Juliet (rechts) erzählt ihrer Mitbewohnerin Ulrike Storz gern aus ihrer Heimat – auch wenn es nicht immer einfach ist. Foto: Liviana Jansen

Nachdem ihre Familie von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram überfallen wurde, ist die Nigerianerin Juliet aus ihrer Heimat geflohen. Seit Juli wohnt sie nun in einer WG mit der Musikerin Ulrike Stortz. Doch das Ankommen ist nicht einfach.

Laute Mitbewohner, vergammelte Essensreste auf dem Herd, nicht abgespültes Geschirr, Putzpläne, die nicht eingehalten werden – die Liste der typischen Ärgernisse in Wohngemeinschaften ist lang. Doch bei Ulrike Stortz und ihrer Mitbewohnerin Juliet scheint alles anders: einen Putzplan gibt es nicht, Ärger wegen des Abwaschs kennen sie nicht und die Lautstärke ist auch kein Streitthema, obwohl Stortz professionelle Musikerin ist und oft spätabends noch übt.

Anders ist aber auch noch etwas: Juliet kommt aus Nigeria und hat ihre Heimat auf der Flucht vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram verlassen. Seit fast zweieinhalb Jahren lebt sie nun in Deutschland. Im Juli dieses Jahres ist sie aus der Flüchtlingsunterkunft in Heumaden aus- und in Ulrike Stortz’ Vierzimmerwohnung eingezogen. Im Wohnheim hatte Juliet sich nicht wohl gefühlt: „Es war anstrengend. Meine Zimmergenossinnen haben immer lautstark gestritten“, erzählt sie. In manchen Nächten habe sie kaum ein Auge zugetan und das, obwohl jeden Morgen der Deutschkurs anstand. Umso wohler fühlt sie sich nun, da sie ein eigenes Zimmer hat – „ihre eigene Höhle“, wie Ulrike Stortz es nennt. Auf die Idee, Flüchtlinge aufzunehmen, sei sie nach dem Auszug ihrer Tochter gekommen, erzählt Stortz. Sie habe das frei gewordene Zimmer Menschen zur Verfügung stellen wollen, die sonst nur schwierig eine Wohnung fänden. „Zunächst wollte ich einen minderjährigen Flüchtling aufnehmen, das ließ sich aber mit meinen unregelmäßigen Arbeitszeiten nicht vereinbaren.“ Über die Leiterin des Arbeitskreises Flüchtlinge Heumaden, Ariane Müller-Ressing, kam dann der Kontakt zu Juliet zustande. Nach einem kurzen Kennenlernen war für beide klar: Das passt.

„Natürlich war ich gespannt, was da auf mich zukommt. Juliet hat ja wirklich Schlimmes erlebt“, erzählt Ulrike Stortz. Aber bisher gebe es überhaupt keine Reibungspunkte. In den ersten Wochen habe sie Juliet kaum zu Gesicht bekommen, oft habe diese sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Doch mit der Zeit wuchs das Vertrauen und die beiden näherten sich an. Das ist auch im Gespräch spürbar: Die zwei Frauen scherzen und lachen gemeinsam, wirken vertraut. „Diese WG ist besser als jede andere“, sagt Juliet strahlend. Es sei schön, ein bisschen wie Familie.

Angriff von Boko Haram zerstörte alles

Ihre eigene Familie ist in alle Winde zerstreut. Eine Schwester lebt in Großbritannien, zwei Brüder in Nigeria und auch ihre beiden Söhne hat sie dort zurücklassen müssen. Der Vater ihrer Söhne lebt in München, doch der Kontakt ist abgebrochen. Juliet erzählt gerne von ihrer Heimat. Besonders von ihrem Geschäft – einem Handel mit Schuhen, Kleidung und Gold, das sie aus Dubai importierte. Sie hatte es sich seit den 90er Jahren selbst aufgebaut: Anfangs fuhr sie einmal in der Woche in die Hafenstadt Cotonou in Benin, um dort Handelswaren einzukaufen, die sie in Lagos in Nigeria gewinnbringend weiterverkaufte. Später war die Nachfrage so groß, dass sie einen eigenen Laden anmieten konnte. Ihre Augen leuchten, als sie davon erzählt. Der Unternehmergeist scheint in der Familie zu liegen: Ihre Mutter betrieb einen eigenen Supermarkt, der Vater war als Bauplaner selbstständig. Nun stehen Tränen in ihren Augen. Denn so gern sie sich an ihre Heimat erinnert, birgt dieses Buch auch dunkle Kapitel. Das wohl Dunkelste ist der Überfall der islamistischen Rebellen von Boko Haram auf ihre Heimatstadt Jos, bei dem ihr Vater vor ihren Augen getötet, ihre Mutter invalide geschlagen wurde. Das Schlimmeste, sagt Juliet, sei die Art und Weise, auf die ihr Vater umgebracht wurde. Wie genau es geschah, behält sie für sich – zu schmerzlich sei die Erinnerung. Von diesem Tag liegt vieles im Dunkeln, an anderes erinnert sie nur verschwommen. Sie weiß noch, dass sie damals entschlossen war, trotz der Vorkommnisse in Nigeria zu bleiben und ihr Geschäft in Lagos im Süden des Landes weiterzuführen.

Bei Angriffen und Anschlägen der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria starben seit 2009 mehr als 13 000 Menschen. Foto: AP

Doch auch dort blieb sie vom Terror nicht verschont: Ihr Laden wurde niedergebrannt – eine Tat, die mutmaßlich ebenfalls durch Mitglieder von Boko Haram verübt wurde. Die verbliebene Familie musste fliehen, wurde über das ganze Land verstreut. Juliet selbst ging nach Beirut, überquerte von dort aus das Mittelmeer. Sie habe keinerlei Erinnerungen an die Reise und auch nicht an ihre Ankunft in Deutschland, sagt sie. Erinnern kann sie sich, dass sie oft in ihrem Zimmer in der Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe gesessen sei und die Tränen, die ihre Wangen hinunterliefen, kein Ende nehmen wollten.

Noch fühlt sie sich nicht zu Hause

Auch heute noch hat sie mit plötzlichen Blackouts zu kämpfen. „Manchmal kann ich Gesprächen oder dem Deutschunterricht gut folgen, dann wieder zieht auf einmal alles an mir vorbei“, sagt sie. Doch das sei nicht das Schlimmste. Was wirklich an den Nerven zehre, sei das Warten und Nichtstun. Denn obwohl sie bereits seit mehr als zwei Jahren in Deutschland lebt, wartet sie noch immer auf ihr Interview und die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen. „Das ist hart, wie ein Gefängnis“, sagt sie. Früher sei sie immer auf Reisen gewesen, heute könne sie nirgends hin. Und sie kann auch ihre Söhne nicht zu sich holen – denn einen Antrag auf Familiennachzug kann sie erst stellen, wenn ihr Asylgesuch anerkannt wurde. Die beiden sind zwölf und 16 Jahre alt. Wieder glitzern Tränen in ihren Augen. „Ich fühle mich schlecht, wenn ich an sie denke“, sagt sie. Nie habe sie die beiden länger als zwei Wochen alleine gelassen. Nun seien sie zwar bei einem Cousin untergekommen, aber dennoch auf sich alleine gestellt.

Obwohl sie froh ist, der Bedrohung durch Boko Haram entkommen zu sein – wirklich in Deutschland angekommen ist sie noch nicht. Ein silbernes Kreuz baumelt an einer Kette um ihren Hals – es erinnert sie an Nigeria. Hier in Deutschland möchte sie sich fortbilden und wieder ein eigenes Geschäft aufbauen, doch das geht nur mit Aufenthaltserlaubnis. „Erst wenn ich meine Söhne bei mir habe, einen Ort habe, an den ich gehöre und etwas tun kann, das mir Spaß macht, dann bin ich wieder ruhig“, sagt sie. Vielleicht nutzt sie auch deshalb das Wohnzimmer nicht, obwohl sie es dürfte. Vielleicht braucht sie noch Zeit, um sich einzuleben. Ein bisschen angekommen ist sie aber schon: Demnächst will Juliet für ihre WG nigerianisches Essen zubereiten.

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