Fin Bartels und der SV Werder Bremen: Die Hoffnung schwindet mehr und mehr. Foto: dpa/Arne Dedert

Der einst so ruhmreiche SV Werder Bremen taumelt mehr denn je der zweiten Liga entgegen. Vor dem letzten Spieltag herrscht kaum noch Zuversicht an der Weser – und die Manager-Legende Willi Lemke legt den Finger in die Wunde.

Mainz/Stuttgart - Willi Lemke (73) steht für das große und stolze Werder Bremen, das dem FC Bayern München einst die Stirn bot. Lemke gegen Uli Hoeneß, das war über Jahre hinweg eines der prägenden Duelle des deutschen Fußballs. Lemke war als Manager von 1981 bis 1999 der Mann an der Front des Underdogs, der das Image des kleinen Außenseiters gegen die scheinbar übermächtigen Bayern kultivierte – und Werder zu Meisterschaften und großen Auftritten im Europapokal führte. Lemke hopste dann immer freudig auf der Tribüne des Weserstadions herum. Und besonders hoch sprang er, als seine grünweißen Jungs den Bayern mal wieder einen eingeschenkt hatten unten auf dem Rasen – und der Kopf von Managerkollege Uli Hoeneß auf der Bank ungefähr so rot wurde wie sein Trainingskittel.

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Jetzt, am späten Samstagabend, hopste Lemke nicht. Er saß ruhig auf seinem Stuhl, als er im ZDF-Sportstudio zugeschaltet wurde. Lemke gab, wenn man so will, ein lebendes Mahnmal ab. Er ist die goldene Vergangenheit des SV Werder – und wie er da nun so saß, schmallippig und konsterniert ob des mehr denn je drohenden Bremer Bundesliga-Abstiegs, gab er das perfekte Sinnbild für die große Schere aus Tradition und Moderne ab. Denn da saß zum einen die lange Bremer Erfolgsgeschichte. Da saß aber auch der aktuelle Abgrund, dem der fassungslose Lemke, von 1999 bis 2016 im Werder-Aufsichtsrat, ein Gesicht gab.

Jetzt hilft nur noch ein Wunder

Nach dem 1:3 beim FSV Mainz 05 am Samstag ist die Lage beim viermaligen deutschen Meister und sechsfachen DFB-Pokalsieger so prekär, dass am letzten Spieltag nur noch ein „Wunder von der Weser“ hilft. Diese vier Wörter sind seit den regelmäßig wiederkehrenden und mindestens sensationellen Bremer Aufholjagden in Europapokalspielen im Weserstadion mit Lemke auf der Tribüne ein feststehender Begriff – und stehen für die goldenen Zeiten. Jetzt braucht Werder ein zumindest ein kleines Wunder im Kampf gegen den Abstieg.

Denn die Lage, sie ist trist und fast hoffnungslos. Um noch die Relegation zu erreichen, muss der Tabellenvorletzte im Saisonfinale gegen den 1. FC Köln am Samstag gewinnen und auf die Schützenhilfe von Union Berlin gegen Fortuna Düsseldorf hoffen. Der Tabellen-16. Düsseldorf geht mit zwei Punkten Vorsprung und der um vier Treffer besseren Tordifferenz ins Fernduell.

Willi Lemke beteiligte sich am Samstag nicht an Rechenspielen – er widmete sich grundsätzlicheren Dingen. Schonungslos ging er in die Analyse. „Wir stehen in der Tabelle an der Stelle, wo wir hingehören“, sagte er und ergänzte, dass jetzt noch nicht die Zeit gekommen sei, um eine kritische Debatte zu führen: „Aber diese Zeit wird kommen. Da sind alle eingeschlossen: der Aufsichtsrat, die Geschäftsführer, die Gremien des Vereins. Es muss aufgearbeitet werden.“

Zu viele Schönspieler, zu wenig Kämpfer

Was Lemke meint und über was in Kürze gesprochen wird in Bremen, liegt auf der Hand. Es ist die Aufarbeitung einer völlig missratenen Saison. Der Kader wurde in dem Glauben, nach der guten Vorsaison mit Platz acht den nächsten Schritt machen zu können, eher mit Schönspielern als mit Kämpfern zusammengestellt. Wird schon, läuft ja alles – mit diesem Glauben agierten die Grünweißen auch dann noch, als sie sich längst im Tabellenkeller wiederfanden. So erklärte Mittelfeldmann Davy Klaassen noch Mitte der Hinrunde, dass Werder „zu gut für den Abstiegskampf“ sei.

Auch der vor der Saison noch hochgelobte Trainer Florian Kohfeldt steht längst im Zentrum der Kritik – und nicht nur Lemke fragt sich, ob das Festhalten am Coach nicht die falsche Entscheidung war. „Wir sind gelobt worden in großen Teilen der Bundesliga, dass unsere Führungsriege gesagt hat: Wir stehen in Treue fest zu unserem Trainer“, sagte Lemke. „Das ist aber sicherlich eine Frage, die bald bei uns diskutiert wird.“ Dabei stellt sich mit Blick auf die neue Saison nicht nur die Frage, ob Werder Kohfeldt weiter als Coach behalten will, sondern immer auch die, ob er selbst bleiben will.

Auch der Trainer jedenfalls hat die prekäre Lage offenbar zu spät erkannt und schaffte es erst nach der Corona-Pause, die Sinne für den Kampf gegen den Abstieg zu schärfen – und damit wahrscheinlich zu spät.

Am Samstagmittag, nach der Niederlage in Mainz, gab Kohfeldt ein fast schon bemitleidenswertes Bild ab. Leise sprach er in die Mikrofone, und sein trauriger, gesenkter Blick gab die Richtung vor – es geht wohl nach unten für Werder. „Ich kann direkt nach dem Spiel keine Zuversicht verbreiten“, sagte Kohfeldt, ehe er ergänzte: „Wir sind es jedem schuldig, nächste Woche alles dafür zu tun, diesen Sieg zu holen.“ Bei dieser finalen Durchhalteparole allerdings war von echtem Durchhalten wenig zu spüren.

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