Mehr als 200 000 Deutsche erhalten jedes Jahr eine neue Hüfte, das ist Weltrekord Foto: StN

Erst künstliche Brüste, jetzt Hüftgelenke – bei Medizinprodukten bahnt sich der nächste Skandal an.

Freiburg/Stuttgart - Als junger Bursche spielt Hanspeter Hauke (57) viel Fußball. Gut ist das nicht für ihn. Seine Hüfte hat eine Fehlstellung, sie nimmt Schaden. Aber das erfährt Hauke erst viel später. Er ist schon Anfang 30, als er die Diagnose erhält.

Jahrelang lebt er mit Schmerzen. Hauke zögert den Gelenkersatz hinaus. Er weiß: Eine künstliche Hüfte funktioniert 15 Jahre. Zwei, maximal drei solcher Eingriffe hält der Knochen aus. Wer sich zu früh einer Operation unterzieht, dem droht der Rollstuhl. Erst 2005, mit Anfang 50, lässt sich Hauke auf der linken Seite ein neues Gelenk einpflanzen.

Der etwa einstündige Eingriff ist längst Routine. Mehr als 200 000 Deutsche erhalten jedes Jahr eine neue Hüfte, das ist Weltrekord. Auch bei Hanspeter Hauke verläuft die OP im Freiburger Loretto-Krankenhaus ohne Komplikationen. „Es ging mir gut, ich konnte endlich wieder Sport treiben“, erinnert er sich.

Wenn Metall auf Metall trifft

Doch nach gut einem Jahr kehren die Schmerzen zurück. Und werden bald schlimmer denn je. Die Loretto-Ärzte vermuten eine Sehnen- oder Muskelverletzung durch zu viel Sport. Hauke holt sich eine zweite und dritte Meinung. Gefunden wird nichts, die Prothese sitzt einwandfrei, auch sonst gibt es keine Auffälligkeiten.

Es ist eine frustrierende Odyssee durchs Gesundheitswesen. „Ich wurde nicht ernstgenommen, war angeblich selbst schuld an meinen Beschwerden“, so Hauke. Erst im Sommer 2009 erhält er erste Hinweise auf die Ursache seiner Schmerzen. Es wird bekannt, dass Dutzende Loretto-Patienten ähnliche Probleme haben. Alle hatten das typengleiche Implantat eines US-Herstellers erhalten, bei dem Metall (Gelenkkopf) auf Metall (Gelenkpfanne) trifft. Die Klinik selbst geht damit an die Öffentlichkeit.

Knapp drei Jahre später, Ende Februar 2012, erscheint in einer britischen Fachzeitschrift ein Beitrag, der nach der Affäre um manipulierte Brustimplantate schon den nächsten Skandal um ein gefährliches Medizinprodukt aufzeigt. Der Aufsatz im „British Medical Journal“, der auch in Deutschland aufmerksam registriert wird, stuft Metall-auf-Metall-Prothesen als prinzipiell gefährlich ein. Begründung: Bei ihnen kommt es zu einem Abrieb, der Metallionen freisetzt. Sie können Knochen sowie Gewebe schädigen und, im Körper angereichert, das Krebsrisiko erhöhen. Weltweit seien Hunderttausende Patienten betroffen, heißt es.

Wirksame Kontrolle von neuen Medizinprodukten?

Die zu Wort kommenden Experten ärgern sich insbesondere darüber, dass ihre diesbezüglichen Warnungen jahrelang ignoriert wurden – von Herstellern, Ärzteverbänden, Operateuren und nicht zuletzt von der Politik. Sie verlangen eine unabhängige und wirksame Kontrolle von neuen Medizinprodukten, die ebenso streng sein müsste wie bei Medikamenten.

Die Forderung klingt vertraut. Sie wurde hierzulande auch im Zusammenhang mit den Machenschaften des französischen Brustimplantate-Herstellers PIP erhoben. „Für die Mehrzahl der Produkte, die neu auf den Markt kommen, ist nicht belegt, dass der Nutzen größer ist als der Schaden“, erklärte etwa Jürgen Windeler, Chef des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Bisher gibt es kaum Hinweise, dass sich an der geltenden laxen Zulassungspraxis etwas ändert. Grund genug für unsere Veranstaltungsreihe Forum Gesundheit, sich des brisanten Themas anzunehmen (siehe Info). Immerhin macht die Erfassung von Implantaten Fortschritte. Im Herbst hat das Endoprothesenregister Deutschland seine Arbeit aufgenommen. Es registriert alle eingepflanzten Hüft- und Knieprothesen. Damit wachsen nicht nur die Chancen, fehlerhaften Implantaten auf die Spur zu kommen. Auch Kliniken und Operateure, die ihr Handwerk nicht gut genug beherrschen, lassen sich mit Hilfe des Registers ermitteln. Sein Chef, der Kieler Mediziner Joachim Hassenpflug, ist Gast beim Forum Gesundheit.

Schadenersatzprozess läuft

Gäbe es ein solches Register schon länger, hätte es Hanspeter Hauke womöglich viele Schmerzen erspart. Als er sich die Prothese entfernen lässt, wird festgestellt, dass sein Oberschenkelhalsknochen bereits stark durch Knochenfraß geschädigt ist. Das umgebende Gewebe war durch den überall feststellbaren Metallabrieb abgestorben und musste entfernt werden. Der Freiburger hat eine Selbsthilfegruppe gegründet. Viele der knapp 900 Loretto-Patienten, die das besagte Implantat erhielten, sind darin organisiert. Etwa 170 von ihnen haben sich bereits wie Hauke reoperieren lassen.

Vor dem Landgericht Freiburg läuft ein Schadenersatzprozess gegen den Hersteller. Dieser behauptet, die Freiburger Operateure hätten die Prothesen nicht vorschriftsgemäß eingebaut. Seine Produkte seien fehlerfrei. Bis zum Beweis des Gegenteils könnten Jahre vergehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: