Übers Lesen reden inmitten von Büchern: Rund hundert Zuhörer verfolgten die Podiumsdiskussion im Vortragssaal der Stuttgarter Stadtbibliothek. Foto: Leif Piechowski

Vorlesen macht Schule: Der beste Schlüssel zur Welt der Bücher liegt im Elternhaus. Doch es gibt auch andere Zugänge, wie das Forum Bildung der Stuttgarter Nachrichten zeigt.

Vorlesen macht Schule: Der beste Schlüssel zur Welt der Bücher liegt im Elternhaus. Doch es gibt auch andere Zugänge, wie das Forum Bildung der Stuttgarter Nachrichten zeigt.

Stuttgart - Ein blöder Spruch, doch jeder kennt ihn: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Peinlich, wenn man mal wieder herzhaft an der Tür drückt, obwohl dort groß und breit geschrieben steht: „Ziehen“. Und alle, die es mitbekommen, feixen.

Der Witz wirkt deshalb, weil diese Kulturtechnik so selbstverständlich ist, so banal. Fast jeder kann doch Wörter und Sätze entschlüsseln. Nicht lesen können? Lächerlich! Analphabetismus gilt heutzutage als Problem von Minderheiten. Doch selbst wenn das so wäre: Es gibt eine Variante des Nicht-Lesen-Könnens, die viel weiter verbreitet ist: Das ist die pure Unlust am geschriebenen Wort, vielleicht auch die Angst, sich ein Buch zu erschließen. Man findet sie vor allem in bildungsfernen Familien. Und das sind oft solche mit Migrationshintergrund.

Ist dagegen ein Kraut gewachsen? Beim Forum Bildung der Stuttgarter Nachrichten wird diese Frage am Mittwochabend in einem ganz besonderen Raum gestellt: inmitten der 500 000 Bücher der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek. Appetit aufs Lesen muss man den Frauen auf dem Podium nicht mehr machen: Sowohl Integrationsministerin Bilkay Öney als auch Bibliotheksdirektorin Christine Brunner bezeichnen sich als Leseratten. „Meine Mutter hat mir jeden Abend vorgelesen“, beschreibt Öney ihren Weg zum Buch. Die Bibliothek in Berlin-Spandau, wo sie aufwuchs, lieferte Nachschub. Märchen zum Beispiel wie die „Kleine Meerjungfrau“. Und weil an einem Abend übers Lesen auch gelesen werden darf, liest Öney einfach eine Passage daraus vor.

Eltern als Vorbilder

Christine Brunner lächelt wissend: „Bei mir war es die Großmutter.“ Und dann erzählt sie, wie sie als Kind ihrerseits den Bruder und den Kater zum Zuhören vergatterte. Der Schlüssel zur Lesewelt, das wird im Lauf des Abends deutlich, liegt in der Familie. Doch was, wenn man diese Welt dort gar nicht kennt?, will unsere bildungspolitische Redakteurin Maria Wetzel wissen, die den Abend moderiert.

Dann müssten eben Kindergärten, Schulen und Vereine diesen Kontakt herstellen, sagt Brunner und nennt Beispiele für solche Aktionen. Alle Kinder sollten in ihrer Grundschulzeit mindestens zweimal in eine öffentliche Bibliothek kommen, lautet ihr Ziel: „Wenn die Kinder kommen, folgen erfahrungsgemäß irgendwann auch die Eltern.“

Die Ministerin verteilt denn auch überschwängliches Lob. Die langen Öffnungszeiten, das für Jugendliche kostenlose Angebot, die internationale Ausrichtung: „Eigentlich erfüllt die Bibliothek alle meine Erwartungen.“ Das markante Haus hinter dem Hauptbahnhof sei nicht ohne Grund Bibliothek des Jahres geworden. Nur der Cafébereich ließe sich vielleicht noch ausbauen, regt Öney an und verrät damit ihre Vorliebe, bei einem Espresso zu schmökern.

Doch warum zündet der Funke bei vielen Jugendlichen trotzdem nicht? Sind daran etwa dröge Schulbücher schuld? Oder gar der schwäbische Säulenheilige Schiller, der die Jugend einfach nicht mehr anspricht? Na ja, an Schiller solle man sich nicht gerade vergreifen, rät Brunner. Aber Schullektüre sei durchaus nicht immer vergnüglich. Prompt schüttelt sie ein paar Alternativen aus dem Ärmel: „Gregs Tagebuch“ zum Beispiel, ein Comic-Roman mit dem Untertitel „Von Idioten umzingelt.“ Der Gag ist ihr gelungen: Fragende Blicke im Publikum.

Mehr Internationalität in Schulbüchern gewünscht

Migranten vermissten in Schulbüchern oft den Bezug zu ihrer Herkunft, stellt Öney fest. In Geschichtsbüchern zum Beispiel lernten Jugendliche viel über Kaiser Wilhelm, wenn es um den Ersten Weltkrieg gehe, aber das Osmanische Reich werde kaum erwähnt. Öney: „Es wäre wünschenswert, wenn in den Schulbüchern mehr Internationalität abgebildet würde.“

Aber auch das wird an diesem Abend deutlich: Nie zuvor haben sich öffentliche und private Einrichtungen so sehr um lese- und lernscheue Kinder bemüht wie heute. „Wir machen ungeheuer viel“, sagt Brunner und nennt etwa das Projekt „Leseohren aufgeklappt“. Dahinter verbergen sich ehrenamtliche Kräfte, die in Schulen und Tagesstätten gehen und dort vorlesen.

Wie sich das anhört, erleben die rund hundert Gäste des Abends auf ihrem Weg in den Vortragssaal. Am Eingang erhält jeder eine kleine Gedichtrolle – Rezitation inbegriffen. „Schläft ein Lied in allen Dingen“, tönt es ungewohnt aus dem Treppenhaus. Selbst dem Bewegungsdrang der Kinder kommen die Lesepaten in den Schulen entgegen. Wie, das demonstriert die Chefin der Kinderbücherei, Karin Rösler, mit einer kurzen Geschichte vom Zauberer Klatsch, der Hexe Patsch und deren Drillinge Trip, Trap und Trampel – ein Märchen nicht nur für Ohren, sondern auch für Hände und Füße.

Nein, an Förderung mangelt es nicht. So kommt auch das Projekt „Kicken und Lesen“ zur Sprache, bei dem die Baden-Württemberg-Stiftung und der VfB Doppelpass spielen – begleitet vom Medienpartner „Stuttgarter Nachrichten“. Dass Jungs dem Lesen eher abgeneigt sind als Mädchen, kann Brunner auch nicht bestätigen. Wie sie überhaupt von einer allgemeinen Lesemüdigkeit in der Gesellschaft nichts wissen will: „In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der entliehenen Medien von 1,1 auf 2,1 Millionen gestiegen, davon 70 Prozent Bücher.“

Manche Jugendliche greifen lieber zum Comic als zum Roman

Brunner schließt daraus, dass Lesen weiter verbreitet ist, als es etwa die Pisa-Studie, in der 41 Prozent der 15-jährigen Deutschen ihre Lese-Unlust artikulieren, vermuten lässt. Vielleicht, so vermutet die Bibliothekschefin, hat sich einfach die Art der Lektüre verändert. Soll heißen: Manche Jugendliche greifen lieber zum Comic als zum Roman. Und Hip-Hop tritt an die Stelle von Lyrik. Hauptsache, Jugendliche mit Migrationshintergrund lernten dabei Deutsch, meint die Integrationsministerin. Öney: „Das machen sie ja nicht für mich, sondern für sich, denn ohne Sprachkenntnisse wird man nicht ernst genommen.“

Einige Anregungen erhält die SPD-Politikerin auch aus dem Publikum. Warum richten die Gemeinden keine Tauschbörsen für gebrauchte Bücher ein?, will eine junge Mutter wissen. Gari Pavkovic, Stuttgarts Integrationsbeauftragter, hält dagegen: „Das Hauptproblem ist nicht, an Bücher zu kommen, sondern dass wir Menschen benötigen, die Lust am Lesen vermitteln.“ Als er mit seinen Eltern vor vielen Jahren in Deutschland ankam, so erzählt er, hätten die nur zwei Bücher besessen: den Otto-Katalog und den Neckermann-Katalog. Pavkovic: „Aber ich hatte das Glück, dass sie mich ermutigt haben, zu lernen.“

Ganztagsschulen seien wichtig für die Leseförderung, merkt ein anderer Zuhörer an. Brunner stimmt zu, gibt aber zu bedenken, das sei personalintensiv. Also doch wieder die Eltern? Ja, deren Erziehungskompetenz müsse man stärken, sagt Öney und verwies auf Projekte aus ihrem Haus.

Dass auch das Gegenteil zum Ziel führen kann, schildert eine aus Russland stammende Frau: „Ich durfte nicht lesen, gerade deshalb wurde ich eine leidenschaftliche Leserin.“ Noch heute erkenne sie Gleichgesinnte in jenen Menschen, die dieselben Bücher wie sie liebten. Das Märchen von der Meerjungfrau zum Beispiel. Und dann zu Öney gewandt: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich in der Integrationsministerin eine Verbündete habe.“

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