Heinz Rittberger erlebte die Bombennacht Foto: Max Kovalenko info@maxkovalenko.com 01577/1989584/Lichtgut/Max Kovalenko

Ein ökumenischer Gottesdienst erinnert an Bomben, die die Stadt vor 75 Jahren in Schutt und Asche legten. Zeitzeugen berichten von den traumatischen Erlebnissen.

Stuttgart - Beide große Kirchen, die evangelische und katholische, erinnern derzeit an die Bombenangriffe, die vor 75 Jahren Stuttgart in Schutt und Asche legten. Nachdem die Leonhardsgemeinde bereits am 21. Juli einen Gedenkgottesdienst feierte, wird an diesem Freitag (16.30 Uhr) im Eberhardsdom der Zerstörung der City in der Nacht vom 12. auf den 13. September 1944 in einem ökumenischen Gottesdienst gedacht.

Stuttgart war im Zweiten Weltkrieg das Ziel einer Reihe von Luftangriffen. Bereits im Juli 1944 richteten sie sich auf die Innenstadt und trafen diese schwer. Am 12. September, kurz vor Mitternacht, brachten dann der Bombenhagel und die anschließende Feuersbrunst einem Großteil der Innenstadt die vollständige Zerstörung. Mehr als 2000 Menschen wurden verletzt oder getötet. Zahlreiche Kirchen, darunter auch die evangelische Stiftskirche und die katholische St. Eberhards-Kirche, lagen in Trümmern.

Gedenken an all die Zerstörung

Das Gedenken an all die Zerstörung und das Leid der Menschen lassen Christian Hermes, Dompfarrer und katholischer Stadtdekan, Dankbarkeit empfinden für den Frieden und die Freiheit, in der wir leben. „Zugleich machen sie aufmerksam auf die unzähligen Opfer von Krieg und Gewalt, die wir damals wie heute beklagen müssen“, sagt Hermes, der den Gottesdienst zusammen mit dem evangelischen Dekan aus Bad Cannstatt, Eckart Schultz-Berg, und dem ACK-Vorsitzenden Hartmut Hilke gestaltet. Zur Sprache kommen werden Erinnerungen des Theologen Helmut Thielicke, der in jener Zeit in Stuttgart lebte. Ein anderer Zeitzeuge wird voraussichtlich auch in den Eberhardsdom pilgern: Heinz Rittberger, Vorsitzender des Kirchengemeinderats der Leonhardsgemeinde. Rittberger, Jahrgang 1937, hat die Schrecken der Bombennacht als Siebenjähriger in der Rosenstraße erlebt. Von den traumatischen Erinnerung berichtet er so lebhaft, als sei alles erst gestern geschehen: „Aus dem dritten Stock hat man aus dem Fenster geschaut und gesehen, wie der Kirchturm brannte“, erzählt Rittberger, „wir lagen auf dem Boden, die Einschläge waren zu hören und die Erschütterungen so heftig, dass die Türen in den Angeln bebten. Man wusste: Die nächste Bombe kann unser Haus treffen.“

Ein Teil der Aufarbeitung soll nun auch Mahnung sein. Nicht zuletzt deshalb initiierte Rittberger, der vielen Stuttgarter als Inhaber des Traditionsgeschäftes Seifen Lenz ein Begriff ist, eine Foto-Ausstellung in der Leonhardskirche, die noch bis zum 29. September, jeweils von Mittwoch bis Freitag von 10 bis 16 Uhr zu sehen ist.

„Die Idee, in der Leonhardskirche so etwas zu machen, sind die Narben der Zerstörung, die bis heute unter anderem an der Südwand zu sehen sind.“ Stumme Zeugen der Bombennacht sind auch die Kelche und Becher für das Abendmahl, die hinter Glas zu sehen sind. Hintergrund dieser Stücke ist auch eine bewegende Geschichte aus jener Nacht. „Die Leute brachten ihr Silber zur Aufbewahrung in die Kirche“, berichtet Rittberger, „aber als die Kirche brannte, schmolz das ganze Silber zusammen. Nun hat man zur Erinnerung aus den acht Kilogramm Silber das Abendmahlsgeschirr gemacht.“

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