Mercedes-Mann Toto Wolff, Moderator Jürgen Kemmner und Porsche-Mann Fritz Enzinger (v. li.) vor einem Formel-E-Rennwagen aus dem Hause Porsche. Foto: Leif Piechowski

Beim Treffpunkt Foyer unserer Redaktion haben Mercedes-Sportchef Toto Wolff und Porsche-Rennleiter Fritz Enzinger über die Zukunft des Motorsports diskutiert. Hintergründig, spannend – und mit viel Humor.

Stuttgart - Formel Deutschland oder Formel Österreich? Gute Frage. Am Wochenende gastiert in Hockenheim die Formel 1 – das ist ein Heimspiel für Mercedes und deshalb ein durchaus deutscher Aspekt. Porsche ist die andere Stuttgarter Marke, die vor allem bei den 24 Stunden von Le Mans legendäre Siege feierte. Im Mozartsaal der Liederhalle, wo es ausnahmsweise Mal um rauere Töne ging, sind auch im Hinblick auf den Deutschland-Grand-Prix die Teamchefs der beiden deutschen Hersteller zu Gast gewesen. Und als muntere Gesprächspartner beim Treffpunkt Foyer dieser Zeitung präsentierten sie sich: der Mercedes-Sportchef Toto Wolff und sein Porsche-Kollege Fritz Enzinger. Beide in bester Plauderlaune, beide ausgestattet mit kernigem Humor. Vielleicht auch deshalb: beide sind Österreicher.

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Befindet sich Motorsport-Deutschland in österreichischer Hand? Dieser Frage wollte der Sportredakteur und PS-Kenner Jürgen Kemmner, der die unterhaltsame Podiumsdiskussion führte, natürlich nachgehen. Es sind ohnehin jede Menge Österreicher, die in Top-Positionen der Branche das Sagen haben. Helmut Marko beim Formel-1-Team Red Bull, Franz Tost bei Toro Rosso, Gerhard Berger in der DTM und seinerzeit der erst im Mai verstorbene Ex-Champion Niki Lauda bei Mercedes. „Mich wundert, dass deutsche Hersteller so verzweifelt sind, dass sie zwei Österreicher einstellen“, sagte Wolff und generierte damit die ersten Lacher unter den 500 Zuschauern im Mozartsaal. Sein Landsmann Enzinger korrigierte ihn. „Es ist ein Wiener und ein Österreicher“, sagte der Mann aus der Steiermark. Kurz zuvor umarmten sich die beiden PS-Protagonisten jedoch auf herzlichste, auch wenn sportlich die Berührungspunkte eher dürftig sind. Man kennt sich im Land der Berge.

Bald vier deutsche Hersteller in der Formel E

Und man trifft sich bald wieder – in der Formel E. Dort steigen beide Stuttgarter Premiumhersteller ein, weil es dem Trend der Zeit entspricht und wichtig ist, im Hinblick auf die neue Technologie nicht abgehängt zu werden. „Bei uns ist die Entscheidung für die Formel E gefallen, weil sie Teil der Strategie ist, denn in kurzer Zeit kommt ein elektrischer Porsche auf den Markt“, sagte Enzinger. Und auch Toto Wolff hält es für wichtig, sich dem Neuen nicht zu verschließen und sich auf die Spielwiese Formel E zu begeben. „Die Formel E hat ihre DNA noch nicht ganz gefunden, wir kämpfen noch um Reichweite und tasten uns in den Regularien an das heran, was Spaß macht“, sagt Wolff, der diese neue Aufgabe jedoch als überaus spannend bezeichnet.

Erst einmal aber geht es nach Hockenheim – und dort dürfte der Sieger zu 98 Prozent wieder Lewis Hamilton heißen. „Das ist sehr freundlich“, bedankte sich Wolff für die umwerfende Prognose – aber so werde im Hause Mercedes natürlich nicht gedacht. „Wir sind zwar in der privilegierten Situation, um Siege zu fahren und die Nadel in Richtung neuer Rekorde drücken zu können, aber so denken wir nicht. Unser wichtigstes Ziel ist die Bescheidenheit“, sagte Wolff, der von den beiden Podiumsgästen der Österreicher aus Wien ist. Nie, so Wolff, sei das Formel-1-Team davon überzeugt, gut genug zu sein. Und diese Denke im Rennstall, die mache ihn stolz. Ohnehin sei trotz der beängstigenden Mercedes-Dominanz in dieser Formel-1-Saison die Fehlerliste bei den Silberpfeilen wie auch bei anderen Rennställen ziemlich lang. „Wir haben auch jede Menge Drama, Öl- oder Wasserlecks, eben alles, das uns zweifeln lässt, zu gewinnen.“

Viel Lob für die Mercedes-Dominanz in der Formel 1

Bewunderung für die sieben Doppelsiege und neun Erfolge in zehn Rennen der Formel-1-Saison 2019 gab es auch vom Steirer Enzinger. „Ich gönne ihm das einfach, weil dahinter so viel Arbeit steckt, die man nicht sieht“, sagte der Porsche-Teamchef, der auch Formel-1-Erfahrung hat durch seine Zeit mit BMW in der Königsklasse. Mit Porsche in die Formel 1 einzusteigen – das wäre was für Enzinger. Und beinahe hätte es auch geklappt. „Wir hatten vor wenigen Jahren schon einen Motor gebaut und auf dem Prüfstand“, sagte er, doch dann gab es einen Wechsel in der Vorstandsetage und Zweifel, ob das zu erwartende Motoren-Reglement das Richtige für die Weissacher sei – und so verschwand das Projekt dann wieder in der Schublade.

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Ob Fritz Enzinger am kommenden Wochenende in Hockenheim sein wird? Als er mit einer Antwort zögerte, rief ihm Wolff zu: „Du bekommst von mir eine Karte.“ Damit, so Enzinger, sei die Frage ja hinreichend beantwortet. Für Wolff und sein Mercedes-Team ist der Auftritt im Nordbadischen wichtig – mit oder ohne Enzinger. „Wir haben unsere Basis in Stuttgart, unsere Freunde, Partner und Mitarbeiter“, sagte Wolff, der ein „Sensationsspektakel“ versprach und damit die Gäste im Mozartsaal nach Hockenheim locken wollte. Ohnehin ist es fraglich, ob es im Badischen überhaupt weitergeht, in diesem Jahr greift Mercedes den Rennstreckenbetreibern als Titelsponsor finanziell unter die Arme, denn die Hockenheimring GmbH kann sich schon seit Jahren das Rennen fast nicht mehr leisten. Nun gelte es, am Wochenende Überzeugungsarbeit zu leisten. „Wenn wir ein volles Haus haben, dann kann man damit jemanden von Liberty Media beeinflussen“, glaubt Wolff und hofft, dass die Formel-1-Chefs auch weiterhin zu Hockenheim stehen.

Der Motorsport als Marketing-Instrument

Für den Mercedes-Sportchef selbst ist das Formel-1-Geschäft alles andere als ein Zuschussbetrieb. „Unser Kostenanteil ist sehr gering, denn wir generieren das 100-fache an Marketing-Werten“, sagt der Österreicher. Allein im vergangenen Jahr habe dieser Wert 1,5 Milliarden US-Dollar betragen. Ohnehin hätte das Formel-1-Engagement auch seinen Teil dazu beigetragen, dass Mercedes in den vergangenen zehn Jahren „neue, coole Autos“ erfunden habe und sich als Marke damit sportlich aufgeladen hat.

Der Steirer Enzinger hatte dem nichts hinzuzufügen. Vielleicht hätte er dem Wiener Wolff am liebsten noch mitgeteilt, dass ein Porsche immer schon sportlich war – was auch sonst? Aber das werden sie im stillen Kämmerlein unter sich ausmachen. So wie es üblich ist – unter Steirern und Wienern: hart, aber herzlich.

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