Birkir Bjarnason hat Fußballgeschichte geschrieben. Sein Großonkel Sigurdur Dagbjartsson lebt in Leonberg. Foto: factum/Bach

Der Großneffe des Leonbergers Sigurdur Dagbjartsson hat beim Spiel gegen Portugal das erste Tor Islands in einer Fußball-Europameisterschaft geschossen.

Leonberg - Nein, das hätte er nicht gedacht: Die isländische Nationalmannschaft hat sich bei der Fußball-EM ins Viertelfinale geschossen. Sigurdur Dagbjartsson ist aus dem Häuschen. Aber deshalb sein Haus verlassen und auf der Straße feiern? Das hat der 77-jährige Isländer nicht gemacht. „Ich gehöre zu den stillen Genießern, die alleine zu Hause feiern“, sagt er.

Zum Mitfeiern gibt es in Leonberg auch keine Landsleute – zumindest keine, von denen Dagbjartsson weiß. „Und im Großraum Stuttgart verstreut leben auch nur 20 bis 30 Isländer, die alle lieber zu Hause feiern, statt im Korso zu fahren. Denn die meisten der hier lebenden Isländer sind schon etwas älter“, stellt er fest.

Angeborener Kampfgeist und Willensstärke

Den bisherigen Erfolg der isländischen Mannschaft erklärt Dagbjartsson damit, dass sich die Spieler seit Jahren kennen und zusammen spielen. „Dadurch machen sie die technischen Defizite wett, die sie gegenüber den Favoriten haben“, ist er überzeugt. Außerdem gebe es in der Mannschaft keine Stars und Starallüren. „Einer für alle, alle für einen“, heißt das Motto, auf das sich alle eingeschworen haben. Den Rest der Erfolgsrezeptur mache der angeborene Kampfgeist und ein starker Wille aus. Angeboren sind Kampfgeist und Willensstärke laut Dagbjartsson, weil die Isländer seit Jahrhunderten gegen die Widrigkeiten der Natur, wie bitterkalten Wintern oder Vulkanausbrüchen anzukämpfen haben. Die Isländer halten nicht nur fest zusammen, sondern sie sind auch alle miteinander verwandt: Für diese These spricht, dass Dagbjartssons Großneffe am Erfolg der isländischen Mannschaft wesentlich beteiligt ist. Birkir Bjarnason, derzeit in der Schweizer Super League beim FC Basel unter Vertag, hat mit dem ersten Tor das Island je bei einer EM geschossen hat, den Ausgleichstreffer gegen Portugal erzielt. „Allerdings hat er auch die erste gelbe Karte für Island kassiert“, sagt der Großonkel. Ob sie hätte gegeben werden müssen? Dagbjartsson bezweifelt das. „Das war mit Körpereinsatz, aber fair gespielt.“

Sportbegeisterte Familie

Sport liegt in Dagbjartsson Familie im Blut: Die Mutter seines Großneffen hat in der isländischen Frauenfußballnationalmannschaft und in der Volleyball-Nationalmannschaft gespielt. Dagbjartssons Sohn hat im Eiskunstpaarlauf an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Und er selbst war zertifizierter Schiedsrichter im Jugendfußball. In der Fußballabteilung des Turnerbunds Stuttgart hat er vor rund 50 Jahren auch seine Frau Ute kennengelernt: Deren beide Brüder haben dort gekickt. Von Island nach Stuttgart verschlagen hat es den promovierten Physiker, weil man damals in seiner Heimat nicht Physik studieren konnte.

Das Spiel der Islands gegen Frankreich am kommenden Sonntag wird sich der 77-Jährige mit seinem Bruder Atle angucken, der aus Island zu Besuch angereist ist. Dagbjartsson erwartet ein „schönes, spannendes Spiel“. Mit einem Wunder rechnet er allerdings nicht. „Immerhin haben die Franzosen das Publikum im Rücken“, sagt er.

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