Ein Bild aus unbeschwerten Tag – das Baden war bis 2016 im Kocher bei Künzelsau erlaubt, Foto: Stadt Künzelsau

Das Kocherfreibad Künzelsau wird zum Naturbad umgebaut. Kosten: fast eine Million Euro. Vor Jahren wurde eines der letzten Flussfreibäder im Land geschlossen, weil die Wasserqualität zu schlecht war. Das soll künftig anders sein.

Künzelsau -

„Dauerhaft geschlossen“ vermeldet die angeblich allwissende Suchmaschine. Das stimmt so nicht: Nach dem Umbau im laufenden Jahr soll das Kocherfreibad in Künzelsau (Hohenlohekreis) 2020 wiedereröffnet werden – eines der wenigen Flussbäder, die es heute noch gibt. Manche sprechen vom einzigen amtlich zugelassenen in Baden-Württemberg.

Lesen Sie hier: Die Wasserqualität der Badeseen in der Region

An der Baustelle treffen wir Wilfried Terkowski, der von 2001 an bis vor kurzem als städtischer Schwimmmeister im Kocherfreibad das Sagen hatte. In der rund 17 Hektar großen Idylle am Kocher haben jetzt Bagger das Regiment übernommen, die das Gelände nach den Entwürfen des Bamberger Planungsbüros Wasserwerkstatt ertüchtigen. Riesige Haufen Erde, ein verwaister Kinderspielplatz, am Wegrand ein Duschrohr mit Betonfuß, das wohl später wieder eingesetzt werden soll. Die stolze Summe von rund 941 000 Euro macht die 15 000-Einwohner-Stadt für die Umbaumaßnahmen locker - nach heutigem Kenntnisstand.

„Bädle“ hat eine lange Geschichte

Die allermeisten Künzelsauer tragen die Investition wohl dennoch mit. Schließlich verbindet die Bewohner mit ihrem „Bädle“ eine lange Geschichte. Terkowski, Jahrgang 1954, hat die wichtigsten Etappen notiert. Bereits um das Jahr 1900 gründeten die Künzelsauer eine sogenannte Badehüttengesellschaft. Flussabwärts, auf einer vom Mühlkanal und dem Künsbach gebildeten Insel wurde eine Badestelle mit Umkleidehütte für die Männer eingerichtet. Die Frauen gingen am früheren Kocherwehr, der Stelle des heutigen Kocherfreibads, ihrem Vergnügen nach. In den Jahren 1965/66 wurde das alte Wehr abgerissen, der Mühlkanal zugeschüttet, und unterhalb der Kocherbrücke ein E-Werk mit Wehr errichtet. „Damit steuern wir den Wasserstand“, sagt Wilfried Terkowski. Derzeit liegt das Kocherfreibad trocken. Die zweistufige Betoninsel mit Treppe, die das Bad vom Fluss abtrennt, stammt aus dieser Zeit; ebenso die Eingangshütte, die einst als Kiosk diente.

Vor allem aber die Liegewiese mit dem großen alten Baumbestand, auf der Badegäste entlang des Flussufers jederzeit ein schattiges Plätzchen finden. In den 1970er und Ende der 1990er Jahre investierte die Stadt Künzels­au in Planschbecken für Kinder mit moderner Wasseraufbereitung, wie sie heute in Freibädern üblich sind. Für die Künzelsauer freilich ist der Fluss das Maß aller Dinge geblieben. „Wir haben alle im Kocher das Schwimmen gelernt“, versichert der Schwimmmeister, „und wir haben es alle überlebt.“

Früher gab es die „Eisweiber“

Wilfried Terkowski und seine Ehefrau erinnern sich noch gut an die „Eisweiber“, wie sie genannt wurden. „Die alten Damen waren jeden Tag da“, erzählt Gabriele Terkowski, „bei einer Wassertemperatur von 13 Grad Celsius haben sie jedes Jahr mit dem Schwimmen angefangen und erst wieder aufgehört, wenn es wieder unter 13 Grad Celsius ging.“

Etwas von diesem rebellischen Geist hat, so scheint es, die Zeit überstanden. Als überhöhte Werte an Kolibakterien im Kocherfreibad immer wieder Anlass zu Beanstandungen gaben, musste das Bad im Jahr 2016 auf Anordnung des baden-württembergischen Sozialministeriums geschlossen werden. Der Widerstand ließ nicht lange auf sich warten. Mit Protestschwimmen demonstrierten viele Künzelsauer Bürgerinnen und Bürger Montag für Montag gegen die Entscheidung.

Mit dem Naturbad soll das Baden wieder erlaubt sein

„Aufstand am Kocherbad“, titelte die örtliche Zeitung. „Ich konnte als städtischer Angestellter nicht mitmachen“, im Herzen waren Terkowski und seine Ehefrau freilich dabei. Schließlich verständigten sich die Behörden darauf, die Badestelle nicht mehr abzusperren, vom Baden aber abzuraten. Keine Lösung auf Dauer. Die versprechen sich die Verantwortlichen vom neuen Naturbad.

Zwangspause für ein Jahr hat nun auch die Truppe Theater im Fluss, denn das Gelände wird alljährlich auch als Bühne für Sommertheater genutzt. Im kommenden Jahr aber soll’s weitergehen. Ohne Theater mit den Wasserwerten.

Natur statt Chemie

Pflanzenfilter

Ein Naturbad unterteilt sich generell in einen Badebereich und einen bepflanzten Regenerationsbereich oder Filterbereich, der der Wasseraufbereitung dient. Die Oberflächen der beiden Bereiche sind etwa gleich groß. Das Wasser strömt durch ein bepflanztes Filterbeet, das mit einem speziellen Filtersubstrat befüllt ist. Dadurch wird es auf natürliche Weise gereinigt.

Kocherfreibad

Nach dem Umbau hat die parallel zum Ufer gelegene Künzelsauer Badebucht eine Fläche von 1000 Quadratmetern; das Wasser ist 1,35 Meter tief. Mit Spundwänden wird die Bucht vom Flusslauf abgetrennt. Das Kocherwasser durchläuft drei Filterstufen. Nummer eins ist eine direkt an die Bucht angrenzende Fläche, die mit Wasserpflanzen wie Seerosen und Schilf gestaltet ist; diese dienen als Pflanzenfilter. Anschließend durchläuft das Flusswasser einen Kiesfilter und zuletzt einen UV-Filter.

Vorschriften

Nach der Neugestaltung handelt es sich beim Kocherfreibad weder um eine EU-Badestelle noch um einen Kleinbadeteich. Die neue Badestelle unterliegt dem Infektionsschutzgesetz. Danach muss das Wasser so beschaffen sein, dass eine Schädigung der menschlichen Gesundheit ausgeschlossen ist, betont der Bürgermeister Stefan Neumann. Man gehe davon aus, dass die Werte mit dem neuen biologischen Reinigungsverfahren eingehalten werden.

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