Die beiden Erfinder stehen vor dem fertigen Granulat, das für die weitere Verarbeitung bereit ist. Foto: KS-Images.de

Der Beilsteiner Jürgen Pfitzer und Partner Helmut Nägele erfinden flüssigen Kunststoff aus Holz. Ihr Unternehmen Tecnaro will eine Lösung im Kampf gegen Müllberge liefern.

Beilstein - Erfinder haben es nicht leicht. Berühmte Start-up-Firmen erzählen oft später von ihren Anfängen in einer Garage. „Wir haben nicht einmal dort angefangen, sondern noch eine Stufe drunter“, erinnern sich der Beilsteiner Jürgen Pfitzer und Kompagnon Helmut Nägele. Die beiden haben vor 20 Jahren in einem stillgelegten Munitionsbunker angefangen, damals noch beim Fraunhofer Institut in Pfinztal angestellt. Das sei ein kaltes, nasses, dreckiges, dunkles Umfeld gewesen, beschreibt Nägele die Anfänge. Im Beilsteiner Wohnzimmer von Pfitzer ging es 2006 weiter, „denn es haben vor allem süddeutsche Kunden angefragt“, schildert Pfitzer erste Gehversuche als Unternehmer. Tecnaro war geboren, die Gesellschaft zur industriellen Anwendung nachwachsender Rohstoffe.

Nägele und Pfitzer haben flüssigen Kunststoff aus Holz erfunden. Damit lässt sich Plastik aus Rohöl ersetzen. Anders als das ursprüngliche Material lässt sich ihre Erfindung problemlos kompostieren. Es entsteht aus dem natürlichen, nachwachsenden Rohstoff Holz. So wollen die beiden Tüftler die weltweiten Müllberge aus Plastik minimieren. Obendrein werden durch ihre Erfindung Rohstoffe gespart und das Klima und die Umwelt geschont.

Plastik wurde einst als Wundermaterial gefeiert, schuf es doch ganz neue technische Möglichkeiten. Heute ist es mehr Fluch als Segen. Besonders seit 1950 explodierte nämlich der Verbrauch. Mit der gesamten produzierten Menge von 2017 ließe sich ein Güterzug füllen, der mehr als sieben Mal um den Äquator reicht. Und nur rund ein Zehntel der produzierte Menge wird wiederverwendet. Der Rest wird verbrannt, landet auf Deponien oder im Meer. Selbst an den tiefsten Stellen im Ozean liegt schon Plastikabfall. Plastik zerreibt sich außerdem mikrofein und landet so in unserer Nahrung. Pro Woche nimmt jeder ungefähr fünf Gramm zu uns. Angestachelt von den Berichten der Weltklimakonferenz 1992 in Rio begannen die beiden zu tüfteln. „Wir haben keine natürliche Substanz bei unseren Experimenten außen vor gelassen“, schildert Nägele die ersten Versuche.

Dann entdecken sie einen natürlichen Bestandteil im Holz: Lignin. „In der Natur wachsen jedes Jahr 20 Milliarden Tonnen Holz nach, ein Drittel davon ist Lignin. Bei der Papierproduktion entsteht es als Abfall und wird verbrannt“, beschreibt Pfitzer ihre Entdeckung. Einer ihrer ersten Aufträge seien Blockflöten gewesen, erinnert sich Pfitzer zurück. „Flöten aus künstlichem Holz klingen wie ihr Pendant aus hochwertigstem Olivenholz“, wird den Tüftlern immer wieder durch ihre Kunden bestätigt. Mit einem speziellen Absatz für Stöckelschuhe von Gucci ging es weiter. Wo bisher ein Metallbügel für Stabilität sorgte, hält jetzt ein Bügel aus flüssigem Holz alles zusammen. Vom Materialeinsatz war das lediglich ein kleiner Auftrag.

Doch plötzlich ist das Unternehmen in aller Munde. Es folgen Kleiderbügel für den Modekonzern Benetton, Blumentöpfe oder die Gussform für Keramikbremsen von Porsche, Lamborghini und Formel-1-Boliden. Ihr neuester Coup sind Kaffeekapseln aus flüssigem Holz. Anders als Aluminiumkapseln können daraus keine Salze gelöst werden. Nach Gebrauch verrottet die Kapsel wie Holz auf dem Kompost. Das ist auch für die „Friedwaldnorm von Urnen“ ausschlaggebend. Um diese Norm zu erfüllen, musste eine Test-Urne fünf Jahre mit Erde gefüllt im Klimaschrank im Labor den Zerfall unter Beweis stellen.

Zwischenzeitlich sei aber auch die Politik aufgewacht. Leider werde Plastik zwischenzeitlich blind verurteilt, egal ob es nun aus Rohöl oder nachwachsenden Biofasern ist. „Nicht Plastik ist böse, sondern Rohöl“, erklärt Nägele dazu. Es gelte die nahezu universelle Formbarkeit von Plastik mit den Vorteilen nachwachsender Biorohstoffe zu kombinieren. Fast trotzig produzieren die Pioniere deshalb grüne Strohhalme aus dem flüssigen Holz und zeigen, dass es eben auch anders geht.

Leider sei Plastik aus Rohöl nach wie vor zu billig. Der Preis berücksichtige bis heute nicht die massiven Umwelt- und Klimaschäden, die durch die Entsorgung verursacht werden. Und ähnlich wie beim Rohöl oder Atomkraft gebe es eine sehr starke Lobby, sind die beiden Erfinder überzeugt.

Ihr Bio-Plastik zerfällt nicht nur nach dem Gebrauch wieder, es hat auch schon im Vorfeld C02 beim Wachsen gebunden. Doch immer noch ist ihr Produkt teurer als herkömmliches Material. Und damit fällt es bei vielen Angeboten schon früh aus dem Rennen.

Doch die Erfinder sind Kämpfer, auch wenn sie sich manchmal wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlenflügel der Rohöllobby vorkommen. Zum Glück haben Nägele und Pfitzer ihren Humor dabei nicht verloren. Zu ihren Zukunftsaussichten meinen sie: „Früher oder später kriegen wir sie alle.“ Im Sinne einer lebenswerten Welt und Umwelt wäre ihrer Meinung nach ein „Früher“ – und damit weniger Plastikabfälle – wünschenswert. In letzter Zeit erhielten die Tüftler viele Auszeichnungen. Ihre Berufung zum „Senator der Wirtschaft“ jedenfalls gibt ihrer Botschaft zukünftig mehr Gewicht.

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