Kronprinzessin Mette-Marit und Haakon, Kronprinz von Norwegen, besuchen auf der Frankfurter Buchmesse den Gastlandpavillon Norwegens. Foto: dpa/Silas Stein

In Anwesenheit der norwegischen Kronprinzessin wird auf der Frankfurter Buchmesse die Revolution gefeiert und Heiko Maas spricht von der Janusköpfigkeit des Internets.

Frankfurt/Main - Würde man die Grußformeln, die den vielen Reden während der Messe vorangehen, einfach weglassen, das ganze könnte wohl um einen Tag kürzer werden. Allerdings hat man auch nicht immer Königliche Hoheiten wie die norwegische Kronprinzessin Mette Marit und ihren Gemahl um sich. In einem wunderschönen blauen Kleid wird sie im Laufe der Eröffnungsfeier vor einem ebenso blauen Hintergrund ein Gedicht des Dichters Olav H. Hauge rezitieren, auf dem das Motto des norwegischen Gastauftritts basiert: „Der Traum in uns“. Und wie sie das tut, verrät eine Vertrautheit im Umgang mit dem dichterischen Wort. Angesichts des tadellos sitzenden Kleides könnte man in politischer Hinsicht auf dumme Gedanken kommen, in Erinnerung an die Kanzlerinnenhose, die bei der letzten Eröffnung vor zwei Jahren an gleicher Stelle zu besichtigen war. Da könnte man die Losung, unter der die Buchmesse in diesem Jahr nordwärts in See sticht geradezu wenig feinfühlig empfinden: „Create your Revolution“. Aber natürlich ist das nicht böse gemeint.

Maas spricht von Janusköpfigkeit des Internets

Was darunter zu verstehen ist, führen die fünf Vorredner, die Mette Marits Auftritt vorausgehen, auf jeweils unterschiedliche Weise aus. Denn das gehört auch zu diesem Ritual, ein kolossaler Redewettstreit: insgesamt acht aufeinanderfolgende Beiträge von Exzellenzen, Bürgermeistern, Ministerpräsidenten, Würden- und Funktionsträgern. Der Hintergrund ist ernst. Klinken wir uns beim Bundesaußenminister Heiko Maas ein, der auf die Janusköpfigkeit der digitalisierten Welt hinweist. Ohne soziale Medien hätte ein revolutionärer Wandel im Sudan nicht stattgefunden. Anderseits haben sich die Attentäter von Utoya, Christchurch und Halle im Netz radikalisiert. Die Digitalisierung habe einem Leben in Blasen Vorschub geleistet. Lesen aber zwinge zur Anteilnahme und bringe die Blase zum Platzen – ein revolutionärer Akt.

Erika Fatland spricht auch

Die norwegische Ministerpräsidentin, Erna Solberg, macht aus einem charakteristischen Zug der Literatur ihres Landes geradezu eine politischen Maxime: Das Leben immer auch aus der Sicht eines anderen zu betrachten. In allen erdenklichen Variationen beschwören die Redner das befreiende revolutionäre Potenzial angesichts eines sich verdüsternden politischen Horizontes und der Bedrohungen auch durch den Klimawandel.

Und doch überzeugt nichts so sehr vom Vermögen der Literatur wie die Autoren selbst: In einem hinreißenden Beitrag weckt Erika Fatland das Publikum aus seinem Betroffenheitsschlummer, in dem sie Beispiele für die gewaltige Sprengkraft von Texten gibt, die sie bei Reisen in Länder wie Nordkorea oder Turkmenistan gesammelt hat – und dabei vor allem demonstriert, was die Liebe zu Büchern aus einem seltsamen, einsamen Mädchen machen kann, wie sie früher eines gewesen sei. Dann natürlich der literarische Kronprinz Norwegens, Karl Ove Knausgard. In einem Parforceritt durchquert er ein Gelände, das sich von dem römischen Aufklärer Lukrez, über Don Quichotte, Faust bis zu Hölderlin spannt. Inhaltlich geht es um Ähnliches wie bei Heiko Maas. Aber mit Hölderlin klingt es deutlich besser: „Nichts lässt die Erde mit größerer Sicherheit zur Hölle werden als der Versuch des Menschen, sie zu seinem Himmel zu machen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: