetsche hat die Kaufgründe einmal mit der erhöhten Sitzposition erklärt, die das Ein- und Aussteigen gerade für ältere Autofahrer leichter mache. Zudem habe man einen besseren Überblick. Man fühle sich ein bisschen wie ein „Kapitän der Landstraße“, meint auch CAR-Chef Dudenhöffer. Unbewusst kommt nach Meinung des Daimler-Chefs noch hinzu, dass man das Gefühl habe, flüchten zu können, und sich sicherer fühle. Darauf führt Zetsche auch zurück, dass der Anteil der weiblichen Käufer größer sei als bei anderen Modellen.

Ohne SUV-Welle dürfte der Diesel bei den Neuwagen schlechter abschneiden

Das Marktsegment habe sich von oben nach unten ausgedehnt, berichtet CAR-Chef Dudenhöffer. Ursprünglich seien sie nur bei größeren Fahrzeugen im Angebot gewesen. Mittlerweile gebe es auch Kleinwagen als SUV. Zudem würden Karosserieformen munter gemischt, beispielsweise Geländewagen mit Coupés wie beim BMW X6. Solche Cross-over genannten Mischungen schaffen neue Kaufwünsche.

Da mittlerweile nahezu alle Automarken Geländewagen im Angebot haben, steige jedoch auch der Wettbewerbs-, Preis- und Rabattdruck, meint der Duisburger Autoforscher Dudenhöffer. Nach Einschätzung des Wissenschaftlers hat die wachsende Beliebtheit von Geländewagen den zum Problem gewordenen Diesel in gewisser Weise stabilisiert, weil diese schweren Vehikel oft mit einem Selbstzünder ausgestattet sind. „Ohne die starke SUV-Welle dürfte der Diesel bei den Neuwagen deutlich schlechter abschneiden“, urteilt Dudenhöffer.

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