Der Verein Aufwind aus Ludwigsburg hilft Familien nach der Entlassung aus der Klinik. Foto: Benjamin Stollenberg

Rund 600 gemeinnützige Projekte an den Porsche-Standorten Stuttgart und Leipzig hatten sich an der ersten sogenannten Challenge der 2018 gegründeten Ferry-Porsche-Stiftung beteiligt. Nach einem mehrstufigen Wettbewerb stehen jetzt die Sieger fest.

Stuttgart - Die Sieger der Ferry-Porsche-Challenge sind ausgewählt. Drei gemeinnützige Projekte aus Stuttgart und der Region stellen wir im Folgenden vor. Insgesamt schüttet die Stiftung 1,5 Millionen Euro an 70 verschiedene Projekte aus.

Aufwind Bunter Kreis Ludwigsburg: Hilfe für Familien kranker Kinder

Wenn ein Kind schwer krank oder viel zu früh auf die Welt kommt, sind die Eltern oft im Ausnahmezustand. Gerade die Entlassung aus der Klinik kann Ängste auslösen. Das Nachsorgeteam von Aufwind e.V. Bunter Kreis Ludwigsburg steht den Familien aus dem Landkreis in dieser Anfangsphase unterstützend zur Seite. Die Initiative der Kinderklinik Ludwigsburg gibt es seit 2011, die Krankenkassen finanzieren die Arbeit, allerdings bei Weitem nicht kostendeckend.

„Wir sind wie alle Nachsorgeeinrichtungen auf Spenden angewiesen“, sagt die Teamleiterin Mirjam Trölenberg. Doch die Spendenakquise sei durch die Coronakrise noch einmal erschwert. Umso glücklicher ist das Team, dass Aufwind bei der Ferry-Porsche-Challenge einen der ersten Plätze belegt hat. 100 000 Euro erhält die sozialmedizinische Familiennachsorge von der Ferry-Porsche-Stiftung. „Wir sind überwältigt von der Nachricht. Das ist eine frohe Botschaft für uns und für die Familien im Landkreis Ludwigsburg“, sagt Mirjam Trölenberg, die auch zweite Vereinsvorsitzende ist.

Jedes Jahr unterstützt das interdisziplinäre Team aus Pflegekräften, Sozialarbeitern, Psychologen und Kinderärzten zwischen 80 und 100 Familien, deren Kinder zwischen Null und 14 Jahre alt sind. Sie bringen Licht ins Dunkel, wissen, welche Anträge in die Wege zu leiten sind und stellen den Draht zur ambulanten Kinderkrankenpflege sowie zur Casemanagerin her, die den Nachschub an Pflegeprodukten sicherstellt – und die Mitarbeiter von Aufwind hören zu. Auch das sei ganz wichtig, sagt Mirjam Trölenberg, die einige Familien in der Nachsorge betreut.

Was sind die Sorgen und Ängste? Was können die Eltern leisten – und was schaffen sie nicht alleine? Wer aus dem Umfeld könnte helfen? Das Ziel sei, die Familien in die Lage zu versetzen, ihre Belastung zu bewältigen und auch Lebensqualität zu spüren, sagt sie. Das Preisgeld ermöglicht es Aufwind, das Portfolio zu erweitern. Schulungskurse sollen angeboten werden für Eltern mit krankem Kind, zum Beispiel zum Thema Ernährung. „Da gibt es noch eine Lücke im Landkreis“, sagt Trölenberg, die wollten sie füllen. Denn normale Babyernährungskurse kämen für Eltern eines Extremfrühchens nicht infrage.

Das Mentoring-Projekt der Stuttgarter GmbH Kinderhelden fördert Grundschüler

Wer nicht gut lesen kann, zählt schnell zu den Bildungsverlierern. „Lesen ist eine Schlüsselkompetenz“, sagt Ralph Benz, einer der Geschäftsführer von Kinderhelden, einer gemeinnützigen GmbH aus Stuttgart – eine Schlüsselkompetenz, die leider viele Grundschulkinder nicht mehr in ausreichendem Maße erwerben. Lesetandems plus, eines der Mentoring-Projekte von Kinderhelden, will hier positiv wirken und für „mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit“ sorgen, wie Benz sagt. Unterstützt werden Grundschulkinder mit schwierigen Startbedingungen über eine gezielte Eins-zu-Eins-Förderung.

Bisher profitierten 30 Kinder direkt von dem Projekt – in Zukunft können es deutlich mehr werden. Lesetandems plus hat einen der drei ersten Plätze bei der Ferry-Porsche-Challenge belegt. Nun könne Kinderhelden weitere 100 Kinder im Projekt „individuell, gezielt und mit Methode beim Lesen unterstützen“, freut sich Benz. Darüber hinaus wolle man weitere 150 Kinder aus anderen Mentoring-Projekten in den nächsten Jahren mit der Lautlese- und Viellesemethode fördern, kündigt er an.

Nur Kinder mit Förderbedarf werden bei Lesetandems plus aufgenommen. Deren Eltern hätten teils mehrere Jobs oder sehr viele Kinder und deshalb gar nicht die Zeit, sich hier selbst verstärkt einzubringen – teils spielten auch Sprachprobleme eine Rolle. Mentor und Kind treffen sich einmal wöchentlich. Während der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen wegen des Coronavirus war das natürlich schwierig, bei einem Teil der Tandems lief die Förderung dennoch weiter – digital. Der Großteil ihrer Ehrenamtlichen sei zwischen 20 und 45 Jahre alt sei, da bestehe große Offenheit für die neue Technik, so Benz.

Neben dem gemeinsamen Lesen und dem Austausch gehören besondere Erlebnisse zum Programm. Im Juli steht zum Beispiel ein Gruppenbesuch bei einer Märchenerzählerin an, unter Einhaltung der Hygieneregeln versteht sich. Kinderhelden – Träger des Stuttgarter Qualitätssiegels für Patenprogramme – sucht übrigens weitere Ehrenamtliche, die sich gerne als Mentor oder Mentorin engagieren würden.

Sonderpreis für die Patientenbegleitung des Kreisseniorenrats Böblingen

Wenn ältere Menschen überraschend operiert werden müssen, besteht die Gefahr, dass sie ein Delir entwickeln oder in eine Depression rutschen. Gespräche können hier helfen. Doch immer mehr Menschen sind einsam im Alter. Sie haben niemanden, der sie im Krankenhaus besuchen kommt. Genau hier setzt das Projekt der Patientenbegleitung des Kreisseniorenrats Böblingen an, das nun mit dem mit 75 000 Euro dotierten Sonderpreis der Ferry-Porsche-Challenge ausgezeichnet worden ist, was natürlich Verein wie Ehrenamtliche riesig freue, so der Vorsitzende des Kreisseniorenrats, Manfred Koebler.

„Es ist ein Projekt von Mensch zu Mensch“, sagt Koebler. Anstoß hatte ein persönliches Erlebnis gegeben. Der Krankenhausaufenthalt eines nahen Verwandten hatte ihm vor Augen geführt, wie viel die Ansprache am Krankenbett ausmacht, für die den Pflegekräften kaum Zeit bleibt. 75 Ehrenamtliche (70 Frauen, fünf Männer) engagieren sich als Patientenbegleiter. Wegen der Coronakrise und des lang andauernden Besuchsverbots in Krankenhäusern, musste das Angebot im März gestoppt werden. Seit vergangener Woche finden wieder erste Besuche statt. Niemand werde gedrängt, versichert Koebler, die meisten Ehrenamtlichen gehörten selbst zur Risikogruppe.

Vor der Zwangspause haben die Ehrenamtlichen im Schnitt 350 Besuche im Monat gemacht. Zweieinhalb Stunden sitzen sie meist bei den Patienten und schenken ihnen ihre Zeit. Sie kommen in vier Krankenhäuser des Klinikverbunds Südwest, einer der Kooperationspartner. Das Pflegepersonal sucht aus, an wessen Krankenzimmer geklopft wird. Vorwiegend seien es Patienten, die sonst keinen Besuch bekommen. Das Projekt, das 2019 mit dem „Deutschen Patientenpreis“ ausgezeichnet wurde, ist ein Erfolg: Von den bisher begleiteten 7450 Patienten habe keiner ein Delir oder eine Depression während des Klinikaufenthalts entwickelt, berichtet Koebler. Auch Ärzte und Pflegekräfte sähen den Einsatz sehr positiv. Und die Patientenbegleiter nähmen ebenfalls viel mit: „So ein Lächeln am Ende beseelt den ganzen Heimweg.“

Weitere Preisträger der Challenge

Erste Preise: „Wir unterstützen Menschen, die Verantwortung übernehmen“, sagte Oliver Blume, Vorsitzender des Kuratoriums der Ferry-Porsche-Stiftung, bei der Preisverleihung in Ludwigsburg. Von dieser Unterstützung profitieren 70 gemeinnützige Projekte in unterschiedlicher Gewichtung. Je 100 000 Euro erhalten: Aufwind e. V. (Landkreis Ludwigsburg); Haptik-Labor der Universität Leipzig (Leipzig); Irrsinnig Menschlich e. V. (Leipzig/Stuttgart/Landkreise Ludwigsburg und Böblingen) und Kinderhelden gGmbH: (Stuttgart)

Sonderpreise: Die beiden mit je 75 000 Euro dotierten Sonderpreise gehen an den Kreisseniorenrat Böblingen und die Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig e. V.

Zweite Preise: Wolfsträne e. V. (Leipzig); Ich kann Leben retten! e. V. (Leipzig); MTV Stuttgart 1843 e. V.; Sportkreis Stuttgart e. V. (Stuttgart); Verein der Palliativ-Care-Teams im Kreis Böblingen e. V.

Dritte Preise: 46PLUS Down-Syndrom Stuttgart e. V.; aus:sicht e. V. (Stuttgart); Förderkreis Neonatologie für das frühgeborene und kranke neugeborene Kind e. V. (Stuttgart); impAct e. V. (Stuttgart/Landkreise Ludwigsburg und Böblingen); Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum e. V. (Stuttgart); Ralf Rangnick-Stiftung (Leipzig); Seehaus e. V. (Leipzig); Uni Leipzig (Leipzig); Verein zur Förderung des Hospiz Stuttgart e. V. (Stuttgart). – Der Jury gehörten auch die Chefredakteure von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten an, Joachim Dorfs und Christoph Reisinger.

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