„Taken From Memory“ heißt das im Kehrer-Verlag erschienene Fotobuch von Sheron Rupp. Hier im Bild: ein Mädchen mit skeptischem Blick, aufgenommen, wie der Titel verrät, in „Millersburg, Ohio, 1984“. Der 3000-Seelen-Ort liegt mitten im weltweit größten Siedlungsgebiet der Amischen. Foto: © Sheron Rupp

Die US-Fotografin Sheron Rupp fotografiert Kinder und manchmal auch Erwachsene in Dörfern der Vereinigten Staaten. Sie erzählt von Armut, aber auch von Gelassenheit und Freiheit. Und sie zeigt, warum die Fotos Helikopter-Eltern zu denken geben könnten.

Stuttgart - Als Kind ist Sheron Rupp mit ihrem Vater aufs Land gefahren, irgendwo in Arkansas. Die Verwandten waren arm, aber es gab viel Platz zum Spielen. Auch mit Hühnern, die oft genug abends auf dem Tisch landeten, wie sie berichtet. Die Aufnahmen in dem Buch „Taken From Memory“, schreibt die Fotografin im Vorwort, erinnern sie an diese Zeit.

Viel scheint sich seit Rupps Kindheit Ende der 1940er in den Dörfern und Kleinstädten der USA nicht geändert zu haben. Man sieht auf Bildern, die in einem Langzeitprojekt in den Jahren von 1980 bis 2008 entstanden sind, eine Welt, die mit jener heutiger Großstadtneurotiker nichts gemein hat: dreckverschmierte Kinder! Kinder, die ohne von überbesorgten Eltern überwacht zu werden, in der Wildnis herumstrolchen! Kinder, die einfach auf der Veranda eines schäbigen Hauses herumsitzen und nichts tun. Beneidenswert.

Lady im Sonnenblumenfeld

Rupp blickt in müde, verlebte, stolze Gesichter, fotografiert Kinder in Sonntagskleidchen, Frauen in Kittelschürzen, Rentner in Arbeitsjeans. Manchmal stellen sie sich in Position und blicken herausfordernd in die Kamera, manchmal scheinen sie die Anwesenheit der Fotografin nicht zu registrieren; das Leben ist zu interessant, zu anstrengend. Manchmal geht es surreal zu – warum steht ein Junge im Nadelstreifenanzug neben einem abgeschabten Sessel auf einer Lichtung, und was macht eine fein gekleidete alte Dame im Sonnenblumenfeld?

Ein Laisser-faire, eine selbstbewusste Gelassenheit strahlen die Szenen aus. Zugleich sind sie frei von „Arm, aber glücklich“-Romantik; man sieht auch Armut, Langeweile, Frust. In dieser Spannung besteht die Kunst.

Info

Die Fotografin Sheron Rupp wurde 1943 in Mansfield, Ohio, geboren. Ihre Fotografien befinden sich unter anderem in Sammlungen des Museum of Modern Art und im J. Paul Getty Museum. Ihr neues Fotobuch heißt Taken From Memory. Text von Peter Galassi. 108 Seiten, 75 Farb- und 2 S/W-Abbildungen, Kehrer Verlag, Heidelberg/Berlin. 39,90 Euro.

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