Volles Stadion in Budapest: Ungarn gibt sich in Sachen Corona locker. Foto: dpa/Robert Michael

Bei der Fußball-EM gibt es keine einheitliche Hygienestrategie gegen das Coronavirus. Ein Standort in Europa gibt sich sogar besonders freizügig. Doch die Kritik daran wird lauter.

Budapest/Stuttgart - Kaum einem Ort in Budapest wird so viel nationale Symbolik zugeschrieben wie dem Heldenplatz. Im Zuge der laufenden Fußball-Europameisterschaft haben sich am Ende der Andrássy-Straße zweimal riesige Massenansammlungen gebildet, um der ungarischen Nationalelf beizustehen. Rund 20 000, vielleicht sogar noch mehr Fans waren an dem Fußmarsch vom Millenniumsdenkmal zur Puskas-Arena für die Heimspiele gegen Europameister Portugal und Weltmeister Frankreich beteiligt. Mit Gegröle und Gesängen – ohne Abstand und ohne Maske. Als sei Corona immer noch irgendeine Biersorte.

Das ungarische Nationalstadion ist das einzige der elf EM-Arenen, das eine volle Auslastung erlaubt. Die einheimischen Behörden argumentieren, dass die Eintrittskarten für Einheimische nur mit Nachweis mindestens einer Impfung oder einer überstandenen Corona-Erkrankung erhältlich waren, aber die monumentale Betonschüssel mutiert mitten in der Pandemie trotzdem zum Testlabor dieses paneuropäischen Turnierprojekts. Sogar viele der 5600 angereisten französischen Anhänger berichteten am Samstagabend, dass sie sich unter den offiziell gezählten 55 598 Besucher sichtlich unwohl gefühlt hätten.

Paul Pogba ließ sich ohne Maske feiern

Der über die Videotafeln verbreitete Aufruf zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes war nur eine Empfehlung – befolgt von den wenigsten Fans. Ausländische Gäste mussten einen negativen PCR-Test vorweisen, erhielten dafür ein Kontrollbändchen am Handgelenk, ohne das es keinen Einlass gegeben hätte. Aber reicht das als Vorsorge aus? Belastbare Studienergebnisse liegen zu dieser Thematik noch nicht vor.

Fakt ist: Die anderen zehn Spielorte sind in der Zuschauerfrage deutlich vorsichtiger: Baku und St. Petersburg haben 34 000 Plätze, die Hälfte der Kapazität, freigegeben. Amsterdam, Bukarest, Glasgow, Rom, Sevilla oder München noch weniger. Eine Lockerung erlaubte sich Kopenhagen, wo zum zweiten Gruppenspiel gegen Belgien 25 000 Fans in den Parken strömten. München hingegen gestattete in einer deutlich größeren Spielstätte nur 14 000. Aber selbst dort war nicht immer ausreichend Abstand garantiert. Ausgerechnet Frankreichs Mittelfeldstar Paul Pogba hatte sich am vergangenen Dienstag inmitten seiner Landsleute feiern lassen.

Der Grat zwischen Vernunft und Unvernunft ist bei einer emotionshaften Angelegenheit wie dem Fußball mitten in der Pandemie generell schmal. Und so ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in dieser Frage gespalten. Es sei ja schön, dass in München bereits wieder 14 000 Fans dabei sein konnten, „aber wenn ich vollkommen besetzte Stadien sehe in anderen Ländern Europas, dann bin ich ein bisschen skeptisch, ob das jetzt schon die richtige Antwort auf die augenblickliche Situation ist“, sagte Merkel mit einem unverhohlenen Seitenhieb an den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, mit dem sie ja ohnehin auf ganz anderen Gebieten entzweit ist.

Die Uefa erhöht den Druck auf London

Auf Garantien für die Zuschauerrückkehr hatte die Europäische Fußball-Union Uefa bereits im Frühjahr gedrängt. Nun wird es nicht zu den ansonsten bei einer WM oder EM üblichen Reisebewegungen von Zehntausenden Anhängern kommen – allein deshalb, weil keine Planungssicherheit bestand. Abertausende türkische Unterstützer, die mal schnell über die Grenze nach Aserbaidschan reisten, um die Partie der Türkei gegen Wales in Baku zu verfolgen, sind die Ausnahme. Im Olympiastadion der aserbaidschanischen Hauptstadt verloren sich zum ersten Gruppenspiel Schweiz gegen Wales lediglich 8782 Zuschauer. Der aufwendige Trip in den Kaukasus und komplizierte Visa-Regeln hatten abschreckende Wirkung entfaltet. Doch grundsätzlich haben Fußballfreunde mit einem Ticket gewisse Reiseprivilegien. Sie müssen nicht in Quarantäne, sofern sie ihren Aufenthalt auf drei Tage beschränken.

Die Entwicklung ist dynamisch: Nachdem die Uefa dem Spielort Dublin wegen fehlender Zuschauergarantien den Ausrichterstatus kurz vor Turnierstart noch entzog, bangt plötzlich London um beide Halbfinals (6./7. Juli) und um das Finale (11. Juli). Eigentlich sollen 45 000 Zuschauer zum Endspiel zugelassen werden, doppelt so viele wie jetzt in der Vorrunde. Doch Sorge bereitet die rasante Verbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Die meisten Länder Europas haben strenge Quarantäneverordnungen erlassen. Die Uefa aber möchte, dass nicht nur für Spieler und Offizielle, sondern auch für 2500 VIP-Gäste aus dem Sponsorenkreis problemlose Ein- und Ausreisebestimmungen gezimmert werden.

Ungarn springt in die Hygiene-Lücke

Der britische Premier Boris Johnson will sich nicht unter Druck setzen lassen. Auch der deutsche Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hält die Uefa-Forderung „für unvertretbar“. Das sei eine Gefährdung der Bürger Englands und der Bürger Europas. Man müsse die Spiele in ein anderes europäisches Land verschieben. Und da kommt wieder Budapest ins Spiel. Diese Hintertür steht offenbar immer für die Offiziellen offen. Im September fand dort bereits unter Uefa-Hoheit ein Pilotprojekt mit Fans zum Supercup-Finale des FC Bayern statt, und als im Februar und März dieses Jahres RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach einen Schauplatz für ihre Champions-League-Begegnungen gegen englische Topvereine suchten, ging es jeweils für Hin- und Rückspiel in die Stadt, die für den Fußball wohl auch in Zukunft jeden Spagat vollbringt.

Nur der Fanmarsch vom Heldenplatz, der ist vorerst Geschichte.

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