Ein bisschen Budenzauber aus dem Computer muss sein. Eine Szene aus Terrence Malicks Wettbewerbsbeitrag „Voyage of Time: Life’s Journey“ Foto: Verleih

Am Lido biegt das Festival auf die Zielgerade ein. Pablo Larraín errichtet Jackie Kennedy ein Denkmal, Terrence Malick pflegt seine Liebe zum Pathos. Und wieder begeistert ein Film, der außer Konkurrenz läuft: Nick Hamms „The Journey“.

Venedig - Von der Entstehung der Welt bis zum Friedensschluss in Nordirland ist es am Lido nur eine Filmlänge weit. Ein wenig konfus geht es in diesem Jahr in Venedig um Gott und die Welt, doch zum Ende hin gibt sich das Festival den letzten Fragen ebenso hin wie den etwas politischer gelagerten Filmen: Terrence Malick, der Theologe unter den Regisseuren, nahm das Publikum mit auf seine ganz persönliche Zeitreise, auch Nick Hamm ging auf „The Journey“, allerdings nach St. Andrews in Schottland, wo sich die nordirischen Kontrahenten an einen Tisch setzten, und Pablo Larraín widmete „Jackie“ ein Denkmal – politisch war an seiner Apotheose der Kennedy-Witwe allerdings nur der Schauplatz, das Weiße Haus, durch das die First Lady mit einer Hingabe führte, die man heute in einem Video auf Youtube bewundern kann.

Diesen damals für das Fernsehen produzierten Film stellt Larraín nach, allerdings ist es beim ihm Natalie Portman, die in der Titelrolle in dieser gefilmten Reminiszenz an bessere Zeiten, vor allem aber in den vier Tagen nach dem Attentat auf den Präsidenten zu sehen ist.

Äußerlich wirkt alles akkurat an Larraíns „Jackie“, ja der Film schwelgt geradezu im Dekor der frühen sechziger Jahre, an dessen Ästhetik seine Hauptfigur schließlich stilbildend mitgewirkt hat. Die Kostüme ihres Lieblingsdesigners Oleg Cassini, die berühmten Pillbox-Hüte, all das sitzt perfekt, und Natalie Portman ahmt die leicht wispernde Sprechweise Jackie Kennedys kongenial nach.

Niemand widerspricht Jackie

Doch Larraín gelingt es trotz seiner historischen Detailversessenheit nicht, eine These, eine Haltung zu seiner Figur zu entwickeln. Niemand widerspricht ihr, keiner fordert sie heraus. „Jackie“ besitzt die gesellschaftliche Brisanz einer Modenschau mit Trauerflor.

Wie anders macht es dagegen Nick Hamms „The Journey“, leider wieder einer dieser herausragenden Filme am Lido, die außer Konkurrenz laufen. Hier wäre mindestens auch ein Darstellerpreis fällig, zu gleichen Teilen für Colm Meaney und Timothy Spall, die den ehemaligen IRA-Kämpfer Martin McGuinness und dessen protestantischen Todfeind, den Prediger Ian Paisley spielen. Nun sollen die beiden im sturmumtosten Schottland das lange geschwungene Kriegsbeil begraben.

„The Journey“ bereitet nicht allein zwei famosen Schauspielern eine Bühne – der Film ist vor allem eine genaue, faszinierende, geradezu lehrreiche Studie politischer Taktik und Rhetorik. Wenn Timothy Spall mit grimmig vorgeschobener Unterlippe seinen Kontrahenten als Terroristen brandmarkt und zum Reuebekenntnis auffordert, und wenn Colm Meaney bauernschlau von einem Bürgerkrieg spricht und dieses Bekenntnis verweigert, dann werden die großen Linien des Konflikts wie seiner Lösungsstrategien ebenso leichthändig wie kraftvoll gezeichnet. Und mehr noch: Im schwierigen Gespräch dieser beiden alten Männer bekommt der Konflikt ein Gesicht, ja, McGuinnes und Paisley sind in diesem Moment der Konflikt, dessen Zerstörungskraft durch die unmittelbare Konfrontation einsichtig wird.

Cate Blanchett als fragende Tochter

Beide Filme reihten sich somit bei den historischen Beiträgen ein, die in Venedig heuer zahlreich vertreten sind – von François Ozons „Frantz“, der als einer der Anwärter auf den Löwen gilt, bis hin zu „Paradise“, dem neuen Film des russischen Altmeisters Andrei Konchalovsky. Auch ihm gelingt es, über drei Biografien ein markantes Zeitbild, in diesem Fall zum Nationalsozialismus, zu zeichnen. Ein französischer Kollaborateur, eine Widerstandskämpferin und ein hochrangiger Nazi durchbrechen immer wieder die Handlung und sprechen wie in einem Polizeiverhör in die Kamera. Auch filmisch umgeht Konchalovsky jene Naivität, die bei „Jackie“ vorherrscht.

Ob unbedarft schwärmerisch oder im Gegenteil tiefgründig ist, was Terrence Malick in seinen Filmen wie dem Cannes-Gewinner „Tree of Life“ treibt, darüber scheiden sich die Geister. Unbestreitbar ist, dass kaum ein Regisseur sich so rückhaltlos pathetischer Überhöhung hingibt wie er – in Venedig tat er dies nun nicht in der Form eines Spielfilms, sondern eines Filmessays, und als sein Sprachrohr agierte Cate Blanchett: „Mutter!“, raunte sie ein ums andere Mal aus dem Off, und sie adressierte als fragende Tochter damit Mutter Erde, oder Mutter Natur, wie man es sehen mag.

Somit gab Malick seinem Schöpfungsmythos „Voyage of Time: Life’s Journey“ ausdrücklich ein weibliches Antlitz. Dazu ließ er Vulkane ausbrechen, seltsam geformte Meeresbewohner die Ozeane durchkreuzen und Dinosaurier in den Sonnenuntergang stieren. Viel computergenerierter Budenzauber war mithin im Spiel bei diesem Film, der immerhin die Erhabenheit der Schöpfung mit den Slums des 21. Jahrhunderts konfrontierte.

Etwas Zivilisationskritik durfte also schon sein, aber im Großen und Ganzen frönte Malick lieber der Schönheit eines sehr teuren populärwissenschaftlichen Hochglanzmagazins. Cate Blanchett riss den Betrachter zwischendurch immer wieder mit ihren „Mother“-Beschwörungen aus der Betrachtung dieser zunehmend dösigen Genesis. Die Elemente walteten; und Terrence Malick sah, dass es gut war.

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