Rote Karte für zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter. Foto: dpa/Patrick Seeger

Die Sitten auf den Fußballplätzen sind rauer geworden – bis hin zu tätlichen Übergriffen auf Referees. Die Zahl der Vorfälle in Württemberg ist aber vergleichsweise gering.

Stuttgart - Schiedsrichter sind wie Hosenträger, erst wenn sie fehlen merkt man, wie wichtig sie sind. Dieser Vergleich stammt vom Unparteiischen Hans Wolf vom ABV Stuttgart – und der weiß, wovon er redet. Demnächst wird der 68-Jährige sein 3000. Spiel leiten, Pflichtspiel wohlgemerkt, die zusätzlichen Hobbyspiele nicht eingerechnet.

So gesehen standen die Mannschaften in Berlin vergangenes Wochenende mit heruntergelassenen Hosen da, denn dort streikte die gesamte Schiedsrichter-Gilde bei den Amateuren. Aus Protest gegen die zunehmende Gewalt. Nach dem neunten Spieltag der noch jungen Saison waren schon mehr als 50 Übergriffe auf die Unparteiischen registriert worden. Und der Berliner Sprecher der Referees sagte recht martialisch: „Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter in Deutschland geben, bevor sich etwas ändert.“

Bewusstlos geschlagen

Die Lage scheint in der Tat brisant. Bei einer Partie der C-Liga Dieburg in Hessen ist es am Wochenende zu dramatischen Szenen gekommen – fünf Minuten vor Schluss musste die Partie zwischen dem FSV Münster und dem TV Semd abgebrochen werden. Auf dem Video eines Fans ist zu sehen, wie Schiedsrichter Niels Czekala einem Münster-Spieler die Rote Karte zeigt – und dieser daraufhin mit einem Faustschlag den Unparteiischen niederstreckt, der sich eine Gehirnerschütterung zuzieht. „Solche Bilder machen einen schon betroffen“, gibt auch Wolf zu, obwohl der in seiner langer Karriere bisher von solchen Vorfällen verschont geblieben ist. „Manchmal ist das auch eine Frage der Autorität“, sagt Wolf, der aber nicht verschweigen will, „dass die Sitten auf dem Spielfeld rauer geworden sind als früher“.

Regionale Unterschiede

Wobei das von Region zu Region auch unterschiedlich ist. In Mecklenburg-Vorpommern etwa gebe es keine „Berliner Verhältnisse“, sagte der Schiedsrichterchef des Landesfußballverbandes, Torsten Koop: „Wenn ich es mit Berlin vergleiche, leben wir im Paradies.“ Ähnlich sieht es im Württembergischen Fußballverband aus, wenn man auf die Zahlen schaut. Von den etwa 120 000 Spielen pro Jahr wurden zuletzt 0,5 Promille als auffällig registriert, was voraussetzt, dass der Schiedsrichter einen Vorfall im Spielberichtsbogen vermerkt. Wie am Sonntag vor einer Woche bei der Partie des FSV Deufringen gegen KF Isa Boletini Sindelfingen in der B-Klasse des Bezirks Böblingen-Calw, als der Unparteiische einen vierseitigen Sonderbericht schrieb. Nachdem er die Partie nach einer halben Stunde schon für zehn Minuten unterbrochen hatte, weil Anhänger der Sindelfinger von außen unflätige Kommentare abgegeben haben sollen, wollten ihm nach dem 4:2-Sieg des FSV je drei Spieler und Zuschauer an den Kragen, so dass der Heimclub die Polizei anforderte, die mit fünf Streifenwagen anrückte. Bis zum 1. November wird nun die Stellungnahme dazu eingefordert, wobei die Sindelfinger als Wiederholungstäter gelten.

Der WFV war der erste Verband, der mit der Uni Tübingen eine wissenschaftliche Studie zum Thema Gewalt iniziiert hat. Die letzten Zahlen stammen zwar von Ende 2017, haben sich im WFV aber nicht signifikant geändert. Damals hieß es: „In den fünf Spielzeiten seit 2012 wurden knapp 750 000 Spiele analysiert mit dem Ergebnis, dass die Anzahl der Tätlichkeiten im Fünfjahresvergleich eher rückläufig sind.“ Kleiner Haken: Das betrifft die Quantität, aber nicht unbedingt die Qualität der Übergriffe, die tendenziell aggressiver werden.

TSV Münster meldet Mannschaft ab

Auffällige Spieler müssen beim WFV an einem Anti-Aggressions-Training teilnehmen, um die Spielberechtigung wieder zu erlangen. Dafür ist es für die Spieler des Kreisligisten TSV Münster in Hessen zu spät, die Verantwortlichen haben die Mannschaft am Mittwoch mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb abgemeldet, der Vereinsvorsitzende Hans-Peter Samoschkoff sagte: „Die Spieler werden sich noch einmal treffen, nehmen ihre persönlichen Sachen mit – das war’s dann.“ Der Spieler, gegen den wegen Körperverletzung ermittelt wird, erhalte zudem ein lebenslanges Hausverbot bei seinem Club. Das geht wiederum Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) nicht weit genug: Er forderte jetzt eine lebenslange Sperre für Täter, die Referees bewusstlos prügeln, weil er auf die Vorbildfunktion des Fußballs verweist. „Was dort vorgelebt wird, spiegelt sich in den unteren Ligen wider.“

Zahlreiche Wiederholungstäter

Hans Wolf wiederum kennt seine Pappenheimer. „Es sind oft die gleichen Vereine und Spieler, die auffällig sind“, sagt der 68-Jährige und geht in solchen Fällen schon entsprechend gewappnet in die Partie. „Auch heute noch ohne Angst“, wie er betont, „aber bei Kollegen mag das anders aussehen.“ Der Kollege in Hessen war erst 22 Jahre alt, dessen Vater sagte, er werde „sehr große Angst“ haben, wenn sein Sohn wieder auf dem Platz stehe, und forderte: „Der Schiedsrichter muss wieder eine Respektsperson sein.“

In Württemberg wird in den unteren Klassen bis einschließlich Bezirksliga ohne Linienrichter gepfiffen, nur in Ausnahmefällen, bei besonderen Risikospielen, kommt ein Gespann. Wobei Wolf sagt: „Das hilft aber nur bei guten Leuten, die im Team auch eingespielt sind.“ Und das funktioniert selbst in der Bundesliga manchmal nicht reibungslos, mal ganz abgesehen davon, dass es im Amateurbereich keinen Videoassistenten gibt. Dafür aber viele Handykameras, die die Vorfälle aufnehmen. Gerade jetzt im Herbst, wenn mit zunehmender Dunkelheit laut WFV-Studie die Vorfälle zunehmen.

Am 16./17. November tagen die Landesverbände – das Thema Gewalt soll ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Sonst fallen die Spiele irgendwann nicht wegen Streik aus, sondern wegen fehlender Schiedsrichter. „Praxis-Schock“, sagen die Experten zu der hohen Abbrecherquote junger Schiedsrichter. Das Phänomen dürfte eher zunehmen.

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