Stadtansicht von Istanbul Foto: Cana Yilmaz

„Mein Istanbul“, ein Stadtlesebuch, widmet sich der Weltstadt zwischen Goldenem Horn, Bosporus und Marmarameer. Im Zentrum des Werks stehen die Schwarzweiß-Fotos der Stuttgarter Künstlerin Cana Yılmaz und die Farbfotos des Fotografen İskender Muhlis Kenter.

Stuttgart - „Ich habe mich in Istanbul über meine Nase integriert“, schreibt Michael Thumann, der bis 2013 „Zeit“-Korrespondent in der türkischen Metropole war. Istanbul erkenne und verstehe man am besten durch seine Gerüche, habe ihn ein Istanbuler Schriftsteller erklärt. „Ich habe nie eine bessere Bedienungsanleitung für die riesige, unübersichtliche Stadt gefunden.“

Diese Zeilen sind in dem Buch „Mein ­Istanbul“ zu finden, das bei dem Stuttgarter Verlag Edition Esefeld & Traub erschienen ist. Schlägt man dieses monumentale, schwere Werk auf, so meint man, sich sein ­Istanbul ebenfalls erriechen zu können. Es sind die ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotos der Stuttgarter Fotografin Cana Yilmaz und die farbigen Bilder des Fotografen Iskender Muhlis Kenter, die den Betrachter wie in einem Sog in das Buch hineinziehen und eintauchen lassen in eine verwirrend-faszinierende Welt. Da riecht man förmlich die fischig-frische Meeresbrise, die vom ­Bosporus in die Gassen der Altstadt weht und sich schnell mit Tabakdunst und dem Geruch von backfrischen Simit, also Sesamkringeln, vermischt. Dort steigt einem der Gestank aus Mülltonnen in die Nase, etwas weiter hinten riecht man frische Wäsche an der Leine, dann wieder drängt sich intensiver Geruch nach Gewürzen auf, oder man nimmt die Ausdünstungen von Menschen wahr. Man spürt die Sonne auf der Haut, den Wind im Gesicht. Dazu gesellen sich Geräusche, Stimmen, Meeresrauschen und der Ruf des Muezzin. Alle Sinne sind geweckt.

Über allem liegt fast unmerklich, aber allgegenwärtig der modrige Geruch des Verfalls, der Abgesang auf das alte Istanbul. Politisch wie städtebaulich: Seitdem die Stadt von islamisch-konservativen Politikern regiert wird, ist das aufgeschlossene, kosmopolitische Klima bedroht. Nach den Gezi-Protesten ist von einer Protestkultur keine Rede mehr. Seit dem Putschversuch sind die Menschen eingeschüchtert. Riesenbauprojekte verändern die Stadt. Alte Viertel werden abgerissen und Parks zerstört.

Yilmaz bildet all dies ab, obschon sie ihr Augenmerk nicht darauf richten möchte. Bei ihren Besuchen in Istanbul begab sich die Stuttgarterin, deren Eltern in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren, vielmehr in die Gassen der Stadt, ließ sich treiben, erspürte die Stimmung und beobachtete. „Politik spaltet nur“, sagt sie. „Erdogan ist gerade sehr mächtig, aber irgendwann ist auch er weg. Was wichtig ist und bleibt, ist die Menschlichkeit.“

Kleine, scheinbar unbedeutende Dinge spielen oft eine Hauptrolle

Dennoch wurde Yilmaz von den Folgen der politischen Entwicklung eingeholt: „Ich besuchte mit meiner Schwester die Blaue Moschee – ein paar Tage später fand dort der Anschlag statt. Das war ein komisches Gefühl.“ Dabei besucht sie eher selten die typischen Sehenswürdigkeiten: „Ich bin keine touristische Fotografin, die überall da hingeht, wo man gewesen sein muss“, sagt sie. Gerade deshalb aber seien Jörg Esefeld und Johannes Traub vom Verlag Edition Esefeld & Traub auf sie aufmerksam: Die beiden besuchten eine Ausstellung von Yilmaz mit Bildern von den Gezi-Protesten. Diese Fotografien bilden zwar eine politische Situation ab, aber ihre Stärke ist, dass oft kleine, scheinbar unbedeutende Dinge eine Hauptrolle spielen: So zeigt eines etwa eine Plastiktüte, mit der der Wind spielt, vor einer verbarrikadierten Straße. „Ich mag es, Dingen, die übersehen werden, einen Platz zu geben“, sagt Yilmaz. Für eines dieser Bilder erhielt sie 2016 den Tokio International Foto Award in der Kategorie Political Editorial.

Von Cana Yilmaz’ und Iskender Muhlis Kenters Fotos haben sich 56 Autoren zu einer Geschichte inspirieren lassen. Jeder und jede erzählt von ihrem oder seinem Istanbul, etwa Cem und Nihal Özdemir, Fazil Say und Feridun Zaimoglu. Michael Thumann schreibt abschließend über seine Integration per Nase: „Ich konnte mich nach einer Weile blind bewegen und am Geruch genau erkennen, wo ich war und wen ich grüßen musste.“

Benimist – Mein Istanbul, Sefa Inci Suvak / Suleman Taufiq (Hrsg.). Edition Esefeld & Traub, Stuttgart. 130 Abbildungen, 320 Seiten, 53 Euro.Workshops mit Yilmaz: 29. November: Streetfotografie, 16 bis 19.15 Uhr. 2. Dezember: Streetfotografie, 10 bis 16.30 Uhr. 16. Dezember: Portrait, 16 bis 19.15 Uhr. Anmeldung bei Photoplanet Stuttgart.

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