Tätowierte Superstars: Lionel Messi, Zlatan Ibrahimovic, Neymar, Arturo Vidal und Sergio Ramos Foto: Montage Sebastian Ruckaberle

Es stehen immer mehr tätowierte Fußballer auf dem Platz. Der Sportwissenschaftler Ingo Froboese findet die Entwicklung alarmierend. Der VfB Stuttgart spricht seinen Profis eine Empfehlung zu dem Thema aus.

Stuttgart - Tätowierungen waren mal ein Alleinstellungsmerkmal von Matrosen, Häftlingen oder bestimmten Subkulturen. In diesem Jahrtausend sind sie aber zu einem Massenphänomen geworden. Die negative Konotation ist aufgehoben, Tattoos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Schätzungen von Experten zufolge ist jeder Vierte in der Kerngruppe zwischen 16 und 30 Jahren tätowiert.

Körpermodifikation ist chic, Tattoo ist Trend. Besonders auch in der Fußballwelt. David Beckham war Anfang des Jahrtausends der Vorreiter dieser Bewegung. In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Spieler mit permanenter Körperbemalung enorm zugenommen – beim chilenischen Nationalteam um Arturo Vidal vom FC Bayern München etwa könnten sie fast als Voraussetzung gewertet werden, um ins Team aufgenommen zu werden.

Der Untätowierte: Cristiano Ronaldo ist eine Ausnahme

Es geht von kleinen Zeichen bis zu großflächigen Gemälden, auch in der deutschen Nationalelf. Toni Kroos beispielsweise hat unter anderem seine Kinder Leon und Amelie auf seinen Armen verewigt. Auf Mesut Özils linkem Oberarm brüllt ein mächtiger Löwe, darunter steht: „Only god can judge me“ – nur Gott kann über mich richten. Dieser Spruch ist auch auf dem Körper von Jérôme Boateng zu finden. Und noch vieles mehr. Auf dem Rücken trägt der deutsche Tattoo-Weltmeister unter anderem sein Familienstammbuch und Porträts seiner Töchter Soley und Lamia – bei Toptalent Leroy Sané prangt dort seit dem Sommer ein gewaltiges Abbild seiner selbst beim Torjubel.

Auch die Superstars Neymar, Lionel Messi, Zlatan Ibrahimovic oder Sergio Ramos übertreffen sich im Zuge ihrer individuellen Selbstinszenierung nicht mehr nur gegenseitig mit Tricks und Toren, ausgefallenen Frisuren und Schuhen, sondern auch mit großflächigen Tattoos. Eine Ausnahme ist Cristiano Ronaldo – seine Erklärung: „Ich bin nicht tätowiert, weil ich sonst kein Blut spenden könnte.“ Bei jeder Tätowierung entsteht eine Wunde in der Haut, ­dabei können Viren übertragen werden. Deshalb müssen Blutspender danach vier Monate warten, ehe sie wieder spenden können, um Infektionen vorzubeugen.

Uniprofessor Ingo Froboese mahnt – und stößt auf taube Ohren

Ingo Froboese wünscht sich mehr Fußballer wie Cristiano Ronaldo. „Der Körper ist keine Lkw-Plane, die man bedrucken kann, das ist ein Organ, das atmet“, sagt der renommierte Universitätsprofessor, der das Zentrum für Gesundheit durch Sport und Bewegung der Deutschen Sporthochschule in Köln leitet. Der 60-Jährige hat im August großes Aufsehen erregt, indem er artikulierte, dass er als Clubverantwortlicher Tattoos im Fußball verbieten würde. Denn seinen Forschungen zufolge führen großflächige Tätowierungen zu Leistungseinbußen von drei bis fünf Prozent. „60 bis 70 Prozent der Tinte bleibt nicht da, wo sie initiiert wird, sondern wandert weiter. Wir vergiften die Region und belasten Leber, Niere und Lymphknoten“, erklärt er. „Es gibt für die Sportler Einschränkungen in der Thermoregulation und Regeneration, das Immunsystem wird geschwächt.“

Eine Rückmeldung von den Vereinen blieb aus, was Ingo Froboese überrascht hat. Stattdessen hat ihn eine ältere Dame kontaktiert. Die besorgte Frau hat alle 36 deutschen Erst- und Zweitligisten angeschrieben, weil ihr Enkelkind die Tattoos bei Fußballern als Normalität wahrnehme und nicht verstehen könne, wenn einer nicht tätowiert sei. Sechs Antworten von Vereinsseite seien eingegangen, alle mit dem gleichen Tenor: „Es hieß, Tätowierungen lägen in der Privatverantwortung der Spieler, aber das ist die falsche Antwort“, sagt Ingo Froboese. „Dass die Vereine nicht reagieren, ist für mich absolut unverständlich – das ist nicht richtig im Sinne der ­Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Spieler und ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.“

Verdribbelt: Lionel Messis Unterschenkel ist jetzt fast komplett schwarz

Die Clubs regulieren in den Spielerverträgen vielerlei Details, bezüglich von Tätowierungen werden in der Regel jedoch keine Restriktionen festgehalten. Höchstens Ratschläge. Beim VfB Stuttgart beispielsweise gibt es eine Empfehlung vonseiten des Clubs, Tätowierungen außerhalb der Saison machen zu lassen. Der Vorgang ist nicht ohne Risiko: Guillermo Varela ließ sich in der Woche vor dem jüngsten DFB-Pokal-Finale in Berlin ein Tattoo stechen, das sich entzündete. Er wurde daraufhin von seinem damaligen Verein Eintracht Frankfurt suspendiert.

Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht wenige Tätowierfarbengemische mit Schwermetallen oder Mikroben verunreinigt sind. Ärzte mahnen an, seriöse Tätowierer aufzusuchen – und warnen vor spontanen Entschlüssen, die in Reue umschlagen können und nach einer Korrektur schreien. Siehe Lionel Messis linker Unterschenkel: Der Argentinier hatte sich in der Motivwahl offenbar so verdribbelt, dass er ein sogenanntes Cover-up (Abdecktattoo) brauchte. Sein Unterschenkel ist jetzt fast komplett schwarz und sieht aus wie ein permanenter schwarzer Stutzen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: