Can fühlt sich von der eigenen Partei verschaukelt. Foto: Judith A. Sägesser

Ergun Can fühlt sich ungerecht behandelt, also hat er seine Kandidatur für den Gemeinderat hingeworfen. Nach zehn Jahren im Stuttgarter Gemeinderat sieht der Degerlocher Sozialdemokrat dort keine Zukunft mehr für sich.

Degerloch - Die Enttäuschung will Ergun Can nicht verbergen. Dafür ist zu viel passiert. So viel, dass er getan hat, was ihm wohl nur wenige zugetraut hätten. Ergun Can hat seine Kandidatur für die Kommunalwahl 2014 zurückgezogen. Nach fast zehn Jahren im Stuttgarter Gemeinderat sieht der Degerlocher Sozialdemokrat dort keine Zukunft mehr für sich. Das war vor Kurzem schon mal so, aber damals hoffte Can, als Direktkandidat für Rottweil-Tuttlingen in den Bundestag gewählt zu werden. Daraus wurde nichts, die CDU hat den Wahlkreis gewonnen. Dass er jetzt hinwirft, liegt daran, dass er sich von seiner Partei verschaukelt fühlt.

Die SPD-Kreiskonferenz Ende November lief schlecht für den Degerlocher. Seine Genossen versagten ihm den 15. Platz auf der Kandidatenliste für die Kommunalwahl. Beim Wettbewerb um jenen Platz verlor er mit 47 zu 59 Stimmen gegen Hans-Peter Ehrlicher. Dabei sah sich Can eh woanders: „Unter den ersten Zehn oder Elf“, sagt er. Versteht sich von selbst, dass er mit den Geschehnissen bei der Kreiskonferenz unzufrieden war. Aktuell sitzen zehn Sozialdemokraten im Gemeinderat.

Can fühlt sich verschaukelt

„Ich war immer ein Parteisoldat“, sagt Can. Er habe oft das Wohl der SPD über sein eigenes gestellt. So wie zum Beispiel damals, 2008, als er eine mindestens so schmerzhafte Klatsche aus den Reihen der eigenen Partei verschmerzen musste. Ergun Can konkurrierte vor der Bundestagswahl mit Cornelia Füllkrug-Weitzel ums Direktmandat für den Wahlkreis Stuttgart-Süd. Füllkrug-Weitzel, die Weltretterin von „Brot für die Welt“, gegen Can, den Deutsch-Türken und Lokalpolitiker. Can bewarb sich selbst, Füllkrug-Weitzel wurde vom Parteivorstand gebeten. Kurz vor der Nominierung zog der Degerlocher seine Kandidatur zurück, er rechnete sich wegen der breiten Unterstützung in der SPD für seine Rivalin keine Chancen mehr aus.

An diese für ihn nicht gerade rühmliche Episode erinnert sich Ergun Can dieser Tage häufiger. Als ihm der Kreisvorstand nun erneut keine Rückendeckung gab, warf er hin. „Es gibt eine gewisse Grenze“, sagt er. Und die sei nun erreicht. Dem Degerlocher kommt es so vor, als ob es seiner Partei an Vertrauen ihm gegenüber mangelt.

„Eine Wahl verloren, aber nicht meine Ehre“

Dejan Perc, der SPD-Kreisvorsitzende in Stuttgart, kann nachvollziehen, dass Can verstimmt ist. „Das ist menschlich schwer“, sagt er. „Ich bedauere seinen Rückzug.“ Die Teilnehmer an der Kreiskonferenz hätten sich aber nun mal so entschieden, „ohne dass es eine Aussage gegen Ergun Can ist“. Bei der SPD erscheint die Nominierung besonders kompliziert. Frauen- und Männernamen müssen sich auf der Liste abwechseln, und zudem wünscht sich die Partei jüngere Leute auf den vorderen Plätzen. „Weil das Wahlalter auf 16 heruntergesetzt worden ist, wollten wir ein paar Leute im Juso-Alter“, sagt Perc. Was er übrigens nicht teilt, ist die Einschätzung, ein Listenplatz zwischen 15 und 20 sei nicht aussichtsreich. Die Degerlocher Genossin Maria Hackl zum Beispiel habe sich am Wahltag der jüngsten Kommunalwahl von Platz 16 auf Platz fünf vorgekämpft. Dies ist möglich, weil die Wähler Wunschkandidaten bis zu drei Stimmen geben dürfen. Hackl sieht sich diesbezüglich selbst als Ausnahme.

Als Verlierer sieht sich Can nicht. „Dafür gibt es keinen Grund. Als Demokrat habe ich eine Wahl verloren, aber nicht meine Ehre.“ Deshalb koste es ihn keine Mühe, bis zur Wahl seinen Job als Stadtrat fortzuführen. Nur, weil er nicht mehr für die Kommunalwahl antrete, heiße das nicht, dass sich Can aus der Politik zurückzieht. „Ich setze mich nicht auf den Altenteil.“ Und bei der SPD bleibe er auch, trotz des Ärgers.

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