Wenn es auf den Fildern 2050 wirklich so warm sein sollte wie in Mailand oder Turin heute, dann muss anders gekühlt werden. Foto: Archiv Heinz Heiss

Laut Experten der ETH Zürich könnte es in Städten wie Stuttgart oder Filderstadt im Jahr 2050 so warm sein wie heute in Mailand. Das Thema Kühlung spielt deshalb eine größere Rolle. Zum Beispiel mit Fernkälte.

Filder - Fernkälte gilt in Expertenkreisen als Alternative zu Klimaanlagen. Ihr Vorteil: Fernkälte verschlingt weit weniger Energie. Der Nachteil: Nicht überall rechnet oder lohnt es sich, ein entsprechendes Netz aufzubauen. In München soll 2021 eine Anlage in Betrieb gehen. Die Kommunen auf den Fildern verfolgen die Entwicklungen interessiert.

Was ist Fernkälte?

Fernkälte ist, schnell erklärt, das Gegenteil von Fernwärme. Fernwärme ersetzt Heizungen in Gebäuden, indem sie zentral produziert und über Leitungen auf die Verbraucher verteilt wird. Es gibt zwei unterschiedliche Systeme dafür. Entweder wird Kälte genutzt, zum Beispiel aus Gewässern. Oder aber Wärme wird bei Bedarf technisch in Kälte umgewandelt.

Warum ist Fernkälte nützlich?

Fernkälte ersetzt Klimaanlagen. „Klimaanlagen sind Energieverschwendung“, sagt Peter Friedrich, der Leiter der Stadtwerke in Leinfelden-Echterdingen. Technisch erzeugte Fernwärme würde nur ein Viertel der Energie benötigen, die Klimaanlagen brauchen, sagte Patrick Krystallas, ein Fernkälte-Experte bei den Stadtwerken München, vor Kurzem gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Dass Kälte und Kühlung in den Städten und Gemeinden in Zukunft begehrter werden wird, legen Prognosen nahe. So haben beispielsweise Wissenschaftler der ETH Zürich simuliert, wie warm es im Jahr 2050 in 520 Städten auf der Welt sein könnte. In London wäre es wie heute in Barcelona, in Berlin dann wie in Canberra aktuell, in Stuttgart dürften die Temperaturen denen vom heutigen Mailand oder Turin ähneln. Die Forscher nehmen eine Erderwärmung von optimistischen 1,4 Grad bis dahin an. In Fachkreisen geht man davon aus, dass sich auch Immobilieneigner in Zukunft stärker fürs Thema Kühlung interessieren werden.

Welche Erfahrungen gibt es mit Fernkälte auf den Fildern?

Ein Fernkältenetz gibt es nicht auf der Filderebene. Es sind eher die größeren Städte, die sich fürs zentrale Kühlkonzept erwärmen. So gelten die Stadtwerke in München in Expertenkreisen als Vorreiter. Wobei auch die Münchner noch nicht wirklich viel Erfahrung hätten, sagt Jan Meier, der Stadtwerke-Chef in Filderstadt dazu. Das neue Fernkältenetz soll Ende kommenden Jahres in Betrieb gehen. Die Münchner sind aber weder die Einzigen noch die Ersten. Auch Hamburg, Berlin und Frankfurt sind in dieser Richtung schon aktiv. Und Paris zum Beispiel holt sich Kühlung aus der Seine.

Filderstadt ist nicht Paris. Doch die beiden Stadtwerke-Chefs von Filderstadt und L.-E. verfolgen die Entwicklungen mit Interesse. Und im Kleinen haben beide eine Anlage, die sie in diesem Zusammenhang gerne herzeigen: Als hätten sie sich abgesprochen, haben beide Stadtwerke fast zeitgleich einen Neubau bekommen. Und beide Gebäude verwenden Geothermie zum Heizen im Winter – und zum Kühlen im Sommer. „Ein dualer Nutzen“, sagt Peter Friedrich aus Leinfelden-Echterdingen. Im April eingezogen, kann er über einen ersten Erfahrungssommer berichten. „Wir waren verwundert, wie gut das läuft“, sagt er. In den Räumen habe es immer so um die 23, 24 Grad Celsius gehabt. „Und die Luft ist angenehmer als mit Klimaanlage.“ In Filderstadt steht der Umzug in den Neubau kurz bevor, hier wird in den nächsten Monaten erst einmal Wärme das vorrangige Thema sein.

Ob es auf der Filderebene einst ein Fernkältenetz geben wird, ist offen. Beide Stadtwerke-Chefs wollen mit der eigenen kleinen Wärme-Kühl-Anlage zunächst erste Erfahrungen sammeln. Derlei Systeme seien zudem immer auch ein Kostenfaktor und funktionieren nicht überall. Erstens, weil es auf den Fildern an Gewässern mangelt wie der Seine, und es laut Friedrich auch wenig Grundwasser gebe. Zweitens: „Wir haben keine so großen Verbraucher in der Stadt, damit es sich lohnt“, sagt Friedrich. Bei Neubauten werde das Konzept aber in jedem Fall geprüft. „Ich gehe davon aus, dass das Thema in den nächsten fünf bis zehn Jahren an Relevanz gewinnen wird“, sagt Jan Meier, Stadtwerke-Chef in Filderstadt.

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