Zwei, die gerne Lebensmittel teilen: Iris Förster und Michael Neumann Foto: Gottfried Stoppel

Kühlschrank-Leerräumen ausdrücklich erwünscht: Im Foyer des Waiblinger Jakob-Andreä-Hauses steht nun ein „Fair-Teiler“, gefüllt mit Gemüse, Obst und anderen Lebensmitteln. Jeder darf etwas herausnehmen – oder hineinlegen.

Waiblingen - Ein Bund Karotten mit Grün, ein Netz Kartoffeln, ein Büschel Radieschen, zwei Salatköpfe und frisches Basilikum warten im mannshohen Kühlschrank auf jemanden, der sie mit nach Hause nimmt. Das Gerät steht im Foyer des Jakob-Andreä-Hauses in Waiblingen. Was hat ein Kühlschrank im Eingangsbereich eines evangelischen Gemeindehauses zu suchen? „Die Kirche gewährt ihm gewissermaßen Asyl und spendet den Strom“, sagt Iris Förster und lacht. Gemeinsam mit Michael Neumann hat die Waiblingerin einige Zeit nach einem Plätzchen für diesen Kühlschrank gesucht, der eine besondere Aufgabe hat – er soll verhindern, dass tadellose Lebensmittel in der Mülltonne landen und wird als sogenannter „Fair-Teiler“ genutzt: Wer beispielsweise Obst und Gemüse übrig hat, kann es hineinlegen, wer welches braucht, darf es kostenlos mitnehmen.

Lebensmittel teilen statt wegwerfen

Die Idee, Lebensmittel zu teilen statt wegzuwerfen stammt von der Initiative Foodsharing, in der das Duo seit einiger Zeit aktiv ist. Anfang Juni haben die beiden mit ihrem Fair-Teiler den Testbetrieb aufgenommen und ziehen eine positive Bilanz. „Hier gab es bislang keinerlei Probleme“, sagt Michael Neumann, der weiß, dass es beim ein oder anderen Fair-Teiler, etwa in Stuttgart, nicht ganz so glatt läuft. Dort komme es beispielsweise schon mal vor, dass verdorbene oder nicht erlaubte Lebensmittel wie Fleisch abgelegt würden, erzählt Neumann. Auch mit Vandalismus habe man in Waiblingen kein Problem, ebenso wenig mit Ratten oder Mäusen. Da sei der Standort im Gebäude von Vorteil. Umso mehr, als der Hausmeister des Jakob-Andreä-Hauses ein großer Freund des Fair-Teilers sei. „Er findet die Idee klasse, schaut regelmäßig rein und entsorgt auch mal Lebensmittel wie zum Beispiel verwelkte Salatköpfe“, sagt Iris Förster.

Der Wermutstropfen: anders als Fair-Teiler im Freien ist das bisher einzige Waiblinger Exemplar nicht rund um die Uhr nutzbar, sondern nur montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr. „In den Schulferien ist es eher schwierig“, erzählt Iris Förster – während der Sommerferien etwa hat sie den Kühlschrank, eine Spende der Gemeinderatsfraktion Alternative Liste (Ali), eine gewisse Zeit vom Netz genommen. Sie und Michael Neumann hatten in puncto Kühlschrank einige Bedenken aus dem Weg zu räumen. „Es ging vor allem darum, wer haftet, wenn verdorbene Lebensmittel weitergegeben werden und irgendjemand davon krank werden würde“, sagt Förster: „Die Haftung ist tatsächlich eine Grauzone und noch nicht geklärt.“

Fotos vom Kühlschrankinhalt

In den Waiblinger Fair-Teiler steckten die unterschiedlichsten Menschen ihre Nasen, sagt Michael Neumann, Jüngere und Ältere. Manche schauen einfach auf gut Glück vorbei und lassen sich überraschen, was hinter der Glastür liegt. Um die 25 Leute haben sich in einer Whatsapp-Gruppe organisiert und halten sich so über den aktuellen Kühlschrankinhalt auf dem Laufenden. „Wer etwas in den Fair-Teiler legt, macht ein Foto und schickt es an die Gruppe“, erzählt Michael Neumann und zieht aus seinem Rucksack ein Pfund Kaffee, auf dessen Verpackung „vollmundig“ steht. „Die Marke mögen wir nicht“, sagt der Waiblinger – aber für das Päckchen finde sich bestimmt irgendein Liebhaber.

„Wenn Leute mich fragen, wie sie sich einbringen können, dann sage ich: richtet doch einen Fair-Teiler auf eurem Grundstück ein“, sagt Neumann. Ein, zwei weitere Anlaufstellen für das Foodsharing könnten in Waiblingen gut funktionieren – zum Beispiel in Waiblingen-Süd oder auf der Korber Höhe. Doch ganz egal, wo ein Fair-Teiler stehe – für alle gelte die Regel: „Leerräumen ist ausdrücklich erwünscht.“

Verteilstelle für Lebensmittel

Foodsharing
Laut der Initiative engagieren sich derzeit 31 606 Foodsaver dafür, dass keine Lebensmittel verschwendet werden. Gründer und Vorstand von Foodsharing e.V. ist der in Waiblingen aufgewachsene Filmemacher Valentin Thurn, er hat den Film „Taste the Waste“ gedreht.

Tabus
Nicht in den Fair-Teiler-Kühlschrank dürfen alle Lebensmittel, die ein Verbrauchsdatum tragen, etwa roher Fisch, Geflügel und anderes Fleisch, insbesondere Hackfleisch und rohe Eierspeisen. Erlaubt sind hingegen Lebensmittel mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum – auch nach Ablauf dieses Datums.

Verschwendung
Laut einer Studie des World Wide Fund For Nature (WWF) landen in Deutschland jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen an Lebensmitteln im Müll. Laut WWF sind mehr als 60 Prozent davon auf die Wertschöpfungskette vom Produzenten bis hin zum Großverbraucher wie Gastronomie und Betriebsküchen zurückzuführen. Fast 40 Prozent liegen beim Endverbraucher.

Mitmachen
Wer aktuelle Nachrichten zum Kühlschrank mitbekommen möchte, kann eine E-Mail schreiben an: foodsharing@michaelneumann.org und sich in den Verteiler aufnehmen lassen.

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