Präsident Erdogan (Mitte) bei einem Besuch der Flughafenbaustelle 2016 Foto: dpa

Innerhalb von drei Jahren wird der Istanbuler Flughafen fertiggestellt – mit zahlreichen Todesopfern.

Istanbul - Die Türkei steht kurz vor Vollendung eines der größten Prestigeprojekte von Präsident Recep Tayyip Erdogan: In wenigen Wochen soll auf dem geplanten Großflughafen nördlich von Istanbul der erste Testflug stattfinden. In weniger als drei Jahren haben die Türken eine Anlage aus dem Boden gestampft, die nach dem Endausbau mit 150 Millionen Passagieren im Jahr der größte Airport der Welt werden soll – während der geplante Berliner Flughafen wegen immer neuer Verzögerungen zum Gespött wird. Doch nun kommt die dunkle Seite des Rekordtempos ans Licht: Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte Arbeiter sind auf der Großbaustelle bei Unfällen ums Leben gekommen.

Einem Bericht der Oppositionszeitung „Cumhuriyet“ ist es zu verdanken, dass die Behörden die Todesfälle nicht mehr unter den Teppich kehren können. Der Flughafen werde zum Massengrab, schrieb Reporter Mehmet Kizmaz, der einen Lastwagenfahrer auf der Großbaustelle mit ihren insgesamt 31 000 Arbeitern begleitete. Die 1500 Lastwagen transportieren Bauschutt und Abraum; je mehr Touren ein Fahrer pro Tag absolviert, desto höher ist sein Einkommen. Reich wird man damit nicht. Das Grundgehalt liegt bei umgerechnet 320 Euro im Monat, die Prämie für zusätzliche Touren liegt bei zwei Euro.

Manche Arbeiter würden wie Sklaven gehalten, schreibt „Cumhuriyet“

Das Ergebnis ist ein regelrechter Lkw-Terror auf den Zufahrtsstraßen. So sind die Lastwagen oft völlig überladen, viele sind wegen gebrochener Achsen, defekter Bremsen oder fehlender Beleuchtung verkehrsunsicher. Gefahren wird trotzdem, und zwar zwölf Stunden am Tag statt der vorgeschriebenen maximalen Arbeitszeit von acht Stunden. Die Polizei drückt beide Augen zu, weil die Baufirmen vom Staat geschützt werden, wie „Cumhuriyet“ meldet. Die ebenfalls regierungskritische Zeitung „Evrensel“ nannte den Flughafen deshalb eine „Todespiste“.

Auf der Baustelle selbst sieht es nicht besser aus. Manche Arbeiter würden wie Sklaven gehalten, schreibt „Cumhuriyet“. Für sie gebe es nicht einmal regelmäßige Mahlzeiten, manchmal verweigerten die Arbeitgeber die Lohnzahlung. Dagegen ­sollen die aus Deutschland eingeflogenen Facharbeiter relativ gut versorgt werden.

Der neue Flughafen soll Istanbul zu einem internationalen Drehkreuz wie Hongkong, London oder Frankfurt machen. Es geht um viel Geld: Die beteiligten Unternehmen haben dem Staat 22 Milliarden Euro für das Recht bezahlt, den Flughafen bauen und 25 Jahre lang betreiben zu dürfen. Die Regierung hat sich auf eine offizielle Eröffnung des ersten Teils des Airports am Republikstag am 29. Oktober ­dieses Jahres festgelegt. Wegen des Zeitdrucks werden Sicherheitsmaßnahmen ignoriert, was die Arbeiter in Lebensgefahr bringt. Fehlende Arbeitssicherheit ist in der Türkei seit Langem ein Problem; allein im vergangenen Jahr starben laut Gewerkschaftsangaben rund 2000 Menschen bei Arbeitsunfällen.

Der Vertreter der Baugewerkschaft hört von drei bis vier Todesfällen pro Woche

Die Zustände auf dem Flughafengelände sind offenbar besonders schlimm. Yunus Özgür von der Bauarbeitergewerkschaft Insaatis sagte „Cumhuriyet“, er höre dort von drei bis vier Todesfällen jede Woche. Nur die wenigsten davon werden öffentlich bekannt. Die Angehörigen der Todesopfer, oft arme Familien aus fernen Landesteilen, werden laut „Cumhuriyet“ mit der Zahlung von rund 90 000 Euro zum Schweigen verpflichtet. Das ist viel Geld für eine Familie, die plötzlich mittellos dasteht.

Der „Cumhuriyet“-Bericht löste eine Parlamentarische Anfrage der Opposition an die Regierung aus und schreckte die türkische Öffentlichkeit so auf, dass Ankara reagieren musste. Es habe 27 Todesfälle auf der Großbaustelle gegeben, räumte das Arbeitsministerium ein, das bisher nichts über die tödlichen Unfälle mitgeteilt hatte. Die Baustelle werde streng kontrolliert, betonte das Ministerium, doch laut „Cumhuriyet“ kann davon keine Rede sein.

Mehrmals hat es in den vergangenen Jahren Protestaktionen von Arbeitern gegeben, und auch diese Woche gingen Arbeiter auf die Barrikaden und demonstrierten gegen die Überfüllung ihrer Unterkünfte. Die Flughafenbetreiber riefen die paramilitärische Jandarma, die in der Türkei außerhalb der Städte für Polizeiaufgaben zuständig ist, versprachen dann aber, die Forderungen der Arbeiter zu erfüllen.

Der Verkehrsminister Ahmet Arslan plant trotz der Zustände schon die Eröffnung des Flughafens. „Die erste Piste ist fertig“, sagte er kürzlich. Schon jetzt könnten Flugzeuge landen. Rund 80 Prozent der Bauarbeiten sind laut offiziellen Angaben abgeschlossen. Bei den restlichen 20 Prozent ist der Druck unverändert hoch, an den lebensgefährlichen Bedingungen für die Beschäftigten ändert sich offenbar nichts: Der Zeitung „Evrensel“ zufolge stürzte jetzt ein Bauarbeiter aus vier Meter Höhe von einem Balken und starb.

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