Der VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo (links) hat im Spiel gegen Orel Mangala seinen Spaß. Mateo Klimowicz (rechts) greift da lieber nicht in das Geschehen ein. Foto: Baumann

Fachleute und Fans denken, dass der VfB Stuttgart nach dem Aufstieg dringend einen Torjäger benötigt. Bislang hat sich der Bundesliga-Rückkehrer aber nur in der Defensive verstärkt – aus gutem Grund.

Stuttgart - Der Blick richtet sich nach hinten. Drei Mannschaften will der VfB Stuttgart in der kommenden Fußballsaison hinter sich lassen – mit möglichst schnellen 40 Punkten auf der Habenseite. Das ist die Standardformel für Aufsteiger in der Bundesliga. Auch für den Traditionsverein von 1893, der immer gerne anders wahrgenommen wird. Doch auf dem Platz zählt: „Die Defensive ist um Drinzubleiben deutlich wichtiger als die Offensive“, sagt Sven Mislintat.

Der Sportdirektor hat deshalb bislang ausschließlich die Abwehr mit seinen Neuverpflichtungen gestärkt. Und er hat es schnell getan, um die Vorbereitungszeit nutzen zu können. Die schwäbischen Königspersonalien sind dabei Gregor Kobel und Waldemar Anton – ein Torhüter und ein Defensivallrounder. „Ich weiß, dass die Thematik bei den Fans eine andere ist“, sagt Mislintat, „da heißt es: Wir brauchen dringend einen Knipser.“

Der Fokus liegt auf der Defensive

Mislintat nennt diesen Widerspruch das „Aufstiegsparadoxon“, weil es vielen Clubs nach dem Sprung aus der zweiten in die erste Liga schon so ergangen ist. Sie meinten, sich vor allem vorne verstärken zu müssen, um mithalten zu können. Doch tatsächlich war in den vergangenen Jahren beim VfB das Toreschießen häufig das kleinere Problem als das Toreverhindern. Die Zahlen aus der jüngeren Vergangenheit belegen das: In der Abstiegssaison 2015/2016 kassierten die Stuttgarter 75 Gegentore. Zu viele um sie durch eigene Treffer auszugleichen. In der Abstiegssaison 2018/2019 musste der VfB 70 Gegentore hinnehmen und scheiterte später in der Relegation.

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Exklusiv hatte der VfB diese Problematik nicht. Zuletzt wiesen die meisten Bundesliga-Absteiger im Schnitt mindestens zwei Gegentreffer pro Partie aus. Eine kleine Auswahl: der SC Paderborn (74) und Fortuna Düsseldorf (67) in der Vorsaison, der 1. FC Nürnberg (68) und Hannover 96 (71) im Jahr zuvor. Dagegen gelang dem Hamburger SV in der Saison 2017/2018 etwas Besonderes: Er stieg mit nur 53 Gegentoren ab.

Unter den Trainern Hannes Wolf und Tayfun Korkut ließen die Stuttgarter zwischen ihren Abstürzen nur 36 Gegentreffer zu – Platz sieben. Reichlich 1:0-Siege waren damals dabei. Jetzt will sich der Chefcoach Pellegrino Matarazzo aber auf keinen Fall am eigenen Strafraum einmauern. „Unsere Spielidee wird sich nicht so sehr verändern. Wir wollen weiter spielbestimmend sein“, sagt der Italoamerikaner. Allerdings muss auch er Matchpläne entwerfen, um den gegnerischen Offensivabteilungen mit Stabilität zu begegnen. Schließlich geht es nun gegen Stürmer der Extraklasse wie Robert Lewandowski (FC Bayern) oder Erling Haaland (Borussia Dortmund).

Die Offensive nicht vergessen

Mislintat glaubt, dass Matarazzo oft eine Dreier- beziehungsweise Fünferkette in der Abwehr formieren wird, um die Angreifer zu stoppen. Der Trainer selbst will sich nicht festlegen lassen und arbeitet an einer möglichst großen taktischen Flexibilität: Unterschiedliche Grundordnungen, verschiedene Pressingsysteme, variable Vorgehensweise.

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„Unser Fokus liegt zunächst darauf, möglichst schnell eine Einheit zu bilden“, sagt Matarazzo. Um gemeinsam und geschlossen zu verteidigen. Der Trainer will den Blick für die Offensive jedoch nicht verlieren. Denn zur ganzen Wahrheit gehört, dass es mit einer hundertbeinigen Abwehr allein in der Bundesliga nicht mehr getan ist. Es braucht Entlastung, und es braucht eigene Stürmer, die den Unterschied ausmachen können.

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