Die wohlgeformte Schönheit auf dem Galateabrunnen am Eugensplatz Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In unserer Serie „Stuttgarter Entdeckungen“ wollen wir Geschichten aufspüren, die in den vielen Winkeln der Stadt verborgen sind. Diesmal geht es um den Galatea-Brunnen am Eugensplatz, der wegen der spärlich bekleideten Schönheit einst im Jahr 1890 höchst umstritten war.

Stuttgart - Zuerst mit der Zunge über die kühle Köstlichkeit lecken, dann den Blick in ins Tal schweifen lassen, schließlich den Kopf in den Nacken legen und die weibliche Schönheit oben auf dem Sockel bewundern. Täglich lassen sich Dutzende oder gar Hunderte Besucher auf jener Aussichtsplattform beobachten, die dieses Ritual an den Tag legen – weil es eben wohl gar nicht anders geht.

Um versteckte Erscheinungen soll es in unserer Serie gehen. Das sind die Attraktionen am Eugensplatz nicht unbedingt. Manche haben die dortige Eisdiele Pinguin als Hauptanlaufziel und nehmen den Loriot-Mops an der Straßenbahn-Haltestelle, die schöne Aussicht und auch den Anblick der Galatea eher so nebenbei mit. Dabei gilt der Galatea-Brunnen unter Kennern als einer der prachtvollsten seiner Art in der Stadt.

Nicht ganz so geläufig und somit erzählungswürdig ist die Geschichte, die hinter diesem Wasserspiel steckt. Enthüllungswissen liefern zwei Experten – die Vorstände der Stiftung Stuttgarter Brünnele, Peter H. Haller und Herbert O. Rau. Den Brunnen haben die Stuttgarter ihrer damaligen Königin Olga (genau: Olga Nikolajewna Romanowa, 1822 bis 1892) zu verdanken. Sie unterstützte die damaligen Bemühungen des Vereins zur Förderung der Kunst in Stuttgart, der eine Sammelaktion ins Leben gerufen und einen Gestaltungswettbewerb ausgeschrieben hatte. Auf Wunsch der Königin kam der Entwurf des Bildhauers Otto Rieth zum Zug. „Am 27. April 1890 konnte die monumentale Brunnenanlage mit Figuren aus Bronze und obenauf der schönen Galatea feierlich eingeweiht werden“, berichtet Haller.

Olga hatte sich als Motiv für die Figur auf dem Schilfsandsteinsockel ein Wesen aus der griechischen Sagenwelt ausgeguckt. Der altrömische Dichter Ovid beschreibt in den „Metamorphosen“ das Schicksal der Nymphe Galatea, der Tochter des greisen Meeresgottes Nereus und seiner Meerjungfrau Doris. Galatea wurde von einem liebestrunkenen Cyclop begehrt, zog aber den jungen Hirten Acis vor – worauf der Cyclop den Geliebten mit einem Felsbrocken erschlug. Warum wollte Olga der Galatea ein Denkmal setzten? Nach Hallers Einschätzung war dies kein Zufall. Galatea war die schönste der Nereiden, also Meeresnymphen. Und auch Olga, die ebenfalls als Schönheit galt, „war mit ihrem Mann nicht glücklich“. Eine Liebesheirat war es keineswegs, denn Gatte Karl von Württemberg „wollte nicht viel von Frauen wissen“. Seine Homosexualität war schon damals hinreichend bekannt.

Damit hören die amüsanten Geschichten zum Brunnen aber nicht auf. Galatea bedeutet übersetzt „Weiß wie Milch“ oder „weiß wie Schnee“ – als Modell diente Bildhauer Rieth die Berliner Blumenhändlerin und Schuhmacherstochter Anna Sasse, die zu ihrer Zeit ein bekanntes Künstlermodell war. Kein Wunder, denn wenn man die Stuttgarter Galatea als Maßstab nimmt, muss Anna Sasse gut bestückt gewesen sein. Vor allem das Hinterteil war ausladend genug – ganz anders als bei heutigen Magermodels.

Die wohlgeratene Figur samt den zwei Jünglingen auf der Spitze der Säule waren durchaus nach dem Geschmack der Königin. Nicht jedoch nach jenem der Bevölkerung. Die üppigen Rundungen, die spärliche Bekleidung, vielleicht auch, dass kein Stuttgarter Mädle Modell gestanden hatte, sorgten für gewisses Grummeln. „Faschd nackich – des goht doch net!“, war die Meinung nicht weniger Stuttgarter. „Vor allem die pietistischen Frauen meckerten über die spärlich bekleidete Schönheit“, so Herbert Rau. Die mit russischem Temperament ausgestattete Hauptgeldgeberin reagierte verärgert. Wenn das Gemaule nicht aufhöre, werde die Figur gedreht. Dann hätte Galatea den Stuttgartern ihren wohlgeformten, unbekleideten Hintern entgegengestreckt. Umgehend war die Diskussion um die umstrittensten Rundungen der Stadt beendet.

Die folgenden Jahrzehnte überstanden Galatea und Brunnen zumeist unbeschadet. Versuche um 1940, das Metall der Bronzefigur für kriegerische Zwecke zu nutzen, scheiterten. In den 1990er Jahren verfiel der Galatea-Brunnen zusehends, Wasserbecken und Leitungen waren marode geworden. „Das Wasser floss nicht über die Kaskaden, eines der schönsten Baudenkmäler Stuttgarts war stillgelegt“, erinnert sich Haller. Unter starker finanzieller Beteiligung der Stiftung Stuttgarter Brünnele wurde die Wasserstaffel für 140 000 Euro saniert, am 25. Mai 2007 hieß es wieder: Wasser marsch.

Haller und Rau hatten einen Ehrengast eingeladen: Ulrich Prinz zu Wied, ein Enkel Paulines von Württemberg. Und der Prinz hatte ein Gedicht aus dem humoristischen Baedeker der Zeit Olgas dabei, in dem der Protest gegen Galatea hochgenommen wird: „Ach, den nackten Griechennymphen / geht es schlecht am Nesenbach. / Wie sie schimpfen, Nase rümpfen, / Publikum und die vom Fach, / über den blanken Podex schön gewölbt und kolossal. / Diese nach dem Schönheitskodex, / jene wegen der Moral. / Doch was kümmern dich die Dummen, / so ihr Zischen als Applaus. / Lass sie nörgeln, knurren, brummen / immer zu und lach sie aus.“

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