Ein Kulturdenkmal, das am Freitag Ausgangspunkt für einen Gedenkabend sein wird: Der alte Hochberger jüdische Friedhof. Foto: factum/Granville

Am Freitag wird in Remseck-Hochberg an vier ehemalige jüdische Mitbürger erinnert. In dem Ort gab es einst die größte jüdische Gemeinde in der Region Stuttgart. Bisher dachte man, dort seien keine Opfer des NS-Judenmordes zu beklagen gewesen. Genauere Nachforschungen ergaben: Das stimmt nicht.

Remseck-Hochberg - Ihr Großvater Löw Thalheimer führte das jüdische Gasthaus am Hochberger Alexandrinenplatz, sie selbst kam am 23. Oktober 1865 in dem heutigen Remsecker Ortsteil zur Welt und wuchs dort auf, bevor sie als 21-Jährige einen Münchner Viehhändler heiratete und in die bayerische Hauptstadt zog. Sein Ende nahm das Leben von Berta Jordan, geborene Thalheimer, wohl 1942. „Mit unbekanntem Reiseziel verzogen“ sei sie, hieß es auf einer Münchner Meldekarte zynisch, wie so oft in jener Zeit. In Wahrheit starb Berta Jordan im Ghetto in Theresienstadt.

„Wenn man genauer hinguckt, gibt’s in Gertrud Bolays Buch über jüdischen Alltag in Hochberg schon Hinweise auf Berta Jordan. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung hat es irgendwie nie Niederschlag gefunden, dass es eben doch Hochberger Holocaust-Opfer gab“, sagt Kai Buschmann. Der Grund: „Die letzte Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof war für das Jahr 1925 überliefert, und der letzte Hochberger Jude Adolf Falk emigrierte 1939 nach London.“ Doch auch wenn Berta Jordan nicht mehr in Hochberg gelebt habe, sei sie dennoch Hochbergerin gewesen, betont der Theologe und Historiker Buschmann, der sich in die Erinnerungsarbeit an das jüdische Leben in Hochberg hineinkniet. Der Ort war Mitte des 19. Jahrhunderts eine der größten jüdischen Gemeindenin der Region Stuttgart: Von 800 Einwohnern waren 300 Juden, es gab eine stattliche Synagoge, die als Gemeindesaal der evangelisch-methodistischen Kirche die Reichskristallnacht überstand und noch heute ein ortsprägendes Gebäude ist. Es gab schon früh eine jüdische Schule. Und auf dem jüdischen Friedhof, 1795 angelegt, fanden auch etliche Cannstatter und Stuttgarter Juden ihre letzte Ruhe.

Salomon Kusiel musste sein Ludwigsburger Geschäft 1933 aufgeben

Interessehalber habe er vor nicht allzu langer Zeit im Online-Gedenkbuch der Bundesregierung „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 bis 1945“ das Stichwort „Hochberg“ eingegeben, berichtet Buschmann – und sei auf Berta Jordan gestoßen. Nicht nur die Erinnerung an sie will er dem Vergessen entreißen. Auch Julius Neuburger fand er im Gedenkbuch unter dem Stichwort „Hochberg“. Neuburger, Jahrgang 1888, lebte später in Ludwigsburg und Köln, bevor er ins KZ Dachau, ins Ghetto in Riga und schließlich ins KZ Stutthof deportiert wurde, wo er 1944 starb.

Salomon Kusiel, Jahrgang 1866, war ebenfalls Hochberger und lebte dort, bevor er sich 1905 in Ludwigsburg mit einem Pferdehandel niederließ und in der Seestraße ein Geschäft eröffnete. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste er im Oktober 1933 seine Handlung aufgeben. Kusiel wanderte nach Rotterdam aus und starb 1940 im dortigen Exil, seine Frau Fanny wurde im Mai 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Die Hochbergerin Fanny Kahn, geborene Kauffmann, die den Ludwigsburger Viehhändler Simon Kahn heiratete, wurde als 80-Jährige ins jüdische Zwangsaltersheim nach Dellmensingen gebracht und starb dort am 5. Mai 1942.

Ein Mordanschlag auf den Schultes

Die vier jüdischen Hochberger, deren Schicksale Buschmann mit der Datenbank der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem abglich, stehen am 9. November im Mittelpunkt der Gedenkfeier anlässlich der Reichspogromnacht. Doch auch danach werden die Themen zum jüdischen Leben in Hochberg nicht ausgehen, denen nachzuspüren sich lohnt. Etwa darüber, dass es 1936 oder 1937 wohl doch noch eine Bestattung gab, allerdings ohne Grabstein. Oder darüber, dass es im Revolutionsjahr 1848 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen gekommen sein soll, weil die Christen den Juden nicht das Recht zuerkennen wollten, im Wald Altholz sammeln zu dürfen. „Auf den Hochberger Schultes, der sich auf die Seite der jüdischen Bürger schlug, soll es sogar einen Mordanschlag gegeben haben“, erzählt Kai Buschmann. Über das unrühmliche Thema seien die alten Ortschroniken aber „dezent hinweggegangen“.

Gedenkfeiern Am Freitag, 9. November, ist Treffpunkt um 18 Uhr am alten jüdischen Friedhof am Hochberger Ortsausgang, Neckarremser Straße. Die Gedenkfeier endet mit einem Lichter-Schweige-Marsch zur ehemaligen Synagoge in der Hauptstraße 37. In Ludwigsburg gibt es am am Samstag, 10. November, um 19 Uhr eine Kundgebung am Synagogenplatz und um 20.15 Uhr in der Friedenskirche ein Konzert der Gruppe Asamblea Mediterranea. In der ehemaligen Synagoge Freudental findet am Sonntag, 11. November, um 18 Uhr ein Abend mit Musik und Rezitationen unter dem Titel „Wenn die Lichter ausgehen“ statt. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kreis-ludwigsburg-zuflucht-vor-den-herren-von-wuerttemberg-page1.6c514506-3de2-4d9f-9969-95afb485a13d.html https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.pogromnacht-1938-vergessen-die-deutschen-ihre-vergangenheit.108962bd-8394-43bf-b0f4-ff2ffc462172.html

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