Teils Podium, teils Sprechstunde: Andrea Laux, Sabina Pauen, Gabriele Kussmann und Moderatorin Maria Wetzel (von links) im Stuttgarter Eltern-Kind-Zentrum. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Forschungen zeigen: Kleinkinder lernen schneller, als man ihnen das lange zugetraut hat. Warum bloß haben dann Eltern so viel Angst, dass sie im Umgang mit ihnen alles falsch machen?

Stuttgart - „Ei-dei-dei, du Süße“, schäkert eine Mutter mit ihrem Baby und erklimmt dabei zwei Oktaven auf der Tonleiter. Ausgerechnet hier im Stuttgarter Eltern-Kind-Zentrum! Weiß sie denn nicht, dass man so nicht mehr mit Kleinkindern redet?

Da trifft es sich gut, dass an diesem Abend drei Expertinnen im Vortragssaal sitzen. Beim Forum Bildung unserer Zeitung werden sie wohl aufräumen mit alten Verhaltensmustern und mal Klartext reden. Darüber, was die Forschung wirklich über den richtigen Umgang mit Kleinkindern weiß. Wie diese lernen. Wie Eltern sie verstehen können. Und wie sie zu ihnen eine Bindung aufbauen. Von wegen Ei-dei-dei!

Kinder lernen früh, sehr früh, sagt die Entwicklungspsychologin Sabina Pauen und beschreibt, wie drei Monate alte Babys auf Reize reagieren. Man zeigt ihnen 100 Bilder im Sekundentakt, davon 80 Tiere und 20 Möbel. Dann stellt man an ihren Gehirnströmen fest, ob sie den Unterschied bemerken. „Die haben ganz schnell die Kategorien ,lebendig‘ oder ,nicht lebendig‘ im Kopf“, sagt die Heidelberger Forscherin, „das ist ganz tief verankert.“

Kinder lernen also auch ohne Sprache, ja sie lernen schon, wenn sie noch gar nicht auf der Welt sind. „Wenn man schwanger ist und redet mit ihnen, kommt das bei ihnen an“, sagt Pauen. Sie fühlen die Töne.

„Die neuere Forschung zeigt auch, dass das melodische Ei-dei-dei überhaupt nicht falsch ist, obwohl das ja lange verpönt war“, sagt die Wissenschaftlerin plötzlich – und blickt in überraschte Gesichter. Doch, viele machten das intuitiv richtig. Aha!

Die Intuition scheint ohnehin ein Faktor zu sein, der wieder sehr ernstgenommen wird, wenn es darum geht, eine möglichst innige Bindung zwischen Eltern und Kleinkindern aufzubauen.

„Schon Neugeborene können Dinge, die Sie nie gedacht hätten“, sagt Gabriele Kussmann, eine Stuttgarter Frauenärztin. Wenn man es sofort nach der Geburt auf den Bauch der Mutter lege, dann entfalte es Reflexe, krabble Richtung Brust und stille sich bald selbst. „Das Kind ist kompetent“, sagt Kussmann, es falle auch nicht runter.

Sie schwärmt geradezu über die Bedeutung dieser Phase: „Die erste Stunde nach der Geburt ist die wichtigste im Leben eines Kindes.“ Nur leider würde die Bindung zwischen Mutter und Kind in vielen Kliniken schon bald geschäftsmäßig unterbrochen: „Da geht es oft noch zu technisch zu.“

„Und wo ist der Vater?“, unterbricht da Maria Wetzel, die Moderatorin des Abends und bildungspolitische Redakteurin unserer Zeitung. Im Publikum sitzen auch eine Handvoll Männer – und sie lernen, dass diese wichtige Bindung auch bei ihnen möglich ist, so sie denn im Kreißsaal sind.

Dort könne es allerdings nicht immer romantisch zugehen, zumal bei einem Kaiserschnitt, wirft Pauen ein, die an der Universität Heidelberg lehrt. Ja, sie schildere das Ideal, räumt Kussmann ein. Aber auch nach einer solchen Operation lasse sich ein engerer Kontakt zwischen Mutter und Kind herstellen, als es viele Kliniken erlaubten.

Und dann stellt die Moderatorin eine ganz entscheidende Frage: Wie lernen Eltern ihre Kinder überhaupt zu verstehen? Die meisten seien doch sehr unsicher, etwas falsch zu machen. „Es gibt ein intuitives Elternsein“, beruhigt Pauen all jene, die Erziehungsbücher wälzen und Ratgeberhefte lesen: „Man darf sich das Lernen erlauben.“

Dass sich Eltern auf die Intuition verlassen, stellt Andrea Laux allerdings infrage. Die Gründerin und Geschäftsführerin des Eltern-Kind-Zentrums hat die Erfahrung gemacht, dass moderne Väter und Mütter zwar viel wissen, aber gleichzeitig sehr unsicher sind im Umgang mit ihrem Nachwuchs. Viele seien auch gestresst – jedenfalls weit weg von der heilen Welt, die sie sich während der Schwangerschaft vielleicht ausmalten.

In ihrem Zentrum hat Laux deshalb ein „Babycafé mit Gästen“ eingerichtet, das nicht nur Ruhe und Austausch ermöglichen, sondern auch Sicherheit vermitteln soll. „Wir können nicht alles retten, aber einen kleinen, heilen Raum anbieten“, sagt Laux. Niemand müsse hier etwas tun oder lassen, es gehe vielmehr um Herzensbildung. Das „Bemuttern der Mutter“ sei wichtig, pflichtet ihr Kussmann bei.

Draußen warten dann allerdings wieder die Ratgeber, ob in Buchform oder als Person, und impfen den Eltern ein, ihr Kind nur ja umfassend zu fördern: vom Babyschwimmen bis zur musikalischen Früherziehung. „Ist das alles sinnvoll?“, fragt die Moderatorin. Wenn es Spaß macht, ja, antwortet Pauen. Aber bitte ohne Leistungsgedanken. Und nicht mit dem Ziel, kleine Einsteins heranzuziehen.

Wenn frühkindliche Bindung also so wichtig ist – bedeutet das auch: Man muss den Nachwuchs verwöhnen? Diese Frage taucht in der anschließenden Publikumsrunde immer wieder auf, mal in der Variante „Schreien lassen?“, mal als „Wie bestrafe ich richtig?“. Hier ist sie also mit Händen zu greifen, die Unsicherheit. Kussmann rät kategorisch davon ab, ein Kleinkind schreien zu lassen: „Das Kind lernt dann: Es kommt ja doch keiner.“ Diese negative Erfahrung wirke sich aufs ganze Leben aus.

Das bedeutet allerdings nicht, dem Kind keine Grenzen zu setzen, da sind sich die drei Frauen auf dem Podium einig. „Man muss sich auch selbst ernst nehmen“, sagt Pauen. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich beim Kind Erwartungen festsetzen, die die Eltern irgendwann nicht mehr erfüllen können. Wenn man dem Kind nachts zu erkennen gebe, dass man sein Signal gehört habe, müsse das nicht bedeuten, dass man auch das Licht anknipst und mit ihm spielt.

Auch die Frage, wie lange ein Kind im Bett der Mutter schlafen darf, gehört in diese Kategorie. Sie wird aber, vielleicht zum Leidwesen mancher Mutter im Publikum, von den Expertinnen nicht pauschal beantwortet. „Da gibt es einen Glaubenskrieg“, sagt Pauen. Die Wissenschaftlerin rät dazu, das Kind mit gewissen Ritualen an einen Tag-Nacht-Rhythmus zu gewöhnen.

Je später der Abend, desto mehr verwandelt sich die Podiumsdiskussion zu einer Mütterberatung – und die drei Expertinnen lassen sich lächelnd darauf ein. Sie haben ja selbst alle Kinder großgezogen und sagen: „Auch wir wussten das damals noch nicht.“ Sie würde heute ein bisschen entspannter an die Sache gehen, gesteht Pauen, den Kindern mit weniger Erwartungen begegnen.

Die Bitte um eine Buchempfehlung erfüllen die drei allerdings nicht. „Sie brauchen den Austausch mit anderen und Solidarität“, sagt Andrea Laux vom Eltern-Kind-Zentrum: „Kommen Sie lieber hierher.“

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