Der Bildhauer Ralf Ehmann (knieend) begutachtet mit einigen Teilnehmern die Skulpturen, die beim Workshop entstanden sind. Foto: factum/Weise

Junge Leute aus Europa beschäftigen sich bei einem Workshop im ehemaligen KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen mit der Nazi-Zeit – und manche auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte.

Böblingen - Mansur Rahimli hat schon einige Erfahrungen mit Workcamps. Im ehemaligen KZ Buchenwald hat er vor sechs Jahren die Namen von Häftlingen in Flussteine geritzt, in Bayonne in Frankreich befreite er auf einem jüdischen Friedhof die Grabsteine von Unkraut. In Hamburg hat er sogar ein ganzes Jahr lang als Freiwilliger in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gearbeitet. Doch nun beim Workshop der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen (Kreis Böblingen) erlebt er etwas ganz Neues: „Wir schaffen hier etwas Bleibendes, etwas, das man sieht.“ Der 30-jährige Aserbaidschaner hat eine Kerze mit Werkzeugen aus einem Stein gemeißelt. „Oben mache ich eine Öffnung in den Stein für eine echte Kerze, die dann leuchtet“. Leuchten soll sie zur Erinnerung an all die Menschen, die im KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen geschunden wurden.

Mansur Rahimli ist einer von 15 jungen Menschen zwischen 16 und 35 Jahren, die Skulpturen für die Gedenkstätte auf dem ehemaligen KZ-Außenlager fertigen. Die Teilnehmer des Workshops , die der Verein „Gegen Vergessen, für Demokratie“ gemeinsam mit der Aktion Friedensdienste Sühnezeichen organisiert, kommen aus Aserbaidschan, Russland, Weißrussland, Polen, Spanien und Deutschland. Große künstlerische Erfahrungen bringt keiner von ihnen mit. Das ist auch nicht nötig. Drei Künstler – Ralf Ehmann, Rudolf Kurz und Uli Gsell – leiten die Freiwilligen an. Ihnen geht es um die Beschäftigung mit der Geschichte, mit dem, was in Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg passierte.

Die eigene Familiengeschichte als Ansporn

Einige Teilnehmer treibt die eigene Familiengeschichte dazu an. So auch Mansur Rahimli. „Meine beiden Großväter haben im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gegen Deutschland gekämpft. Sie haben mir immer wieder davon erzählt. Deshalb wollte ich mehr darüber erfahren.“

„Uns geht es bei diesem Projekt um die emotionale Annäherung an das Thema Holocaust“, sagt Harald Roth von der Herrenberger Sektion des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie, die die Gedenkstätte Tailfingen geschaffen hat. „Normalerweise läuft die Unterrichtung über das Thema in der Schule oder auch bei Führungen durch Gedenkstätten sehr sachlich ab. Das ist ja auch richtig.“ Dank des Kunstprojekts würden sich die Teilnehmer diesem schwierigen Thema jedoch ganz anders nähern.

Gesichter aus Stein

So stand vor Beginn der Kunstaktion ein Kennenlernen des Geländes des ehemaligen KZ-Außenlagers. Auch im Archiv haben die jungen Leute geforscht und sich mit den Schicksalen einiger Häftlinge beschäftigt. Die Geschichte einer jüdischen Familie ist Kseniya Bisoukova und Maria Tschupina, beide aus Weißrussland, besonders ans Herz gegangen. Vater, Mutter und drei Kinder wurden getrennt, erst die Männer und Frauen, später dann auch Vater und Sohn. Dieser landete im KZ-Außenlager Tailfingen.

Wie so eine Familie zerrissen wurde, das dokumentieren die beiden jungen Frauen mit zwei Gesichtern, die sie als Relief aus dem Stein meißeln. Die Skulpturen sollen so aufgestellt werden, dass die Trennung deutlich wird. Am Donnerstag wurden alle Plastiken auf der früheren Landebahn des Lagers platziert. An diesem Freitag um 15 Uhr wird der Skulpturenpfad der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Lager hat es fast 200 Tote gegeben

Gedenkstätte: Die Herrenberger Sektion des Vereins Gegen Vergessen - für Demokratie hat die Geschichte des KZ-Außenlagers Hailfingen/Tailfingen erforscht und die Gedenkstätte eingerichtet. Im November 1944 kamen 601 Häftlinge in das Lager. Sie mussten den Nachtjägerflugplatz Hailfingen bauen und in Steinbrüchen arbeiten. 189 Menschen starben in den drei Monaten, in denen das Lager existierte.

Finanzierung: Die Landeszentrale für politische Bildung finanziert das Workcamp mit einen Zuschuss von 6000 Euro. Die 15 Teilnehmer sind im Vereinsheim des Radsportvereins Frisch Auf Öschelbronn untergebracht – im Matratzenlager mit Selbstverpflegung. Mit dem Rad fahren sie zur Gedenkstätte.

  
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