Sebastian Vettel (re.) ist in Singapur im Glück, Charles Leclerc applaudiert fair – doch in dem Monegassen kocht die Seele. Foto: AFP/Roslan Rahman

Sebastian Vettel landet mit seinem Erfolg im Formel-1-Nachtrennen einen wichtigen teaminternen Punktsieg über Charles Leclerc – und der Jungstar kocht vor Ärger. Es gibt Diskussionsbedarf.

Singapur - Auf diesen Moment hat Sebastian Vettel 392 Tage warten müssen: Der Heppenheimer feiert in einem von Taktik bestimmten Großen Preis von Singapur mit drei Safetycar-Phasen seinen ersten Sai­sonsieg im Ferrari, Teamkollege Charles Leclerc rast 2,6 Sekunden später über die Ziellinie. Kein Triumph ohne Tragik: Der Monegasse fühlt sich um seinen Sieg-Hattrick betrogen. Auch Mercedes hat die Krise bekommen, ­Lewis Hamilton wird durch einen Strate­giefehler bloß Vierter hinter Max Verstappen.

Nach seinem Comeback mit seinem 53. Formel-1-Erfolg kostet der Hesse den Jubel voll aus und bedankt sich bei den Fans: „Ich bin etwas verschwitzt, aber sehr glücklich. Es waren nicht meine leichtesten Wochen, aber ich habe so viel Rückhalt bekommen, die Leute haben mir ihre eigenen Geschichten erzählt, um mir Mut zu machen. All das habe ich in dieses Rennen gesteckt.“ Endlich ein fehlerloser Renntag, der gekrönt wird. Der Händedruck und das Schulterklopfen mit Leclerc fällt pflichtschuldig aus, der klagt unterschwellig über die Benachteiligung durch das eigene Team: „Es ist immer schwierig, ein Rennen auf diese Art zu verlieren.“ Irgendwie merkwürdig.

Nach dem Stopp beschwert sich Leclerc vehement

Drei Pole-Positions innerhalb von drei Wochen, das zeigt das Tempo, mit dem Leclerc gewillt ist, die Formel-1-Spitze anzugreifen. Das jüngste Meisterstück des Ferrari-Lehrlings in der Qualifikation zum Nacht-Grand-Prix hat die Rennwelt geschockt: Der rote Rennwagen kann wieder langsame Kurven. Und Leclerc, der Wunderknabe, legt eine Wunderrunde hin und schnappt Vettel die Pole weg. Damit scheint ihm der nächste Triumph und die Oberhand in der Scuderia sicher – tatsächlich aber legt es den Grundstein für einen Zwist. Vor allem für die Zukunft.

Beim Start geht es souverän weiter. Der Monegasse reagiert am schnellsten, Hamilton gerät unter Druck des nach vorn schnellenden Vettel. Vier, fünf Kurven lang geht das Gerangel. Dann verfestigen sich die Verhältnisse, der Silberpfeil steckt im roten Sandwich. Hamilton meldet nach einem Viertel der Distanz, dass seine Gummis schlechter werden, auch Vettel verliert. Muss der Heppenheimer wie in Spa den Puffer für den neuen Star in Maranello spielen? Leclerc hat sich die Erlaubnis geholt, schneller fahren zu dürfen. In der 20. Runde wird Vettel reingeholt, die Italiener verbummeln den Stopp. Auf dem Fuß folgt die nächste Überraschung: Einen Umlauf später wird auch Spitzenreiter Leclerc reingeholt und kommt knapp hinter Vettel wieder auf die Piste.

Wenn der Platztausch nicht das übliche Ferrari-Chaos oder eine riskante Variante gewesen sein sollte, könnte es eine Wiedergutmachung für den gestohlenen Monza-Windschatten sein. Offiziell hat man verhindern wollen, im Verkehr stecken zu bleiben, das sei so besprochen worden. Leclerc macht seinem Unmut über Boxenfunk Luft, als ihn sein Ingenieur auffordert, so viel Druck zu machen wie möglich: „Was zum Teufel!?“ Für Teamchef Mattia Binotto wird der Drehsessel am Kommandostand zum heißen Stuhl – er ringt mit sich, einen Platztausch anzuordnen. Leclerc beschwert sich später weiter über die vermeintliche Benachteiligung: „Ich versteh das einfach nicht!“ Der Ingenieur versucht zu beschwichtigen: „Kopf runter, weitermachen.“ Leclerc legt nach: „Mein Kopf ist unten. Nach dem Rennen müssen wir dringend darüber reden.“

Auch Mercedes verzockt sich bei der Strategie

Den Roten hilft, dass Mercedes das eigene Taktikspielchen verbockt. Denn Hamilton bleibt draußen und wird langsamer. Auch das ist schwer verständlich, die Prognose für den Boxenstopp des Briten lautet, dass er als Vierter wieder rauskommt. Sein Teamkollege Valtteri Bottas, der längst gewechselt hat, fährt dreieinhalb Sekunden schneller. Dann wird er vom Chefstrategen James Vowles aufgefordert, drei Sekunden langsamer zu fahren: „Wir müssen als Team arbeiten.“ Stallorder, weil sich der Mittelfeldverkehr zuspitzt – so bleibt Hamilton wenigstens vor dem Finnen. Trotzdem hat der Weltmeister durch das Verrechnen zwei Plätze verloren.

Es ist ein Chaos, in dem sich Vettel mit aller aufgestauten Wut durchs Feld tankt. Le­clerc fordert Zusatzpower, um Vettel anzugreifen, und bekommt den Hinweis: „Bring das Auto heil nach Hause!“ Das stachelt den 21-Jährigen an: „Ich werde nichts Dummes tun. Aber das ist nicht fair, was ihr macht!“ Es ändert sich nichts mehr, damit ist das letzte Wort bei Ferrari aber nicht gesprochen.

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