Bei einer Performance: Christoph Schlingensief Foto: Weltkino Filmverleih

Der Dokumentarfilm „Schlingensief“ erinnert an den Ausnahmekünstler, der vor zehn Jahren verstarb.

Stuttgart - Er war laut, kritisch und kreativ, in den Augen vieler aber auch eine Rampensau und schillernder Provokateur: Die Rede ist vom 2010 mit gerade einmal 49 Jahren verstorbenen Film- und Theatermacher Christoph Schlingensief. Mit Werken wie „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ (1989) oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) eroberte er sich bei Fans einer speziellen Nische des deutschen Films den Rang eines Kultregisseurs.

Mit bitteren Protest-Aktionen wie „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ (2000) bei den Wiener Festwochen störte und bewegte er dagegen ein breites Publikum und die Presse. Sein langsames Sterben an Lungenkrebs fand ebenfalls öffentlich statt, weil Schlingensief die Erfahrung seiner Krankheit und den damit verbundenen Sterbeprozess in therapeutisch-kathartischen Theaterprojekten wie „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (2008) und „Mea Culpa – eine ReadyMadeOper“ künstlerisch verarbeiten und vermitteln wollte.

In Bettina Böhlers zweistündiger Doku „Christoph Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ wird dieses kurze Leben nun zur rasanten Achterbahnfahrt, voll von künstlerischer und politischer Aktion. Böhler, die bisher als Editorin mit Regisseuren wie Christian Petzold, Valeska Griesebach, Oskar Roehler und eben auch Christoph Schlingensief gearbeitet hat, montiert anhand einer mal chronologisch geordneten, mal assoziativen Szenen-Collage aus authentischem Video- und Filmmaterial dessen Lebenslauf zusammen.

Schrille Kommentare zum Zeitgeschehen

Witzig sind die frühen Super-8-Szenen, die Schlingensief als Schulkind ab 1968 aufnimmt; einen Fahnen-schwenkenden Nachbarn oder den Film „Die Schulklasse“, kurios und manchmal nostalgisch-rührend auch die Film-Ausschnitte mit Weggefährten wie Helge Schneider, Udo Kier und Tilda Swinton. Ernst wird es, als es um die Motivation des jungen Künstlers geht, sich mit dem Erbe des Faschismus zu beschäftigen. Die Großmutter ist entfernt mit Magda Goebbels verwandt; eine Verbindung, die Schlingensief zusetzt, weil er glaubt, dass sich Erlebnisse früherer Generationen in den Genen Nachgeborener fortpflanzen.

Das Private verbindet Bettina Böhler schlüssig mit Schlingensiefs politischem Programm. Filme wie „100 Jahre Adolf Hitler“ oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“ ordnet sie als eben nicht provokativen Nonsens, sondern als schrille, aber einleuchtende Kommentare zum Zeitgeschehen ein, gespeist aus Schlingensiefs Unbehagen in der Wendezeit.

So erzählt „Das deutsche Kettensägenmassaker“, wie eine westdeutsche Metzgerfamilie nach dem Mauerfall DDR-Bürger zu Wurst verarbeitet – eine konkrete Horrorfantasie zum rücksichtslosen Umgang der Wessis mit ihren wirtschaftlich unterlegenen Brüdern und Schwestern aus dem Osten, wie man ihn während der Privatisierungs- und Abwicklungsphase in der Nach-Wendezeit tatsächlich beobachten konnte.

Als Regisseurin bleibt Bettina Böhler im Hintergrund und überlässt die Deutung von Schlingensiefs Werk und Leben scheinbar ihrem Subjekt allein. Dabei ist ihr Zusammenschnitt wohlkalkuliert und legt inhaltlich einen roten Faden. Was Schlingensiefs Kritikern früher als pure Effekthascherei erschien, wirkt im Rückblick durchdacht. Am Mythos um Schlingensief, an dessen Nimbus als Genie und Leidensmann, bastelt Böhler aber nicht. Sie setzt ihm vielmehr zehn Jahre nach seinem Tod ein facettenreiches Denkmal als Streiter für einen neuen, politischen Film in Deutschland und für ein mutigeres Theater. Der Film zeigt ihn sowohl als nachdenklich-engagierter Krawallnudel wie auch als tragischen Antiheld.

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