Ein grauer Bus symbolisiert die NS-Verbrechen an behinderten Menschen. Foto: Gottfried Stoppel

Die Sozialministerin Katrin Altpeter spricht am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Schloss Winnenthal. Aus der früheren „Heilanstalt“ wurden 396 Patienten verschleppt und in Grafeneck ermordet.

Winnenden - Am 27. Januar 1945 erreichten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz und befreiten die Überlebenden. Das Datum ist mittlerweile zum Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Barbarei geworden. Aus diesem Anlass hat die Sozialministerin Katrin Altpeter am Mittwoch in Winnenden einen Kranz an dem Grauen Bus vor dem Eingang des Klinikums im Schloss niedergelegt. Das Kunstwerk erinnert an die Opfer des sogenannten Euthanasieprogramms, dem mehr als 10 500 psychisch und körperlich behinderte Menschen zum Opfer fielen. Diese wurden in Bussen zu Einrichtungen wie Grafeneck auf der Schwäbischen Alb oder Hadamar in Hessen transportiert, wo sie mit Gift oder Gas ermordet wurden.

Kranzniederlegung am Mahnmal für Euthanasieopfer

„Wohin bringt Ihr uns? Mit grauen Bussen wurden die Patienten ins Ungewisse gebracht“, erinnerte Anett Rose-Losert, die Geschäftsführerin der Zentren für Psychiatrie (ZfP) Wiesloch, Weinsberg und Winnenden an die herzzerreißenden Szenen, die sich auf den Höfen der damals Anstalten genannten Einrichtungen abspielten. Die Ausstellung „Wohin bringt Ihr uns?“ im Herbst 2015 nach Winnenden zu holen, sei richtig gewesen. „Hat es sich gelohnt? Ja“, ist sich die Geschäftsführerin sicher. Die Bereitschaft, sich in Psychiatrischen Einrichtungen mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen sei wichtig. „Wie werden wir in 50 Jahren von den Menschen dafür beurteilt werden, was wir heute tun?“

Katrin Altpeter erinnerte in ihrer Rede nicht nur an das Schicksal der wehrlosesten Opfer der Nazis. Sie mahnte auch, dass es nicht nur die überzeugten Nationalsozialisten waren, die den Behinderten das Recht zu leben absprachen, sondern dass dieser Gedanke in der Bevölkerung weit verbreitet war – wenn er auch nicht immer offen ausgesprochen wurde. Parallelen zu heute erkennt die Ministerin in der emotional geführten Debatte um die Flüchtlinge. „Wenn ich jetzt zur Kenntnis nehme, was alles wieder salonfähig geworden ist. Wenn jemand sagt, ich bin kein Rechter, aber . . ., dann werde ich hellwach!“

Um Demokratie jeden Tag ringen

Es sei notwendig, jeden Tag um die Demokratie zu ringen. „Wir hören zurzeit Aussagen, von denen wir annahmen, sie schon längst hinter uns gelassen zu haben.“ Darum gelte es, eine gemeinsame Sprache zu finden und zu sprechen, um dafür zu sorgen, dass Fremde nicht als fremd wahrgenommen werden. „Wenn ich jemanden kenne, kann ich ihn nicht mehr hassen“, zitierte Katrin Altpeter einen Neonazi, der in einer Reportage gefragt wurde, warum er nicht mit Fremden rede.

Auch der Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth warnte davor, jenen das Wort zu überlassen, denen Menschlichkeit nichts bedeutet. „Dann sind wir schon in der Defensive“, sagte er. Das Klinikum im Schloss, die Paulinenpflege und die Stadt seien sich ihrer Verantwortung bewusst. Seit Jahren arbeitet die Stadt ihre NS-Vergangenheit in Publikationen offensiv auf. Und nicht zuletzt hatten sich Schülerinnen und Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums und der Geschwister-Scholl-Realschule aktiv an der Gestaltung der Ausstellung beteiligt.

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