Foto: Baumann

Frank Stäbler musste sich auf das Jahreshighlight im ehemaligen Kuhstall seines Vaters vorbereiten. Darüber und über seinen historischen WM-Triumph spricht er im exklusiven Interview.

Stuttgart - Frank Stäbler gelang in Budapest historisches: Als erster Ringer der Geschichte gewann Stäbler in drei Gewichtsklassen den Weltmeistertitel – trotz suboptimaler Vorbereitung im Kuhstall.

Herr Stäbler, Glückwunsch zu Ihrem historischen Triumph. Sie sagten nach dem Finale, jetzt würde Budapest abgerissen – haben Sie auch dieses Ziel erreicht?

(lacht) Budapest blieb heil, weil ich eigentlich kaum mehr stehen konnte und nur noch schnell ins Bett wollte. Aber ich wurde in der Hotelaula von meinen 70 mitgereisten Fans ganz toll empfangen und es ging bis spät in die Nacht.

In Richtung Olympia müssen Sie wegen der Gewichtsklassenreform einige Kilos verlieren. Heißt das, dass Sie nun direkt eine Diät beginnen?

Zunächst ist erstmal Leben genießen angesagt. Das heißt, das Training wird runtergefahren und die Akkus mit meiner Frau und meiner Tochter wieder aufgeladen. In zwei Wochen fliege ich nach Nepal, um dort mit meinem Vater, meinem Bruder und einem guten Freund eine elftägige Tour im Himalaya zu unternehmen. Hierbei werde ich auch ein soziales Projekt unterstützen. Das Thema Gewichtsreduktion werden wir Ende des Jahres im Team angehen und einen Plan ausarbeiten, wie wir das in Richtung Tokio 2020 umsetzen.

Diät-Zwang dank Gewichtsklassen-Reform

Bis wann müssen Sie Ihr neues Kampfgewicht erreicht haben?

Spätestens zur Olympia-Qualifikation muss ich das neue Wettkampfgewicht von 67 Kilogramm erreicht haben. Die erste Qualifikation ist die Weltmeisterschaft im September 2019 in Astana – aber ich sollte das neue Gewicht selbstverständlich wesentlich früher erreichen, um zu sehen, wie der Körper auf Belastungen reagiert und wie es sich im Wettkampf anfühlt. Daher kann es sein, dass ich schon bei der EM im Frühjahr in Bukarest in der neuen Gewichtsklasse antrete. Aber das entscheiden wir im Anschluss an meinen Urlaub.

Und vor dem Urlaub bewältigen Sie nun erstmal einen Medienmarathon?

Das stimmt, ja. Es gibt für einen Ringer außergewöhnlich viele Anfragen. Aber das freut mich , weil ich durch diesen unglaublichen Erfolg die Möglichkeit habe, diese Sportart, die ich über alles liebe, in der medialen Außendarstellung auf ein anderes Level zu hieven – das macht mich unheimlich stolz und daher nehme ich diese Termine gerne wahr.

Vorbereitung im Kuhstall des Vaters

Die Anfragen dürften auch mit der eher ungewöhnlichen WM-Vorbereitung im ehemaligen Kuhstall Ihres Vaters zusammenhängen. Heißt das nun aufgrund des Erfolges, dass Sie auch die Vorbereitung für Tokio 2020 dort angehen werden?

Wenn Sie mir das gleiche Resultat wie in Budapest versprechen, werde ich in Zukunft jeden Tag im Kuhstall trainieren. Aber Spaß beiseite: Leider ist der Streit in unserer Gemeinde immer noch nicht beigelegt. Und wenn man sieht, dass der höchste Sportfunktionär der Welt, IOC-Präsident Thomas Bach, extra seinen Flug umbucht, um mein Finale zu sehen und mir anschließend zu gratulieren und mich in den Arm zu nehmen, macht es mich traurig, dass man in einer kleinen Dorfgemeinschaft keinen gemeinsamen Weg findet, um mir als Sportler die bestmöglichen Trainingsbedingungen zu garantieren.

Können Sie erklären, wie es sein kann, dass man in einer Stadt wie Leinfelden-Echterdingen keine Lösung für den weltbesten Athleten in seiner Sportart findet?

Dazu möchte ich nicht mehr viel sagen, außer, dass ich glaube, dass sehr viele Menschen das nicht verstehen können. Es ist einfach traurig, dass ich nur sehr eingeschränkt in der Halle trainieren kann.

Olympische Spiele ohne Ringen vorstellbar?

Das Thema Wertschätzung ist im Ringen nicht ganz neu. Vor Jahren stand zur Debatte, Ringen aus dem olympischen Programm zu nehmen. Gäbe es den Ringer Frank Stäbler noch, wenn die IOC-Entscheidung 2013 anders ausgefallen wäre?

Olympische Spiele sind für eine Randsportart das Größte. Ohne diese Bühne gäbe es weder die Fördergelder noch die Sponsoren, die es ermöglichen, auf diesem Niveau zu trainieren und mit der Weltspitze mitzuhalten. Daher war die Entscheidung richtig und wichtig, Ringen im olympischen Programm zu halten. Und wenn man sieht, wie wir Ringer in Budapest von 8000 euphorischen Zuschauern gefeiert wurden, lässt sich festhalten, dass sich die Sportart extrem weiterentwickelt hat. Wir sind eine der ältesten olympischen Sportarten und haben es verdient, auch in Zukunft um Goldmedaillen bei Olympischen Spielen kämpfen zu dürfen.

Apropos Budapest: Sie mussten im Finale gegen Lokalmatador Balint Korpasi und gegen jene 8000 Zuschauer kämpfen. Blenden Sie das einfach aus oder wie geht man mit solch einer Atmosphäre um?

„Nichts besseres, als auswärts gegen den Lokalmatador zu kämpfen“

Für mich gibt es nichts besseres, als auswärts gegen den Lokalmatador vor ausverkauftem Haus zu kämpfen. Ich habe das als Herausforderung betrachtet und mir vorgestellt, dass alle Fans, die gegen mich schreien auf meiner Seite sind. Da steckt unglaublich viel mentales Training mit meinen beiden Mentaltrainern dahinter und diese Stärke trägt mich auch durch einen solchen Wettkampf.

Nach Ihrem Urlaub beginnt die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele: Wissen Sie heute schon, mit welchen Ziel Sie 2020 nach Tokio reisen werden?

Mein Traum ist zunächst, dabei zu sein und verglichen zu Rio 2016 gesund in den Wettkampf zu starten. Und wenn mir diese beiden Dinge gelungen sind und mein Kopf frei ist, dann ist alles möglich. Dann weiß ich, dass ich olympisches Gold holen kann, was immer noch mein großer Traum ist. Sagen wir es so: Der Weg dorthin ist mir noch nicht ganz klar – aber das Ziel, eine Olympische Medaille zu gewinnen, das steht.

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