Amtsarzt Martin Priwitzer im Gesundheitsamt Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Gesundheitsamt untersucht mehr als 100 Flüchtlinge im Monat auf Tuberkulose. Die Zahl der Infektions­erkrankungen steigt. So wie die Kosten, die das Land an die Stadt abschiebt.

Stuttgart - Im Gang des Gesundheitsamts haben sich an diesem Vormittag ein Dutzend Flüchtlinge und Wohnungslose versammelt. Auf einem der Wartestühle sitzt ein Obdachloser, leere Bierflaschen kullern aus seiner Plastiktüte, die er brummelnd einsammelt. Ein grünes Schild neben ihm weist daraufhin hin, warum die Menschen warten: „Anmeldung zur TB-Untersuchung“, steht dort. Die meisten Wartenden können damit nichts anfangen. Eine Dolmetscherin sitzt bei einer Gruppe von Flüchtlingen und erklärt auf Arabisch, worum es hier geht.

Für die Besucher geht es um ihre Gesundheit. Für die Behörde um eine Arbeit mit höchster Priorität, wie es im Gesundheitsamt heißt: Die Behandlung der bakteriellen Infektionskrankheit Tuberkulose. Eine gefährliche Lungenerkrankung zwar, keinesfalls aber ein Grund, Panik zu schüren, sagt der zuständige Amtsarzt Martin Priwitzer.

Amt rechnet mit mehr Erkrankungen

„Tuberkulose ist im Vergleich zu anderen Krankheiten eher wenig ansteckend. Man steckt sich nicht gleich beim Nebenmann in der Stadtbahn an“, sagt der Leiter des Sachgebiets Gesundheitsschutz. Dennoch häufen sich die Diagnosen in letzter Zeit. In den vergangenen vier Monaten hat das Gesundheitsamt bei Flüchtlingen acht Mal die Erkrankung diagnostiziert. Zwar war die Zahl der Tuberkulose-Fälle noch in den vergangenen Jahren rückläufig. Im Jahr 2013 meldete das Amt in der Gesamtbevölkerung noch 67 Fälle, ein Jahr später waren es 44. Die Zahl im Jahr 2013 geht aber auf den Ausbruch in einem Obdachlosenheim zurück.

Der Vorfall veranschaulicht, dass die Erkrankung gerade dort gefährlich wird, wo viele Menschen auf engem Raum miteinander leben, heißt es im Gesundheitsamt. „Im Jahr 2015 rechnen wir indes wieder mit einem Anstieg“, sagt Amtsarzt Priwitzer.

Aufnahmestellen des Landes überfordert

In der Behörde sorgt die Situation aus mehreren Gründen für Unmut. „Wir erfüllen hier eine Aufgabe, die natürlich sehr wichtig ist, im Grunde aber nicht in unseren Bereich fällt“, sagt der Leiter des Gesundheitsamts Hans-Otto Tropp. Das Infektionsschutzgesetz schreibt vor, dass Ärzte Menschen in einer Massenunterkunft unverzüglich auf ansteckende Erkrankungen wie Tuberkulose untersuchen. Das heißt: in den Landeserstaufnahmen, etwa in Karlsruhe. Weil sich dort aber zu wenig Personal um zu viele Flüchtlinge kümmert und der Druck, Plätze freizumachen steigt, verteilt die Einrichtung sie oft vor der ersten Untersuchung in die 44 Stadt- und Landkreise.

Und aus den Flüchtlingsheimen führt sie der Weg in die Gesundheitsämter. In Stuttgart eben zu Priwitzer. „Wir sind dazu verpflichtet, jeden Flüchtlinge einer Screening-Untersuchung auf ansteckende Erkrankungen zu unterziehen“, sagt der Amtsarzt.

Anzahl der Röntgentests sprunghaft gestiegen

Das Gesundheitsamt untersucht daher inzwischen jeden zweiten Flüchtling, der in der Stadt unterkommt. Das hat Folgen: Seit dem massiven Anstieg der Flüchtlingszahlen im vergangenem Herbst kommt der Mediziner Priwitzer mit den Tbc-Tests kaum noch hinterher. Das Gesundheitsamt verfügt lediglich über anderthalb Arztstellen dafür.

Auch an diesem Vormittag hat Priwitzer allein Dienst. Er schreitet über den Gang und betritt den Röntgen-Raum. In vier kleinen Kabinen röntgen die Mitarbeiter und diagnostizieren anhand der Bilder, ob eine Tuberkulose-Erkrankung vorliegt. Die Zahl der Röntgen-Untersuchungen im Gesundheitsamt ist seit dem Jahr 2012 sprunghaft gestiegen: Damals waren es 1195, ein Jahr später 1250 Tests und im vergangenen bereits 1546 Röntgentests.

Die Kosten bleiben dem Sozialamt Stuttgart zufolge derweil bei der Stadt hängen. In der einmaligen Pauschale von 13 260 Euro, die das Land den Kommunen zahlt, ist kein Posten für den Gesundheitscheck vorgesehen. „Ein Röntgenbild kostet zwischen 16 und 29 Euro, allerdings ohne alle weiteren Leistungen wie die Inaugenscheinnahme“, sagt Priwitzer. Bei 100 Patienten im Monat belaufen sich die Kosten somit auf knapp 3000 Euro. Mehrarbeit fällt noch anderweitig an: Mitarbeiter des Gesundheitsamts bearbeiten auch immer mehr Asylgutachten, die das Sozialamt für die Krankenversorgung der Hilfesuchenden braucht.

Stadt will volle Kostenerstattung von Land

Für einen Patienten bleibt Priwitzer im Durchschnitt eine Stunde für die komplette Untersuchung. Dazu zählen das Röntgen, die Inaugenscheinnahme der Flüchtlinge und eine Blutuntersuchung. „Wir untersuchen im Schnitt mittlerweile 100 Flüchtlinge im Monat“, sagt der Mediziner. Das seien rund zweieinhalb Mal so viele Patienten wie noch vor einem Jahr. Problematisch sei zudem, dass meist mehrere Tage vergehen, bevor sich die Asylsuchenden einer Untersuchung unterziehen lassen. „Zwei Wochen ist schon eine ganz gute Zeit. In einigen wenigen Fällen kommen die Leute auch überhaupt nicht“, sagt der Mediziner.

Die Amtsärzte im Gesundheitsamt hoffen darauf, dass die neu eröffneten Landeserstaufnahmestellen in Meßstetten und Schwäbisch Gmünd Entlastung bringen. Groß sind die Hoffnungen nicht. „Das Land hat die Gesundheitsämter im Dezember darüber informiert, dass eine komplette Rückverlagerung der Untersuchungen in die Erstaufnahmen bis auf weiteres nicht möglich ist“, sagt Priwitzer. Sein Amtsleiter, Hans-Otto Tropp, sieht in diesem Fall nur eine Lösung: „Wir rechnen mit einer vollen Kostenerstattung seitens des Landes. Schließlich müssen wir uns gegenüber der Stadt verantworten.“

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