In der Theodor-Heuglin-Schule in Ditzingen haben die Schüler das erste Teil für ihren Bogen gefertigt. Mit Hilfe von Säge, Feile und Schleifmaschine entstanden die Griffe. Foto: StN

Die Schüler in Baden-Württemberg sollen die Berufswelt früher und besser kennenlernen. Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen erleichtern das.

Stuttgart - Die Aufgabe ist klar: Laura hat eine Schraube vor sich liegen und soll von ihr eine technische Zeichnung erstellen. Ein Auszubildender zeigt der Achtklässlerin, wie die Messergebnisse auf den Computer übertragen werden. Nach und nach entsteht auf dem Bildschirm das Modell. Später wird sie an einer Drehmaschine die Schraube herstellen. Laura gehört der Bogenbau-Arbeitsgruppe der Theodor-Heuglin-Schule in Ditzingen an. Mit ihren Mitschülern und einem Lehrer ist sie nach dem Unterricht in die Lehrwerkstatt von Trumpf gekommen, um an dem Bogen weiterzuarbeiten. In der Schule haben sie bereits die Holzgriffe hergestellt, in der Lehrwerkstatt des Werkzeugmaschinenherstellers werden nun die Metallteile, Bogensehnen und Pfeile gefertigt.

Hier melden Sie sich zum Forum Bildung mit dem Thema "Der Weg zum Traumberuf" am 9. Oktober an

Die Heuglin-Schule ist eine der vier Schulen, mit denen die Firma Trumpf eine Bildungspartnerschaft abgeschlossen hat. Zu der Gemeinschaftsschule, die bis vor kurzem noch Werkrealschule war, kommen eine Realschule und zwei Gymnasien. „Wichtig ist uns nicht Masse, sondern Klasse“, sagt Andreas Schneider, Ausbildungsleiter bei Trumpf. Ein Mitarbeiter kümmert sich um die Schüler, die ins Haus kommen. „Wir möchten, dass die Jugendlichen hier etwas lernen“, sagt Schneider. Zum Beispiel, dass die Industrie spannende Aufgaben bietet, von denen viele Schüler kaum etwas ahnen.

Das nützt nicht nur dem eigenen Unternehmen, das sich über Bewerbermangel nicht zu beklagen braucht. Es trägt dazu bei, dass Schüler ein realistischeres Bild von der Arbeitswelt erhalten – und sich nicht nur auf eine kleine Zahl von Modeberufen versteifen. Denn jeder wird gebraucht. Schon fehlen in manchen Bereichen Bewerber. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres Anfang September suchten noch 12 000 Schulabgänger eine Stelle, gleichzeitig waren mehr als 16 000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

Viele Schüler kennen nur relativ wenige Berufe

Die Politik hat das Problem erkannt. In den neuen Lehrplänen, die ab 2015 in Kraft treten, wird die Berufs- und Studienorientierung eine größere Rolle spielen – von Anfang an. Die Grundschüler beispielsweise sollen sich mit den Berufen beschäftigen, die in ihrer Lebenswelt vorkommen – Bäcker, Metzger, Verkäufer. Beim Besuch auf einem Bauernhof könnten die Berufe vorgestellt werden, die mit Tieren zu tun haben – vom Bauern über den Futtermittelvertreter bis hin zum Tierarzt. „Viele Schüler kennen nämlich nur relativ wenige Berufe“, sagt Thomas Schenk, Referent für Berufsorientierung im Kultusministerium.

Von Klasse sieben an wird an allen weiterführenden Schulen das Fach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung eingeführt. Geplant sind insgesamt fünf Wochenstunden bis zur Klasse zehn – das heißt, das Fach könnte in Klasse sieben zwei Stunden wöchentlich auf dem Stundenplan stehen, in acht, neun und zehn je eine Stunde.

Großen Nachholbedarf bei der Berufsorientierung gibt es vor allem an den Gymnasien. Nach einer neuen Jugendstudie wünschen sich 75 Prozent der Gymnasiasten im Südwesten dabei mehr Unterstützung von der Schule. Von den Realschülern äußerten 52 Prozent diesen Wunsch, von den Haupt- und Werkrealschülern 48 Prozent. „Ein modernes Schulsystem kann sich dem Thema Anschlüsse und Übergänge nicht verweigern“, sagt Schenk. Zwar ist das Ziel des Gymnasiums die allgemeine Hochschulreife. Doch nicht alle, die dort in Klasse fünf beginnen, machen Abitur. „Die Gymnasien müssen sich deshalb auch um diejenigen kümmern, die die Schule vorzeitig verlassen, etwa nach der mittleren Reife“, sagt Schenk.

Vom nächsten Schuljahr an werden deshalb auch an Gymnasien Tage der dualen Ausbildung erprobt. Dabei informieren Berufsberater, Betriebe und berufliche Schulen die Schüler über Ausbildungsberufe – und auch die Eltern. „Wir müssen die Eltern deutlich stärker einbeziehen“, so Schenk. Bis zu 80 Prozent der Jugendlichen gaben in der Studie an, dass ihre Eltern bei der Berufswahl die entscheidende Rolle spielen. Doch viele Väter und Mütter wissen nicht, welche Bandbreite an Möglichkeiten es gibt. „Bei 350 Ausbildungsberufen und 16000 Studiengängen ist es selbst für Profis schwer, den Überblick zu behalten.“

Veränderungen vielerorts nötig

Gute Erfahrungen machen Schulen mit jungen Ausbildungsbotschaftern. Mehr als 2500 Auszubildende aus allen Bereichen sind inzwischen fortgebildet. Auf Einladung kommen sie zu zweit in Schulen, um über ihre Beruf zu erzählen. „Das kommt bei den Schülern gut an“, weiß Schenk.

Veränderungen sind nicht nur an den Schulen, sondern auch in den Unternehmen nötig. Wer Praktikanten vor allem zum Putzen einsetzt, zum Vesperholen schickt oder rumsitzen lässt, ihnen aber nicht zeigt, was den Beruf eigentlich ausmacht, muss sich nicht wundern, wenn er keine Lehrlinge findet. 2008 hat die Landesregierung mit der Wirtschaft eine Vereinbarung über Bildungspartnerschaften abgeschlossen, um die Zusammenarbeit von Schulen und Unternehmen zu stärken. 2012 wurde die Vereinbarung nochmals überarbeitet – im Mittelpunkt steht die Qualitätsentwicklung. „Wir wollen nicht, dass Schüler ausgenutzt werden“, sagt Schenk. Inzwischen haben 1700 weiterführende Schulen – 90 Prozent – Partnerschaften mit 3800 Unternehmen.

So können Sie am Forum Bildung teilnehmen

„Der Weg zum Traumberuf “ heißt es beim Forum Bildung der Stuttgarter Nachrichten am Mittwoch, 9. Oktober, 19 Uhr. Die Veranstaltung findet statt in der BMW-Niederlassung Stuttgart-Vaihingen, Untere Waldplätze 3.

Wie der Start ins Berufsleben besser gelingt – darüber sprechen Andreas Schneider, Ausbildungsleiter der Firma Trumpf in Ditzingen, und Barbara Graf, Direktorin des Hegel-Gymnasiums in Stuttgart-Vaihingen und geschäftsführende Schulleiterin der Stuttgarter Gymnasien. Moderiert wird die Diskussion von Bildungsredakteurin Maria Wetzel.

„Gute Noten allein reichen nicht, es kommt auch auf die Persönlichkeit an“, sagt Schneider. Bei Trumpf sind junge Menschen gefragt, die Interesse zeigen, eigene Ideen haben, gern anpacken und im Team arbeiten. Chancen haben Absolventen aller Schularten. Die Ausbildungsplätze bei dem Werkzeugmaschinenhersteller sind sehr begehrt, wer im nächsten Jahr starten will, sollte sich schon jetzt bewerben – und zwar online.

Das Hegel-Gymnasium in Stuttgart hat die Angebote zur Berufs- und Studienorientierung für die Schüler ausgebaut. In der neunten Klasse startet das Projekt „Fit für die Zukunft“. Dabei beschäftigen sich die Mädchen und Jungen mit ihren Stärken und Schwächen und mit der Frage, wie sie sich ihr Leben vorstellen, erläutert Schulleiterin Barbara Graf.

Der Eintritt zum Forum Bildung und zum anschließenden Empfang ist frei, eine Einlasskarte jedoch erforderlich. Diese erhalten Sie, wenn Sie sich im Internet anmelden.



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