Anne Messner und Manfred Kalscheuer: Die Skulpturen lassen sich drehen, wodurch neue Perspektiven entstehen. Foto: factum/Andreas Weise

Der Korntaler Friedhof ist um eine künstlerisch gestaltete Trauerstätte reicher. Der 82-jährige Manfred Kalscheuer hat eine Skulpturen-Gruppe für Trauernde geschaffen. Ihr Clou: Sie lässt sich drehen.

Korntal-Münchingen - Etwas versteckt sind sie, der Besucher des Korntaler Friedhofs soll sie nicht sofort sehen. Zielstrebig läuft der Stuttgarter Künstler Manfred Kalscheuer zu den drei Skulpturen aus Harzbronze, die neben der „Oase am Weg“ stehen, der Ort der Begegnung nicht nur für Trauernde am Eingang des Friedhofs. Der 82-Jährige dreht die Figuren – ein Mann, eine Frau mit Zopf und ein Kind, alle zwischen 80 Zentimetern und 1,60 Metern groß – so, dass sie einen Kreis bilden. Er bewege die Skulpturen immer wieder gerne, wenn er das Grab seiner Eltern besuche, sagt Manfred Kalscheuer, da komme wohl der Spieltrieb im Menschen zum Vorschein. Zumal die Skulpturengruppe von dem Künstler aus Stuttgart-Weilimdorf ist.

Gleichwohl haben die Figuren einen ernsten Hintergrund: Sie sind ein Trauerort für unterschiedliche Lebenssituationen und ergänzen die Begegnungsstätte. „Gemeinsam“ heißt Manfred Kalscheuers Werk, wobei bei dem Titel der Fokus auch auf den Worten „einsam“ und „eins“ liegt.

Anne Messner: Schmerzhafte Gefühle zulassen

„Es ist wichtig, dass man schmerzliche Gefühle zulässt“, sagt die Initiatorin Schwester Anne Messner von der Diakonie der Brüdergemeinde. Häufig verdränge man sie, doch einen Verlust könne man nur verarbeiten und bewältigen, wenn man sie sich in Erinnerung rufe und auch darüber rede. „Wer die Skulpturen bewegt, kann ihre Beziehung zueinander verändern. So lassen sich der Verlust und die damit verbundenen Gefühle sichtbar machen“, sagt Schwester Anne Messner.

Gefühle darzustellen sei zunächst oft leichter, als sie mit Worten auszudrücken. „Um wieder mit sich und seinem Leben eins zu werden, den Verlust und die Einsamkeit zu akzeptieren, braucht man einen guten Wegbegleiter – und viel Zeit“, weiß Anne Messner. Die Sozialpädagogin ist auch Trauerbegleiterin.

Viel Zeit, gut eineinhalb Jahre, verging auch, bis Manfred Kalscheuer klar war, wie er die Skulpturen gestaltet, und bis er sie dann fertig hatte. Er bezeichnet das Projekt für den Friedhof als „mein herausfordernstes“.

Der Bildhauer schafft gern Paare

Zwar widmet sich der Bauingenieur seit 25 Jahren der Bildhauerei und schafft gern Paare, um Beziehungen auszudrücken – „meine Skulpturen sind aber kleiner“, sagt der Künstler, der Wert darauf legt, dass seine Werke Ästhetik und Harmonie ausstrahlen. Im Falle der Auftragsarbeit galt es, neutrale Figuren zu kreieren, die Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Religion ansprechen und mit denen sie die unterschiedlichsten Emotionen darstellen können.

Auch das Material musste gut überlegt sein. Schließlich sollten die Figuren mit den offenen, auffangenden Armen leicht zu bewegen sein. Am Ende entschied sich Manfred Kalscheuer für die weißen Ytong-Steine. Passende in Form von Halbkreisen fand der Künstler, der sonst mit Stein, Holz, Ton und Metall arbeitet, im Baumarkt. Er sägte und schleifte sie zurecht. „Das gab Staub ohne Ende, eine Mordssauerei“, erinnert sich Manfred Kalscheuer und lacht. Die fertigen Figuren brachte er in die Gipsformerei von Günter Weinreuter, der Formen abgoss.

Die Skulpturen beleben den Ort

Schwester Anne Messner trifft immer wieder Menschen, die darunter leiden, kein Grab als Trauerort zu haben. Etwa Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Deutschland Angehörige verloren haben, oder Menschen, deren Angehörige seebestattet wurden. Daraus entstand die Idee für einen Trauerort neben der „Oase am Weg“. Auf dem Friedhof kam Schwester Anne Messner dann mit Manfred Kalscheuer ins Gespräch, kennt sie doch seine zwei Figuren vor dem Altenzentrum in Korntal – „Miteinander“, so der Titel. „Die Skulpturen auf dem Friedhof beleben den Ort“, sagt Anne Messner.

Für Manfred Kalscheuer ist das spendenfinanzierte Projekt Trauerort die „Krönung“, wie er sagt. „Jetzt gehe ich zum zweiten Mal in den Ruhestand“, verrät der 82-Jährige: Künftig wolle er keine Einzelausstellungen mehr machen. Die Vorbereitung sei immer sehr stressig, sagt Manfred Kalscheuer. Künstlerisch tätig bleibt das Mitglied des Korntal-Münchinger Kunstvereins aber weiter. Seitdem er in seinem Elternhaus lebe, habe er einen riesigen Garten. Aus dem wurde ein Skulpturengarten. Der bietet genug Platz für Neuzugänge.

Die Oase entsteht

Offenheit
„Oase am Weg“ heißt der Begegnungsort nicht nur für Trauernde am Korntaler Friedhof, der 2014 aus der alten Aussegnungshalle entstanden ist und von einem Wegbegleiter betreut wird. Die Oase lädt sowohl von der Straßenseite als auch vom Friedhof her für Friedhofsbesucher in einen Begegnungsraum. Initiiert wurde er von Schwester Anne Messner.

Spenden
Finanziert wurde das 110.000 Euro teure Projekt über Sponsoren und hauptsächlich von der Korntaler Lotte-von-Süßkind-Stiftung, die 90.000 Euro bereitstellte.

Tag der offenen Tür

Termin Die „Oase am Weg“ beim Korntaler Friedhof hat an diesem Sonntag, 24. November, Tag der offenen Tür. Er geht von 11.30 bis 16.30 Uhr. Die Begegnungsstätte selbst öffnet sonst immer mittwochs bis samstags, von November bis März von 14 bis 16 Uhr, von April bis Oktober von 15 bis 17 Uhr.

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